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Gewinner und Verlierer des Hochwassers

Sandsackverkäufer, Landwirte oder die Tierwelt: Kaum jemand profitiert von der Katastrophe - 20.06.2013 06:56 Uhr

Viele Verlierer und nur wenig Gewinner lässt das Jahrhunderthochwasser in Bayern zurück. © dpa


 

Alle heimischen Vogelarten, wie dieser Mauersegler, haben große Brutverluste zu verkraften. © A._Limbrunner


Heimische Vogelarten:

Egal ob Amsel, Meise, Mauersegler oder Storch: Die heimischen Vögel haben ein verlustreiches Frühjahr erlebt. Von bis zu 90 Prozent Brutausfällen spricht Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Durch die Überschwemmungen hat allen Vögeln die Nahrungsgrundlage gefehlt, die sie in der Brutzeit so dringend und reichlich für ihren Nachwuchs benötigen.

Insekten und Kleintiere wie Mäuse sind regelrecht abgesoffen oder haben sich unter Blättern versteckt. "Teilweise haben die Vögel gar nicht zum Brüten angefangen." Und wenn doch, fielen viele Küken wie die der Störche den kalten Temperaturen und dem Regen zum Opfer. Bodenbrüter wie die Bekassine, die Wiesenweihe oder der Große Brachvogel hatten dieses Jahr keine Chance, ihre Jungvögel großzuziehen.

"Normalerweise können Vögel mit Naturkatastrophen gut umgehen, indem sie die Verluste im folgenden Jahr wieder auszugleichen versuchen", sagt Erlwein. "Aber es fehlen zunehmend Rückzugs- und Ausweichflächen, auf denen sich die Vögel niederlassen können."

Einen kleinen Vorteil haben derzeit Vogelarten wie Amsel, Star oder Meise, da sie in der Regel mehrmals im Jahr brüten. Denn Nahrung, die finden sie nun in Massen. "Die stecken solche Ausfälle leichter weg als beispielsweise ein Mauersegler, der im August schon wieder zu seinem Winterquartier aufbricht", sagt Erlwein.

Insekten sind ebenfalls eine der großen Verlierer des Hochwassers - ausgenommen die Mücken. © Ernst Gruner


Insekten:

Für Mücken hätte das Jahr gar nicht besser laufen können. In den überschwemmten Wiesen konnten die Stechtiere ihre Eier ablegen. Auf viel Wasser folgt nun angenehme Wärme für die Insekten. Perfekte Bediengungen also. Für Heuschrecken und Schmetterlinge dagegen war das Hochwasser die reinste Katastrophe. Viele Larven gingen kaputt.

Die Gelbbauchunke profitiert vom Hochwasser. © Anna Schneider


Amphibien:

Gelbbauchunken, Kreuz- und Wechselkröten lieben feuchtes Wetter und profitieren von dem vielen Regen. Ihr größter Feind ist nun die große Hitze, die Pfützen und Tümpel schnell austrocknet.

Breite, schlammige Fahrspuren ziehen sich durch die Wiese. Das Heu, das an diesen Stellen gewachsen ist, kann nicht mehr verfüttert werden. © asch


Landwirte:

Nicht nur die Heuernte, sondern der gesamte landwirtschaftliche Terminkalender ist durch das Hochwasser in Verzug geraten. Der Mai ist besonders wichtig für das Wachstum der Pflanzen, war in diesem Jahr war er aber viel zu kalt und zu nass. Wie viele Feldfrüchte hatten die vor dem Hochwasser bereits aufgegangenen Maispflanzen von Hans ihr Wachstum aufgrund des Dauerregens mehrere Wochen fast eingestellt. "Er ist gerade einmal zehn Zentimeter hoch, obwohl er um diese Zeit bereits einen halben Meter hoch sein müsste“, erklärt Lanwirt Hans aus einem kleinen Dorf nahe Höchstadt a.d. Aisch.

Trotzdem hat der Mais aber noch gute Chancen, schön zu wachsen und eine zwar verspätete, aber gute Ernte abzuwerfen: Wenn die Pflanzen in den nächsten Monaten viel Sonne bekommen, dabei aber nicht unter der Hitze leiden müssen, wie es in den vergangenen Jahren schon oft der Fall war, dann werden die Rinder von Hans und Sigrid im nächsten Jahr genug Futter haben.

Das bereits im Herbst und Frühjahr gesäte Getreide dagegen scheint den Regen erstaunlich gut vertragen zu haben. Auch der Meerrettich und Zuckerrüben mögen viel Wasser und wachsen dieses Jahr auf Äckern, die nicht vom Hochwasser betroffen sind. Wenigsten um diese Ernten muss sich Hans dieses Jahr keine Sorgen machen.

