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Die Entscheidung der beiden Hebammen, die seit 21 bzw. vier Jahren im Beruf sind, fußt auf der gesellschaftlichen Entwicklung. Und die sieht aufgrund der demografischen Daten nicht günstig aus. Durch stetig sinkende Geburtenzahlen und steigende Haftpflichtversicherungsprämien können Beleghebammen kein ausreichendes Einkommen mehr erzielen und müssen entweder umschulen oder an größere Krankenhäuser mit deutlich mehr Geburten wechseln.
Sabine Möckel, die ebenso wie ihre Kollegin Jasmin Treiber, bisher in der Hebammenpraxis in der Gunzenhäuser Bahnhofstraße tätig war, sieht die Zukuft schwarz: „In wenigen Jahren werden Schwangere im ländlichen Bereich keine Hebamme mehr finden.“ Tatsache ist heute schon, dass es bundesweit keine Nachfolger für Belegärzte gibt, die Geburtshilfe im Krankenhaus anbieten. Die Gründe dafür sind vielschichtig: die zu hohe Haftpflicht (3600 bis 5000 Euro im Jahr), die schlechten Arbeitsbedingungen und die immer komplizierter werdende rechtliche Sitution. Deshalb, so die Befürchtung vieler Hebammen, sind mehr und mehr Belegabteilungen an kleineren Krankenhäusern von der Schließung bedroht.
Wie sieht nun die Lage in Gunzenhausen aus? Jürgen Winter, der Vorstand der Kreiskliniken Weißenburg-Gunzenhausen, hat zunächst eine für alle Gebärenden gute Nachricht: 2011 wird sich nichts ändern, es gibt keine Einschränkungen am Krankenhaus in Gunzenhausen. Momentan sind hier Dr. Hartwig Holzberger und Dr. Herbert Goerk als Belegärzte tätig. „Wir suchen nach einem dritten Belegarzt“, sagt Jürgen Winter, der sogar eine bundesweit agierende Personalagentur eingeschaltet hat. Käme ein dritter Mediziner dazu, dann könnte auf Dauer die Geburtshilfe am Gunzenhäuser Krankenhaus erhalten bleiben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die Hebammenpraxis in der Bahnhofstraße, an der bisher fünf Hebammen tätig waren, bleibt erhalten.
Sabine Möckel und Jasmin Treiber gehen aber den neuen Weg, weil sie skeptisch sind („Es schaut nicht gut aus!“), ob die Geburtshilfe am Gunzenhäuser Krankenhaus noch lange Bestand haben wird. Sie können aus eigener Erfahrung bestätigen, was andere prophezeien: „Viele Belegabteilungen in Deutschland sind von der Schließung bedroht.“ „Wir möchten auf lange Sicht den Müttern die Möglichkeit geben, im Landkreis entbinden zu können“, sagt Sabine Möckel. Fachleute bestätigten, dass die Geburt in einer außerklinischen und von Hebammen geleiteten eirnichtung genauso sicher ist wie eine Klinikgeburt. Sogar die Weltgesundheitsorgansiatin (WHO) stuft beides als gleich sicher ein. Jede gesunde Schwangere habe ohnehin die freie Wahl des Geburtsortes. Die Anwesenheit einer Hebamme bei der Geburt ist gesetzlich vorgeschrieben, die eines Arztes aber nicht.
Jasmin Treiber unterstreicht die Qualifikation ihrer Kolleginnen: „Wir Hebammen sind Fachfrauen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Wir sind dafür ausgebildet, eine normale Schwangerschaft bis ins normale Wochenbett zu begleiten. Nur bei Abweichungen, die aber selten sind, wird ein Facharzt für Geburtshilfe hinzugezogen.“ Die beiden Neu-Muhrerinnen verweisen darauf, dass die Gebärenden in die Ansbacher Klinik kommen, wenn ein Kaiserschnitt vorgenommen werden muss. Dort gibt es die besten Klinikstandards. Geburtshaus als Schutzraum Das Geburtshaus in Muhr ist das erste im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen und eines von wenigen in Mittelfranken. In der näheren Umgebung gibt es eine ähnliche Einrichtung nur in Meinhardswinden bei Ansbach.
„Wir fangen erst einmal klein an und sehen dann, ob noch eine weitere Kollegin dazu kommt“, gibt sich Sabine Möckel realisitisch. Sie spricht von einem „geschützten Raum für schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen“, also von einem ganzheitlichen Ansatz. Und der beginnt bereits bei der Beratung der Schwangeren. Durchaus kritisch sieht sie manche bisherigen Abläufe: „Viele Ultraschalluntersuchungen sind nicht unbedingt gesund.“ Die Geburt sei zunächst einmal eine ganz selbstverständlich und normale Sache. Die meisten Vorsorgeuntersuchungen könnten und dürften die Hebammen machen, aber: „Ultraschall dürfen wir nicht auswerten.“
Treiber und Möckel rechnen in den ersten Jahren mit 40 bis 50 Geburten im Jahr. Das Geburtshaus ist von allen Krankenkassen anerkannt. Schnell geschaltet hat der Muhrer Bürgermeister Roland Fitzner, als er von seiner Mitbürgerin Sabine Möckel von deren Absichten Wind bekam. Er war gleich Feuer und Flamme für das Projekt und stellte rasch ein geeignetes Grundstück im neuen Gewerbegebiet zur Verfügung. Nur einen kleinen Haken hatte die Sache: der Flächennutzungsplan musste wegen einer geringfügigen Überschreitung der überplanten Fläche geändert werden. Aber das wurde im Eilverfahren bewerstelligt. Eigentlich wollte die Mitteleschenbacher Firma Lang & Lang den Rohbau bis zum Wintereinbruch fertigstellen, was jedoch nicht mehr gelang. So verschiebt sich die Eröffnung des Geburtshauses auf Juli 2011. Auf einer Grundfläche von 150 Quadratetern entsteht im Geburtshaus mit Geburtsraum, Bad, Untersuchungszimmer, Küche, Kursraum und Büro (Bereitschaftszimmer).

In unserer hektischen Zeit kommt das Nachdenken oft zu kurz.