Mittwoch, 14.11.2018

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Zu viele Krankenhausbetten? Ärzte kontern AOK-Attacke

Am Fürther Klinikum betonen die Verantwortlichen: Luft im System fehlt - 17.03.2018 06:00 Uhr

Gangbetten sind seit Beginn der Grippewelle wieder Alltag im Klinikum Fürth. Am Wochenende, so ein Sprecher, könnten sie verschwinden. © Archivfoto: Iannicelli


Helmut Platzer hat sich soeben in den Ruhestand verabschiedet. Kurz zuvor sagte er in einem Interview: "Speziell bei den Krankenhäusern gibt es noch immer eine Überversorgung, sprich zu viele Häuser und Betten." Dabei platzen viele Krankenhäuser zurzeit aus allen Nähten. Ende Januar berichteten die FN von einer nach Aussage des Chefs der Zentralen Notaufnahme "dramatischen Lage" am Klinikum Fürth. Daran hat sich wenig geändert. Die Lage sei wegen der anhaltenden Grippewelle weiter "äußerst angespannt", versicherte nun auf Anfrage ein Sprecher.

Seit Beginn der Grippe-Saison wurden 3570 Erkrankte beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit in Mittelfrankens Krankenhäusern registriert. Für gewöhnlich, sagt Dr. Manfred Wagner, medizinischer Direktor des Klinikums Fürth, ebben Grippewellen nach der Faschingszeit ab, in der sich Menschen bei Feiern rasch anstecken. Diesmal sei das anders.

30 bis 40 Grippe-Kranke versorge sein Haus zurzeit, an Spitzentagen sogar mehr als 50. Das Problem: Wegen der hohen Ansteckungsgefahr müssen die Patienten isoliert und in der Folge andere Kranke auf Flure ausquartiert werden. Wie in Nürnberg waren in der Jakob-Henle-Straße zunächst vor allem Fälle von Influenza B zu betreuen. Inzwischen landen auch hier zunehmend Patienten mit der gefährlicheren Influenza A.

Weil sie an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, müssen sich die Krankenhäuser bei der Integrierten Rettungsleitstelle in Nürnberg immer wieder abmelden. Rettungswagen können sie dann von Zeit zu Zeit nicht mehr ansteuern. Laut Wagner musste in der jetzigen Ausnahmesituation auch das Fürther Klinikum immer wieder mal für Stunden passen.

Allgemeinarzt sieht sogar Leben bedroht

Angesichts der reihenweise überfüllten Krankenhäuser sieht ein Allgemeinarzt aus Altdorf sogar Leben bedroht. Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks schildert der Mediziner den Fall eines Patienten, der vor einem Jahr beim Transport nach Bayreuth verstorben sei, nachdem im Raum Nürnberg kein Bett aufzutreiben war. Der Mann prophezeit, es würden zunehmend Menschen "über die Klinge springen".

Der Allgemeinmediziner und Vorsitzende des Ärztenetzes Fürth, Franz Jobst, indes hat, wie er sagt, zwar Anfang März einmal erlebt, dass einer seiner Patienten nicht stationär aufgenommen werden konnte, weil sich alle Krankenhäuser bei der Leitstelle abgemeldet hatten. Doch sei das Leben dieses Menschen nicht bedroht gewesen. Jobst: "Nach meinem Eindruck werden Notfälle, bei denen es um Leben und Tod geht, sehr wohl versorgt."

Bundesweit schrumpft die Zahl der Betten

Fakt ist: Am Fürther Klinikum hat sich die Zahl der Betten in den vergangenen Jahren erhöht. Sie wuchs von 706 (vor 2015) auf jetzt 771 und soll noch weiter steigen. Bundesweit hingegen schrumpft die Zahl der Krankenhausbetten. Wie Mediziner Wagner erklärt, wurden in den letzten 20 Jahren im ganzen Land 20 Prozent der Krankenhausbetten abgebaut. Zugleich sei die Zahl der Krankenhauspatienten bundesweit um 25 Prozent gestiegen. In Fürth sei man dankbar, so Wagner, dass das bayerische Gesundheitsministerium den Bedarf erkannt und die Bettenzahl entgegen dem Bundestrend erhöht habe.

Trotzdem sei auch sein Haus, und das zeige sich in besonderen Situationen immer wieder, nicht in der Lage, Grippewellen und andere Epidemien abzufedern. Wagner erklärt sich das mit dem "überdurchschnittlichen Wachstum Fürths" und damit, dass der Landkreis Fürth als einziger in Bayern kein Kreiskrankenhaus unterhalte.

Kritik an Platzer

Mit Blick auf die Grippewelle und die Krankenhausversorgung auf kommunaler und Landesebene kritisiert Wagner die Äußerung von Ex-AOK-Chef Platzer: "Wir werden uns kein Gesundheitssystem leisten können, das für alle Eventualitäten gewappnet ist. Aber die Luft im System ist schon sehr knapp bemessen bei einer immer älter werdenden Gesellschaft."

Die AOK Bayern sieht Überkapazitäten im stationären Bereich. Sie verweist auf den Krankenhausstrukturfonds, der hier einen Abbau und Konzentrationen vorsieht. Außerdem nehme Deutschland bei den Krankenhausplätzen in der EU einen Spitzenplatz ein und habe pro 100.000 Einwohner fast dreimal so viele Betten wie Schweden. 

Birgit Heidingsfelder

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