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Ein Kraftakt mit „Mikromuskeln“

Hightech aus Gunzenhausen: Aktuatoren der Alfmeier-Tochterfirma Actuator Solutions - 22.02.2014 06:00 Uhr

Markus Köpfer fungiert als Chief Executive Officer bei der Actuator Solutions GmbH (ASG).

Markus Köpfer fungiert als Chief Executive Officer bei der Actuator Solutions GmbH (ASG). © Wolfgang Dressler


Der eine Mitarbeiter stammt aus der hiesigen Region, sein Kollege aus Finnland und weitere aus Italien oder Fernost. Sie alle gehören zur Actuator Solutions GmbH (ASG). Dieses Unternehmen ist 2011 von der Alfmeier Präzision AG mit Stammsitz in Treuchtlingen und der italienischen Firma SAES Getters gegründet worden.

Noch Ende 2012 sah es in dem Werk sehr düster aus. Der bisherige Eigentürmer Bystronoc glass hatte sich überraschend auf seinen Standort in Baden-Württemberg konzentriert und Gunzenhausen ade gesagt – sehr zum Missfallen von vielen Mitarbeitern und Politikern. Dabei war gerade im Gunzenhäuser Rathaus die Hoffnung groß gewesen, dass Bystronic mit seinem Neubau auf Dauer hier bleiben wollte. Wo vorher Maschinen für die Bearbeitung von Glas entstanden waren, herrschte nun gähnende Leere. Dem einstigen Vorzeigeobjekt in der „Scheupeleinsmühle“ drohten ein längerer Leerstand und eine ungewisse Zukunft.

In dieser misslichen Situation stieg die Alfmeier Unternehmensgruppe ein. Eine mit ihr kooperierende Immobiliengesellschaft erwarb das Verwaltungsgebäude und die Werkhallen und vermietete den Komplex langfristig an die ASG. Dort ist auch noch mehr als ausreichend Platz für die k3works gmbh, eine hundertprozentigen Tochtergesellschaft von Alfmeier. Die k3works verlagerte den Bau von Sondermaschinen und Prototypen von Wettelsheim nach Gunzenhausen. Ihre Platzprobleme gehörten mit diesem Schritt der Vergangenheit an.

In den ersten Monaten des Jahres 2013 war somit an der Richard-Stücklen-Straße Aufbauarbeit zu leisten. Die äußeren Bedingungen mussten den Erfordernissen von ASG und k3works angepasst werden, und das hat gut geklappt. Darin sind sich Alfmeier-Vorstand Markus Gebhardt und ASG-Geschäftsführer Markus Köpfer einig. Die Entscheidung, nach Gunzenhausen zu gehen, sei richtig gewesen. Man habe eine „ideale, bezugsfertige Fabrik“ vorgefunden, und das genau zur richtigen Zeit. „Wir sind hier angekommen und fühlen uns wohl.“ Das liege nicht zuletzt auch am kurzen Draht zum Gunzenhäuser Rathaus.

Zwar habe man sich im Vorfeld auch im Raum Nürnberg umgeschaut, aber die Vorteile des früheren Bystronic-Werks hätten dann doch den Ausschlag gegeben. Nicht zuletzt wäre die Option Nürnberg von den Kosten her nicht vergleichbar gewesen, betont Markus Gebhardt, in der Alfmeier Gruppe zuständig für Geschäftsentwicklung, Produkte, Beteiligungen. Der Mittelständler Alfmeier ist seit jeher stark als Automobilzulieferer. In dieser Beziehung – aber auch darüber hinaus gehend – sei die ASG, die über ein enormes Wachstumspotenzial verfüge, ein wichtiger Baustein innerhalb der Gruppe.

