Montag, 24.09.2018

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Woche der Brüderlichkeit: Brückenbau hört nie auf

Festveranstaltung ging im Helene-Lange-Gymnasium über die Bühne - 09.03.2018 14:13 Uhr

Für André Hermany ist das Brückenbauen ein niemals endender Prozess – und zwar ganz gleich, ob zwischen Christen und Juden oder den christlichen Konfessionen untereinander. "Aber gerade das macht den großen Spaß daran aus", sagte der katholische Dekan in seinem Grußwort.

Die Festrednerin selbst hinterfragte ganz offen, ob das Motto womöglich nicht zu einer bloßen Phrase verkommen ist. "Gerade Jugendliche wollen nichts einfach so hinnehmen und hinterfragen vermeintliche Gewissheiten", sagte Susanne Talabardon in der überwiegend mit Schülern besetzten Schulaula. "Brückenbau setzt den Wunsch nach Bewegung voraus", so die Professorin für Judaistik an der Universität Bamberg weiter.

Schutz vor dem Elend?

Wenn nun aber manche glaubten, wenn jeder auf seiner Seite bliebe, sei alles gut, "dann kommt auch bei uns nichts mehr an". Zynisch betrachtet, können Brücken aber ebenso dazu dienen, uns vor der weltweiten Armut und dem Elend darunter zu bewahren.

Susanne Talabardon stößt sich außerdem am Begriff der Toleranz: Minderheiten seien nicht zu tolerieren, sondern einfach nur in Ruhe gelassen zu werden: "Ob jemand mit Kopftuch oder Burka herumläuft, geht mich ebenso wenig etwas an, wie wenn jemand mit der Badehose ins Theater geht." Die Festrednerin verweist aber auf eine Ausnahme: "Solange nicht gegen Gesetze verstoßen wird."

Gänzlich dem Brückenmotto wollte sich die Judaistin dann allerdings doch nicht verschließen und griff dafür in die jüdische Religionsgeschichte zurück. "Die ganze Welt ist eine schmale Brücke" ist ein Satz, der auf den Rabbi und Mystiker Nachman von Brazlaw (1772-1810) zurückgeht. Demnach habe der Mensch gar keine andere Wahl, als sein Leben lang einen Fuß vor den anderen zu setzen. Probleme beim Balancieren habe jeder, Furcht vor einem Absturz sei jedoch nicht nötig. "Ein Zerbrechen ist möglich, aber man braucht das unbedingte Vertrauen darauf, dass es sich auch wieder reparieren lässt", betonte Talabardon.

Zweifeln ja, verzweifeln niemals: Diese Lehre habe den späteren Anhängern von Nachman selbst in den dunkelsten Zeiten der Shoah Hoffnung gegeben. Wenn man den Menschen wertschätze wie sich selbst, brauche man keine Abgründe zu überwinden, also auch keine Brücken zu bauen, zitiert Susanne Talabardon den einst in Osteuropa lehrenden Rabbi Nachman.

Gelebte Vielfalt

Gleichzeitig verhehlte sie nicht, dass es ihr "Übelkeit" bereite, wenn sie die Gegenwart mit der jüdisch-deutschen Geschichte vergleiche. Ähnlich wie fremdenfeindliche Gruppen heute gegenüber Zuwanderern und Flüchtlingen hätten Teile der deutschen Gesellschaft im 19. Jahrhundert von "Infiltrierung" durch die jüdische Minderheit gesprochen und dieser, wenn überhaupt, Rechte nur dann zugesprochen, wenn sie der Mehrheit nützlich gewesen seien. Auf diese Paradigmen dürfe man nicht mehr zurückfallen.

Eine Erkenntnis, die Bürgermeister Markus Braun in seinem Grußwort aufgriff. Die Woche der Brüderlichkeit habe auch nach 65 Jahren noch große Aktualität, "denn leider gibt es immer noch antisemitische und rassistische Äußerungen". Dem lasse sich begegnen, indem man Berührungsängste abbaut. In Fürth ist das Motto "Ängste überwinden – Brücken bauen" seiner Meinung nach dagegen Alltag geworden: "Vielfalt in Verschiedenheit ist eine Selbstverständlichkeit." 

ARMIN LEBERZAMMER

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