Gemüsebauern aus dem Knoblauchsland versuchen, die erhöhte Nachfrage nach Gemüse in Bayern zu befriedigen. © Frisbee Medien


Gemüsebauern:

Es fällt schwer, etwas Positives aus dem viel zu nassen Frühjahr und dem Jahrhunderthochwasser in Niederbayern und Teilen Frankens zu ziehen. Doch die Gemüsebauern im Knoblauchsland, die von der großen Katastrophe größtenteils verschont blieben, registrieren nun eine erhöhte Nachfrage ihrer Produkte. Der jährliche Preiseinbruch für Gemüse um diese Zeit bleibt deswegen aus

Für den Verbraucher kaum bemerkbar, beginnt für die Gemüsebauer im Frühsommer die Saure-Gurken-Zeit. Heimisches Gemüse wie Tomaten, Kartoffeln und Salat überschwemmen den Markt und die Preise rauschen in den Keller. "Normalerweise müssen wir den Großhandelsketten unsere Produkte dann anbieten wie sauer Bier", sagt Anton Offenberger vom Gemüseerzeugerring Knoblauchsland.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Denn in großen Teilen Niederbayerns ist die Ernte durch das Hochwasser völlig zerstört. Auch in Franken müssen die Landwirte zum Teil mit großen Verlusten rechnen. „Wir beobachten derzeit so stabile Preise, wie wir sie schon seit Jahren nicht mehr hatten“, sagt Offenberger. "Unser Gemüse ist kein Ramschartikel wie es normalerweise in dieser Zeit der Fall ist.“

Binnenschiffer müssen herbe Verluste fürchten, weil ihre Boote wochenlang nicht fahren konnten. © dpa


Binnenschiffer:

Wegen des teils dramatischen Hochwassers warten einige Schiffe auch auf dem Main-Donau-Kanal bereits seit etwa zwei Wochen auf ihre Weiterfahrt. Diese ungeplanten Liegezeiten würden einen Schiffseigner zwischen 1000 und 2000 Euro pro Tag kosten, so der Branchenverband der Binnenschiffer. Selbst wenn die Schifffahrt auf allen Flüssen wieder freigegeben wird, so gebe es erneute Wartezeiten an den Schleusen.

Durchschnittlich werden rund 230 Millionen Tonnen Fracht über die deutschen Flüsse zu ihrem Ziel befördert. Laut Statistik gibt es etwa 1000 deutsche Gütermotorschiffe. Etwa 400 davon werden von Familienunternehmen, die ein Schiff besitzen, gelenkt. Der Verband rechnet insgesamt mit Millionenschäden für die deutsche Binnenschifffahrtsunternehmen.

Sandsackverkäufer hatten Hochkonjunktur während des Hochwassers. © dpa


 Sandsackverkäufer:

Stefan Seidel aus Braunschweig machte in den vergangenen Wochen das Geschäft seines Lebens. Seine Firma verkauft Sandsäcke - gefüllt und ungefüllt, klein oder groß, aus Jute oder Kunststoff. 3,5 bis 4 Millionen Sandsäcke hat Seidel zum Teil persönlich ausgeliefert in den vergangenen drei Wochen. Soviel verkauft das Unternehmen normalerweise pro Jahr. Zwei Wochen war das Büro ununterbrochen besetzt. Erst langsam kehrt wieder etwas Ruhe ein.

"Natürlich verdiene ich damit Geld, habe aber kein ungutes, sondern ein extrem gutes Gefühl, weil ich durch viele persönlich durchgeführte Lieferungen und Gespräche sehr wohl weiß, wie es in den Krisengebieten aussieht und wie dankbar die Betroffenen sind, wenn wir Ihnen mit unseren Sandsacklieferungen zumindest ein klein wenig helfen", sagt Seidel. Viele Firmen hätten die Notlage der Menschen ausgenutzt und einen ungefüllten Sandsack für einen Euro oder mehr anstatt für 30 Cent verkauft. Nicht so Seidels Betrieb. "Von solch einem  Geschäftsgebaren distanziere ich mich ausdrücklich."

Auch wenn Seidel finanziell von dem Hochwasser profitierte, stehen für ihn vor allem die Einzelschicksale und persönlichen Katastrophen im Vordergrund: "Ich hoffe persönlich, dass ein Hochwasser in solchem Ausmaß nie wieder geschieht." 

Katrin Wiersch/Annemarie Schütz/dpa

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