Wie aus dem Gesicht geschnitten

9.10.2011, 14:15 Uhr
Wie aus dem Gesicht geschnitten

© Hubert Bösl

„Wir arbeiten alle gerne mit Doppeldeutungen“, erklärt Kathrin Hausel die Titelfindung für die Triple-Schau. Außerdem habe diese Redewendung — Milchmädchenrechnung — so etwas schön Antiquiertes, was wieder prima zum Ambiente des Kulturortes Badstraße 8 passe. „Die Leute, die herkommen, sagen sehr oft, hier sei die Zeit stehen geblieben.“

Hausel — Lucia Hufnagel, die für eine Mal-Zeit bis Donnerstag in Frankreich weilte, hatte zum FN-Termin ihre Arbeiten noch nicht aufgehängt — hat sich für ihren Bilder-Beitrag aufgemacht, den „Spannungsbogen zwischen Sinn und Unsinn“ zu untersuchen. Dabei kam ihr der Spruch „Allmächd, der Kleine ist dem ja wie aus dem Gesicht geschnitten“ gerade recht. Ein brutaler Eingriff, der eigentlich, so kommt es Hausel vor, nur des Nachts vor sich gehe. Folgerichtig zeigen zwei Kleinformate Mutter und Vater schlummernd – mit frisch entnommenen Gesichtern. Der grinsende Nachwuchs: zusammengeschustert. Und natürlich hat der Kleine Mamas Augen, die Ohren vom Papa, die Nase vom Opa, die Hände von der Oma...

Hausels Arbeiten sind wunderbar klar strukturiert und evozieren Gedanken über unsere scheinbar unendliche Sehnsucht, in Kategorien zu denken. Hier kommen Flickwerk-Kinder augenscheinlich als Produkt ihrer Familiengeschichte auf die Welt und haben kaum eine Chance, eigene Identität zu entwickeln.

Heiter und von Licht durchflutet sind Birgit Maria Götz’ Gemälde. So perfekt ist die Idylle, dass es auf den ersten Blick kaum gelingen mag, die Dimension zu erahnen, die hinter dem Vordergründigen liegt. Da sind etwa die Berge von Akten, die fest verschweißt auf Euro-Paletten kurzfristig in der ehemaligen Milchküche der alten Fürther Kinderklinik lagerten. Als Studie zu Raum, Licht, Anordnung erscheint die Arbeit dem Betrachter. Doch Götz weiß mehr: „Das sind die Sterbeakten von Kindern aus den Jahren 2000 bis 2005.“

Götz hat das Ausstellungs-Motto wörtlich genommen. Da ist die Milchgaststätte im Stadtpark, das Milchmädchen taucht auf als Mädchentraum im weitschwingenden weißen Kleid und langen Zöpfen. Freundliche Milchkühe an einem spanischen Strand sind vertreten. Bruno, den Götz als ihr Lieblingsmodell vorstellt, räkelt sich nackt auf einem Kanapee und entblößt dabei wohlig milchweiße Haut in beleibter Fülle. Beinahe zu schön scheint das alles. Vor allem die Stadtpark-Idyllen, die die Künstlerin in einem atmosphärisch dichten Stil gemalt hat, den sie selbst „Fürther Impressionismus“ getauft hat. Den Bruch mit dieser geheilten Welt legt Götz kurzerhand in die Gedanken des Hinschauenden. Dem wird allzu schnell klar, dass er romantische Utopien betrachtet.

Bleibt nur noch die Frage, ob die Milchmädchenrechnung diesmal glatt aufgeht. Ja, es sieht gut aus.

„Milchmädchenrechnung“: Kulturort Badstraße 8. Wochenenden 12—20, donnerstags/freitags 16—20 Uhr. Bis 30. Oktober.
 

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