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Fränkischer Sommer: "Hexen, Henker, Hinrichtungen"

Von der Spitalkirche zur Stadtkirche erzählt eine Führung die Geschichte von Gunzenhausen - 02.09.2011 18:23 Uhr

Stadtführerin Elke Hartung (rechts) erzählte den Teilnehmern der Führung „Hexen, Henker, Hinrichtungen“ vom traurigen Schicksal des Ritters Burkhard von Seckendorff, der in der von ihm gestifteten Spitalkirche seine letzte Ruhestätte gefunden hat. © Ellinger


Die Spitalkirche ist der Ausgangspunkt für die Führung „Hexen, Henker, Hinrichtungen“, zu der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Fränkischer Sommer“ eingeladen wurde. Gestiftet wurde die Kirche samt Spital, Badstube und Ländereien 1352 von Ritter Burkhard von Seckendorff, der damit sein Seelenheil retten wollte, was in der Zeit des Ablasshandels durchaus nichts Ungewöhnliches war. Der Hintergrund für diese Wohltat aber ist eine eher traurige Geschichte: Auf dem Weg zurück von einer erfolglosen Jagd erschoss der Ritter versehentlich seine Geliebte Hedwig, die ihm entgegenkommen wollte. Auch das „Kreuz im Altmühltal“, das am Parkplatz Oettinger Straße steht, geht der Sage nach auf Burkhard von Seckendorff zurück, der zusammen mit seinem Bruder seine letzte Ruhestätte in der Spitalkirche gefunden hat.

Daumenschrauben angelegt

Zur Anlage rund um das Gotteshaus gehörte auch ein Folterturm, ein dunkler, unheimlicher Ort, erzählte die Stadtführerin weiter. Und der wurde auch genutzt, beispielsweise für Verhöre während der Zeit der Hexenverfolgung. Erst 1780 gebot Markgraf Alexander diesem Wahn in der Altmühlstadt Einhalt. In Gefahr, als Hexe verurteilt zu werden, waren all diejenigen Menschen, die in irgendeiner Art auffällig waren, sei es, dass sie rote Haare hatten, zu oft oder zu selten die Kirche aufsuchten oder gar Wetterprognosen wagten. Um die erwünschte Aussage von den Gefangenen herauszupressen, gab es verschiedene Möglichkeiten: Daumenschrauben, spanische Stiefel oder die Streckbank verfehlten selten ihre Wirkung. Die grausamen Methoden wurden feinsäuberlich aufgezeichnet, und für den Henker gab es einen Abdruck davon.

Denn zum Pech für die Gefangenen – zu 80 Prozent fielen Frauen der Hexenverfolgung zum Opfer – war der Buchdruck erfunden. So war es möglich, dass der sogenannte „Hexenhammer“, ein Handbuch für die Hexenverfolgung, überall zu haben war. Darin war bis ins Detail aufgelistet, wer wie lange und auf welche Weise gefoltert werden soll. Verantwortlich dafür waren Papst Sixtus IV. und Papst Innozenz VIII., die das Werk zusammen mit dem Mönch Heinrich Kramer verfassten. Damit legitimierte die katholische Kirche die Folter, brachte es die Kennerin der Historie auf den Punkt.

Den Henker übrigens mussten die Angehörigen der Opfer selbst bezahlen. So kostete beispielsweise das Zerquetschen eines Daumens ein Drittel Reichstaler, für das Abhacken einer Hand wurden drei Reichstaler fällig. Die Henker damals hatten wohl auch kein leichtes Los, sie waren außerhalb der Stadt untergebracht und durften keinen Kontakt mit den anderen Bürgern haben. Ihre Kinder wiederum waren verpflichtet, ebenfalls diesen Beruf zu ergreifen.

Die Hinrichtungen fanden an der Scheupeleinsmühle statt. „Das war zu jener Zeit ein tolles Ereignis“, erzählt Elke Hartung. Die Schaulustigen strömten in Scharen vor die Stadt, um nichts zu verpassen. Wer diesem Spektakel jedoch fernblieb, machte sich sofort verdächtig. Der Leichnam wurde auf dem Friedhof verscharrt, an dessen Stelle sich heute das Ärztehaus befindet. Dort stand auch eine kleine Kapelle, die etwa um 1890 abgerissen wurde. Kurz vorher rettete der damalige Archivar daraus zwei Epitaphe aus Holz, die jetzt im Museum zu sehen sind. Sie erinnern an das traurige Schicksal von Menschen wie beispielsweise Martin Vierlinger, dessen Eltern sehr ehrgeizig waren. Schon als kleiner Junge sollte er reiten lernen, doch der Versuch endete für das Kind tödlich.