Gebhardt und Köpfer bezeichnen die ASG als Hightech-Unternehmen. Es sei in den Bereichen Automobil, Medizintechnik, Telekommunikation und „weiße Ware“ (Haushaltsmaschinen) aktiv. Hergestellt werden Mikro-Aktuatoren. Dabei handelt es sich um kleine oder gar winzige Motoren, die elektrische Signale in mechanische Bewegung umsetzen. Das Besondere: Die Aktuatoren arbeiten auf der Basis von Formgedächtnislegierungen. Diese heißen auf Englisch Shape Memory Alloy (SMA). Es kommen Drähte aus einer speziellen Metalllegierung zum Einsatz. Bei der Produktion der Drähte gibt man den Metalllegierungen spezielle Formen vor. Durch Wärmezufuhr „erinnern“ sich die Drähte an die festgesetzte Form, selbst nach einer vorherigen starken mechanischen Beanspruchung. Eine Metallfeder, die extrem verformt wurde, kehrt nach Erwärmung auf wundersame Weise in ihren Urzustand zurück. Markus Gebhardt nennt das Ganze „eine Art Mikromuskel“, es wird eine enorme Kraft freigesetzt. Mit dieser Technologie sei man der Konkurrenz um Jahre voraus.

Wer mit diesen Mikro-Aktuatoren arbeitet, der kann die alte Magnetventiltechnologie hinter sich lassen, wo schwere, größere Elektromagnete zum Einsatz kommen. Das hat die Automobilindustrie längst erkannt und zu schätzen gelernt. Die Actuator Solutions produziert in Treuchtlingen die Aktuatoren, und Alfmeier selbst baut die Aktuatoren in SMA-Ventile ein. Paradebeispiel ist der Einsatz dieser Ventiele in den Autositzen namhafter Hersteller. Der Autositz von heute ist – nicht nur in den Fahrzeugen der Premiummarken – ein sehr diffiziles Teil. Es passt sich der jeweils Platz nehmenden Person an, bietet mehr Sicherheit und mehr Komfort, etwa in Form der Lordosen-Rückenmassage. Um das alles zu steuern, werden die kleinen, leichten SMA-Ventile gebraucht. Der Durchbruch kam mit dem Einsatz in der S-Klasse von Daimler-Benz. Das Segment erfuhr seitdem ein starkes Wachstum. Die Stückzahlen sind riesig, und davon profitiert die ASG und die gesamte Alfmeier Gruppe.

Die Entwicklung sei aufwendig gewesen, man habe viel Kraft, Wissen und Geld hineinstecken müssen – und es habe sich gelohnt, so das Fazit von Markus Gebhardt über die SMA-Technologie. Diese habe noch viel Potenzial in anderen Bereichen, und hier kommt der Standort Gunzenhausen ins Spiel. Die ASG hat vor, bei der Herstellung von Handys mitzumischen. Die Mobiltelefone sollen immer bessere Kameras beinhalten. Diese stellen sich automatisch scharf, was mit Hilfe winzigster Bewegungen geschieht. Die Actuator Solutions kann den Rahmen für die Kameralinse liefern, der mithilfe von Shape Memory Alloy diese Bewegungen bewirkt, und das auf einem bisher nicht möglichen technischen Niveau.

Das hört sich alles recht einfach und schlüssig an, bedarf aber einer umfangreichen Forschung und Entwicklung. Die ASG-Mitarbeiter in Gunzenhausen konzentrieren sich seit Monaten auf die Entwicklung, Validierung und Vermarktung der Hightech-Produkte für die Telekommunikation. Dabei hat man einen starken Partner in Taiwan an der Hand, der eng mit dem Joint-Venture-Unternehmen kooperiert und seinerseits schon viel für den angestrebten Technologiesprung investiert hat. Markus Gebhardt ist sich bewusst, dass diese Neuerung nicht automatisch zum gewünschten unternehmerischen Erfolg führen wird. Die Chancen stünden aber gut, man könne zuversichtlich sein. Wie beim Automobilbau könne es auch bei der Handyproduktion zum Schluss um hohe Stückzahlen gehen. Für die Anfangsproduktion in Gunzenhausen sind fast alle Vorbereitungen getroffen. Es ist ein „Reinraum“ entstanden, wo die raffinierten Objektiv-Verstellungen für Handykameras entstehen werden.

Der Alfmeier-Vorstand nennt das Ganze einen Kraftakt. Die Unternehmensgruppe habe mit dem Joint-Venture-Partner neun Milli­onen Euro in die ASG gesteckt, außerdem stünden heuer nochmals erhebliche zusätzliche Investitionen an. Man wolle langfristig in Gunzenhausen bleiben. Die Zeichen stünden auf Wachstum. Derzeit beschäftige die Actuator Solutions GmbH in Gunzenhausen und Treuchtlingen 25 Personen. 

WOLFGANG DRESSLER

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