Mittwoch, 12.12.2018

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Zwangsvorstellungen al dente

Georg Büchner und George Orwell treffen auf italienische Klangwolken - 22.06.2018 09:37 Uhr

Gleichgeschaltet: Das Coburger Ballettensemble agiert in George Orwells „1984“ uniform. Es lässt keinen Raum für Individuen. © Foto: Thomas Scherer


Die Goodfellas verbreiten vor dem Amtsgericht italienisches Flair. © Foto: Romir


Die Dernière, die letzte Vorstellung, ihrer Produktion ‚Lenz‘ feierte das Theater Augsburg während der Bayerischen Theatertage. Darstellerin Katharina Rehn zeigte in dem Stück den geistigen Verfall eines Dichters.

Nach einer halben Stunde etwa durchbricht Katharina Rehn die vierte Wand, gönnt dem Publikum eine kurze Pause von ihrer beklemmenden Darbietung eines wahnsinnigen Charakters. Es darf gelacht werden, als sie scherzt, dass die Schauspielerei nichts weiter sei als die Vermeidung eines ernsthaften Berufs. Davor und danach bleiben dem Betrachter sämtliche Emotionen im Halse stecken, als sie den geistigen Verfall des Dichters Lenz mit allerlei Gebaren auf die Bühne bringt.

Die wahre Geschichte des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz inspirierte Georg Büchner für seine Fragment gebliebene Erzählung, die wiederum Rehn als Basis für ihren Text verwendet. Charakter Oberlin, den Pfarrer und Gesprächspartner von Lenz, macht sie zum Schlagzeuger (Simon Popp in seiner ersten Rolle) und einzigen Begleiter ihrer weitestgehend Monolog bleibenden Darbietung. Dabei erhält sie Elemente des Originaltextes, etwa die Kritik am religiösen Dogmatismus und am Umgang mit geistig Kranken, aber auch den Vater-Sohn-Komplex Büchners. Der Vater als unerreichbarer Maßstab, gnadenloser Kritiker. Rehn spricht zu ihm wie zu einem Gott, betet gar das Vaterunser.

Man kommt Lenz nahe, sehr nahe, kann ihm fast die Hand reichen. "Fass mich nicht an!", schreit Rehn, als es ein Zuschauer – freilich nach ihrer Aufforderung – tatsächlich versucht. Man geht mit dem Dichter durchs Gebirge, auch in der Vorlage stets Höhepunkte Lenz‘ fortschreitenden Wahnsinns, sucht mit ihm den Sinn seines Daseins in der Welt. Die Suche bleibt vergebens, die Kraft ist aufgebraucht.

Italienisches Flair

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann: Im Rahmen der Bayerischen Theatertage luden die "Goodfellas" am Hallplatz zu einem musikalischen Italien-Ausflug. Eigentlich sollte die Combo im "Gewächshaus" spielen. Doch bei sommerlichen Temperaturen, ging nur eine Handvoll Menschen hinein. So beschlossen die vier Jazzer spontan, im Freien zu spielen.

Dort taucht die untergehende Sonne die benachbarte Kirche in ein warmes Licht, während am Himmel bereits die Sichel des Mondes zu sehen ist. Die Menschen entspannen am künstlichen Sandstrand und die Band spielt "O sole mio".

Es sind solche Klassiker , welche die "Goodfellas" im Gepäck haben, aber auch Filmmusik – denn schließlich sind der Name und das Puppenspieler-Logo der Band deutlich inspiriert von zwei Klassikern des Gangster-Films: Francis Ford Coppolas "Der Pate" und natürlich Martin Scorseses "Goodfellas". Zum Glück sind die ehrenwerten Herren um den Nürnberger Schlagzeuger Stephan Schmeußer eine reine Wohlfühl-Mafia.

Sämtliche Lieder werden in sanft swingenden Jazz-Versionen dargeboten, die sich von Klischees frei machen und den Raum öffnen für sommerliche Träume. Insgesamt ein Abend, der sehr viel mehr ist als nur "Nebenprogramm" der Bayerischen Theatertage – nämlich ein rundum gelungenes Konzert, bei dem Raum und Klang perfekt zusammenpassen. Da capo!

