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Zombies mit Weinglas

Makaber: Jean Chauvelot in der Promenaden-Galerie - 18.06.2014 13:40 Uhr

Düstere Weltsicht: Der haarfeine, ironische Strich regiert in den Werken des aus Metz stammenden Künstlers Jean Chauvelot. © Mark Johnston


Eines der zählebigsten Frankreich-Klischees zeigt die Franzosen als Volk der Feinschmecker, die sich statt an großen Portionen an einer Vielzahl kleiner Happen erfreuen und jeden Bissen mit einem anderen Tröpfchen herunterspülen. Statt schweigend zu kauen, plaudern sie dazu über Kunst und Literatur, knüpfen einen Flirt an und haben sichtlich Spaß an gehobener Konversation.

Es gibt aber auch die Schattenseite. Die Krimis von Claude Chabrol, in denen Tod und Verbrechen mit an der Tafel sitzen. Oder „Das große Fressen“ aus den siebziger Jahren, in dem vier Feinschmecker sich zu Tode dinieren. Man kann sich die schwarzweißen Zeichnungen von Jean Chauvelot durchaus als selbstironischen Wandschmuck für ein Nobelrestaurant vorstellen, das seinen Kunden einen ästhetischen Magenbitter serviert. „Von Bäuchen und Menschen“ nennt sich die Ausstellung, doch Schmerbäuche sucht man hier vergebens.

Nicht der breite Strich regiert, sondern der haarfeine. Chauvelots Gourmets und Gourmands sind eher verblüffend hagere Figuren mit scharfen Nasen und eingefallenen Wangen oder im Gegenteil mit kindlichen Pausbacken gesegnet. Die Münder fehlen oder sind winzig klein. Die Augen versinken als Lichtpunkte in einem Abgrund konzentrischer Schraffuren.

So erweist sich ein Triptychon wie „Vernissage“ als Ansammlung von Zombies mit Weinglas, die nicht nur an Brötchen, sondern auch von Nachbars Schulter kosten. Die Bildergeschichte „Gabelunfall“ erzählt vom Missgeschick eines Gourmets mit seinem Besteck; die Serie „Hochöfen“ gemahnt weniger an Stahlkonstruktionen als an menschliche Verdauungssysteme mit Rohrleitung. Wenn der Tod zuschlägt, dann meist bei der zweitliebsten Beschäftigung. So verliert ein Todeskandidat mit Flasche und Korkenzieher seinen Kopf, gewährt ein Mann einen Tunnelblick durch seinen Bauch, geht ein Wilhelm-Tell-Schuss gründlich daneben. Schwarzer Humor der grimmigsten Sorte.

Und der Künstler selbst? Mit seinen 26 Jahren verfügt Chauvelot über ein bemerkenswert zartes Alter für seine dermaßen düstere Weltsicht. Als Künstler steht er nicht über den Dingen sondern begreift sich selbst als Bestandteil eines Diners und positioniert sich konsequent in einen Mixer. Die Gebrauchsanweisung als Minicomic macht unmissverständlich klar, was mit dem Rohprodukt Mensch zu geschehen habe.

„Von Bäuchen und Menschen“: Galerie in der Promenade (Hornschuchpromenade 17). Nach Vereinbarung unter Tel. 11 70 66 60. Bis 22. August. 

REINHARD KALB

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