Dienstag, 20.11.2018

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Flüchtlingshilfe Wald hilft beim Ankommen

Regelmäßiger Integrationsstammtisch - Unterstützung im Alltag - 21.03.2018 06:00 Uhr

Günter Göllner (vorne rechts) in seinem Element. Am Integrationsstammtisch im "Café mittendrin" unterhält er sich mit Mitarbeitern der Flüchtlingshilfe und den Fachleuten der Freiwilligenagentur des Landratsamtes. © Reinhard Krüger


Derzeit leben nach Information von Artur Berk, dem Leiter des zuständigen Ausländerreferats im Landratsamt 680 anerkannte Flüchtlinge und 547 Asylbewerber im Landkreis. Mit einem eigenen Stammtisch "Integration" wollen Verantwortliche wie Mitarbeiter seit zwei Jahren einmal im Monat ihr Netzwerk weiter ausbauen. Derzeit gebe es 16 Helferkreise im Landkreis. Ein Besuch im "Café mittendrin" beim Ärztehaus in Gunzenhausen.

Die Idee hat etwas: hören, wie es anderen geht, von den eigenen ersten Gehversuchen im Sprachkurs zu berichten, zu wissen, man ist nicht allein. Der Geräuschpegel ist hoch, die Männer und Frauen sitzen sich an den viereckigen Tischen gegenüber und reden und reden und reden. Hochkonzentriert und leidenschaftlich wird diskutiert, Meinungen werden abgewogen und erzählt, wie es einem ergeht, der mit Migranten zu tun hat. So wie Barberin Mehl. Die Mutter von vier erwachsenen Kindern organisiert beispielsweise einen Sprachtreff für Frauen. "Egal aus welchen Ländern", sagt sie. Tatsächlich aber erscheinen meist syrische Frauen, um so Alltagsbegriffe wie Löffel, Messer oder Müsli langsam und deutlich nachzusprechen. "Wir trainieren Einkaufen im Supermarkt, sind dabei, wenn sie sich im Job-Center der Agentur für Arbeit anmelden oder einen Arzttermin telefonisch vereinbaren", sagt die Helferin. "Manchmal reden wir auch nur mit Händen und Füßen, wenn wir selber nicht weiter wissen." Wer von so weit her kommt und eine bislang völlig fremde Kultur kennenlernt, kommt erst einmal aus dem Staunen nicht heraus. 
Diese Erfahrung machen Helfer wie Barberin Mehl immer wieder. "Wir mussten den Müttern zeigen, wie sie mit ihren Kindern spielen", sagt sie etwa. In ihren Herkunftsländern sei das überhaupt nicht üblich. Und warum engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe? "Weil es mir viel Spaß macht und ich selbst in meinem Leben bereits 17-mal umgezogen bin", sagt sie. Sie weiß, wie wichtig Hilfen in einem fremden Land für die Betroffenen sind. 

"Einfach da sein für die Menschen"

Dreh- und Angelpunkt der Walder Flüchtlingshilfe ist Günter Göllner aus Wald. Der 65-jährige Rentner ist 2. Vorsitzender des Vereins und unermüdlicher Motor in Sachen Integration. Der gelernte Elektriker macht nicht viel Aufhebens um dieses Engagement und war bereits in seinen Berufsjahren in München und im Allgäu ehrenamtlich bei den Rettungssanitätern und in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Sein Credo: "Einfach da sein für die Menschen". So baute er beispielsweise aus einer ehemaligen Pension eine Flüchtlingsunterkunft für 20 Personen. Unterstützt wird er dabei von Edmund Strauß aus Muhr, einem ehemaligen Ausbilder für Gabelstapler, der Migranten die hohe Kunst und Fertigkeit im Umgang mit diesen technisch anspruchsvollen Gefährten beibringt. Er bevorzugt dabei die, die vom Job-Center als anerkannte Flüchtlinge gelten. "Wer keine Arbeit hat, den wollen wir in Arbeit bringen", sagt er. 

Fremdsprache für Neuankömmlinge

Eine der größten Hürden der Integration ist aber die Sprache. Damit die Integration in der Region gelingen kann, hat es sich Veronika Ortega aus Wald zur Aufgabe gemacht, Deutsch als Fremdsprache in Kursen anzubieten. Jahrelang hat die studierte Dolmetscherin ausländischen Studierenden ihre Heimatsprache beigebracht und hat selbst jahrzehntelang im Ausland gelebt, wo sie in fremde Kulturen und Sprachen integriert wurde. In Gunzenhausen hat sie es mit Analphabeten und akademisch gebildeten Menschen gleichermaßen zu tun. Um allen einigermaßen gerecht zu werden, hat sie sogar einen Leitfaden für Sprachvermittler in ("Mehr als Wörter") der Flüchtlingshilfe herausgebracht. "Jeder, der aus einer anderen Sprache kommt, hat eine eigene Schwierigkeit", sagt sie. 

Es sind Menschen wie Günter Göllner, Barberin Mehl, Veronika Ortega oder Christa Weigl und Ruhestandspfarrer Hartmut Kühnel, der sich mit seiner Frau zusammen um Menschen wie Liya kümmert. Die 17-Jährige lebt seit knapp drei Jahren in Deutschland und steht kurz vor dem Abschluss an der Mittelschule in Gunzenhausen. Danach möchte sie eine Ausbildung als Heilerziehungspflegehelferin bei Regens Wagner beginnen. 

Wie sinnvoll helfen?

Auch wenn Liya bereits ein sehr gutes Deutsch spricht, ist sie zusammen mit ihrer Großtante derzeit nur geduldet, dieser Status wird aber regelmäßig verlängert „Dafür lohnt es sich, zu kämpfen“, schöpft Christa Weigl immer wieder Mut. „Deshalb kommen wir zusammen, um zu reden, wie wir den Menschen sinnvoll helfen können.“

Dabei werden Mitarbeiter von Integrationslotsin Judith Schneider und Dorothee Bucka von der Freiwilligenagentur im Landratsamt unterstützt. „Wenn Ehrenamtliche nicht mehr weiter wissen, dürfen sie sich gerne an uns wenden“, macht Dorothee Bucka deutlich, dass auch der Landkreis hinter der Idee mit dem Stammtisch steht. Für die beiden Frauen ist der Besuch des Stammtisches eine gern wahrgenommene Pflichtveranstaltung. 

Einmal im Monat donnerstags ab 18 Uhr trifft sich der Stammtisch im "Café mittendrin" in der Osianderstraße 25 in Gunzenhausen. Die nächsten Termine: 19. April, 17. Mai, 14. Juni und 19. Juli. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Es werden weitere Helfer dringend benötigt.  

Reinhard Krüger

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