Ballett 1984

Der große Bruder tanzt nicht. Mit einem Ballett nach George Orwells Klassiker "1984" ist das Landestheater Coburg zu den Bayerischen Theatertagen ins Stadttheater Fürth gereist. Der ambitionierte Versuch, ein Buch in Bewegung zu setzen, wurde vom Publikum gefeiert und traute aber seinen Möglichkeiten selbst nicht ganz.

Manche behaupten, "1984", diese entsetzlich klarsichtige Geschichte über einen allmächtigen Überwachungsstaat, sei eines der einflussreichsten Bücher im 20. Jahrhundert gewesen. Fragt sich bloß: Welcher Einfluss denn bitte? Keinen einzigen Moment seit dem Erscheinungstag des Romans anno 1948 war diese Welt frei von totalitären Ideen, von Unterdrückung und Wahrheitsbeugung.

Doch seit der Amtseinführung von Donald Trump als Präsident steht "1984" wieder auf den Bestsellerlisten und viele wundern sich plötzlich über die Aktualität von Orwells Dystopie. Auch Takashi Yamamoto und Matthias Straub, die das Werk als Ballett eingerichtet haben, verfallen in dieses Staunen. Ein Befremden, das wohl nur darauf begründet sein kann, dass der Totalitarismus uns seit geraumer Zeit wieder empfindlich nahe zu rücken scheint.

Yamamoto und Straub jedenfalls finden zu diesen Befürchtungen eindeutige Bilder: Auf die Bühne werden Bilder von Lug und Trug rund um den NSA-Skandal projiziert, Edward Snowden wird zitiert. Mehr noch. Der Tänzer, der den Part von Winston Smith, der Hauptfigur des Romans, übernimmt, gleicht dem amerikanischen Enthüller auffallend. Damit hat das Ballett klar seinen Wirkrahmen abgesteckt. Orwells düstere Visionen werden gegen die reale Entwicklung in den USA abgeglichen. Kann man machen. Die Tanzsequenzen sind konsequent. Gleichförmigkeit dominiert über individuelle Regungen. Gewalt wird visualisiert.

Das ist gut gelöst, leuchtet ein. Aber warum erscheinen wie ein Menetekel an der Wand immer wieder Zitate aus "1984" an der Wand? Und warum sprechen die Tänzer diese Sätze mit? Da hat am Ende wohl der Glaube an die Aussagekraft des Tanzes und der Choreografie gefehlt, die sehr wohl ganz alleine von Orwells fürchterlicher Vision erzählen könnten.

Programm am Freitag:

Mit einer weiteren Ballettproduktion des Theaters Hof warten die Theatertage heute auf. Im Stadttheater geht um 19.30 Uhr Barbara Busers Version von Sergej Prokofijews "Romeo und Julia" über die Bühne. Es spielen die Hofer Symphoniker.

Um einen leukämiekranken Teenager, der vor seinem Tod gerne den Sex kennenlernen möchte, dreht sich "Superhero", ein Stück für Publikum ab 13 Jahre, das um 10 Uhr im kleinen Saal des Kulturforums vom mainfrankentheater Würzburg vorgestellt wird. Im Anschluss ist ein Workshop geplant.

Schauspiel-Studierende der Münchner Theaterakademie August Everding stellen um 20 Uhr in der großen Halle des Kulturforums ihr Clowning-Projekt "Frankenstein" vor. Regie führt der mehrfach ausgezeichnete David Shiner, Clown im Circus Roncalli und Circus Knie.

Auch im Gewächshaus geht es am Abend wieder unterhaltsam zu. Hier spielt ab 21.30 Uhr die 13-köpfige Fürther Damencombo "Die schicken Swingschnitten" unter Leitung von Uschi Dittus auf. Serviert werden Swingstandards, aber auch manche Popsongs. 

MARTIN SCHÜLBE PETER ROMIR SABINE REMPE

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