Die nächste Station führte die Teilnehmer an die Kreuzung Bahnhofstraße/Nürnberger Straße, einem Knotenpunkt an Wirtshäusern, der 1934 Ausgangspunkt sinnloser Gewalt gegen jüdische Mitbürger war. Der 25. März 1934 ging als blutiger Palmsonntag in die Stadtgeschichte ein. Aufgehetzt durch SA-Mann Kurt Bär, drang die johlende Menge – es sollen um die 1500 Menschen beteiligt gewesen sein – plündernd und zerstörend in jüdische Wohnungen ein. Die beiden Gunzenhäuser Juden Max Rosenauer und Jakob Rosenfelder kamen bei den Unruhen ums Leben, die Umstände ihres Todes wurden nie ganz aufgeklärt.

Ebenfalls tragisch endete die Liebesgeschichte zwischen der Jüdin Elsa Seller und einem „Arier“ aus Gunzenhausen. Das Verhältnis der beiden war eine Rassenschande, sie wurden bespitzelt und Elsa landete schließlich im Amtsgerichtsgefängnis. Aus Gram hängte sie sich in der Zelle an ihrer Kleidung auf. Im ehemaligen Judenviertel wurden die Stadtspaziergänger auf weitere Spuren jüdischen Lebens hingewiesen. Von der einstigen Synagoge ist allerdings nichts mehr zu sehen, an ihrem Standort steht heute die Tiefgarage.

Findelkind aufgenommen

Die kundige Stadtführerin hatte nicht nur Schauriges zu berichten, sondern auch eine schöne Anekdote parat: Eines nachts hörte der Nachtwächter ein Wimmern am großen Stein in der Nähe des Blasturms. Als er dem Geräusch nachging, fand er ein ausgesetztes Menschenkind. Mit dem schreienden Bündel überfordert, wandte er sich an die Wirtin der Gaststätte „Zur Post“, die selbst erst Nachwuchs bekommen hatte. Diese hatte ein großes Mutterherz und nahm das kleine Mädchen, das den Namen „Elisabeth am Stein“ erhielt, bei sich auf.

Die zentrale Adresse für schwangere Frauen in Gunzenhausen war das Hebammenhaus in der Kirchenstraße. Wer als Hebamme tätig sein wollte, musste nicht nur einen guten Leumund haben, die Geburtshelferinnen mussten vielmehr verheiratet sein, selbst Kinder haben, gläubig sein, etwas von Heilkunde verstehen und „sich der Nüchternheit befleißigen“. Hatte die Hebamme an sich einen guten Stand, konnte es durchaus passieren, dass sie nach einer Tot- oder Missgeburt an den Pranger gestellt wurde. Viel Komfort fanden die werdenden Mütter übrigens im Hebammenhaus nicht vor, erst um 1800 konnte das Gebäude beheizt werden.

In unmittelbarer Nähe dieser Einrichtung befand sich der Sitz des Stadtvogts, die Büttelei. Die war vor allem für diejenigen von Bedeutung, die sich außerehelich den fleischlichen Genüssen hingegeben hatten, was oft nicht ohne Folgen geblieben ist. In der Büttelei wurde formlos eine Art Ehe geschlossen, allerdings ohne Zeugen, sodass „der Bauer seine Anna auch ganz schnell wieder loswerden konnte“.

In der Kirchenstraße steht außerdem das Kaplaneihaus aus dem Jahr 1541, in dessen Mauern sich ebenfalls eine Tragödie abgespielt hat. Um 1650 lebte dort Sebastian Kracker, der dem strengen Karmeliterorden entfloh, zur evangelischen Kirche konvertierte und Kaplan in der Altmühlstadt wurde. Er heiratete schließlich und wurde Vater von neun Kindern. Was ihn eigentlich hätte glücklich machen müssen, führte zur Schwermut und mündete letztlich in Selbstmord. Dieser Umstand verwehrte dem einstigen Mönch ein kirchliches Begräbnis.

Ein Gebäude, das häufig die Blicke der Passanten auf sich zieht, ist der Storchenturm, in dem einst der Husarenwirt Uhlmann eine Spelunke betrieb. Zwei junge Männer, so wird erzählt, gerieten sich nach einem Zechgelage wegen einer Frau in die Haare. Der Streit eskalierte, und der eine erstach den anderen mit einem Stockdegen. Von der Frau hatte am Ende keiner der beiden mehr etwas. An dieser Stelle machte Elke Hartung auf eine im 19. Jahrhundert übliche Regelung des Anschreibens aufmerksam: Ein Holzteil wurde der Länge nach geteilt, die eine Hälfte, das Hauptholz, blieb beim Wirt, das Nebenholz nahm der Gast mit nach Hause und brachte es bei jedem Besuch mit in die Wirtschaft. Die Krüge Bier, die er dabei konsumierte, wurden auf dem Holz angestrichen, wozu beide Teile aneinander gelegt wurden, sodass keiner beschummeln konnte. Zahlte der Zecher am Monatsende seine Rechnung, wurde das Holz abgeschliffen und konnte wieder verwendet werden.

Abschluss in der Stadtkirche

Wie die Spitalkirche den Anfang des aufschlussreichen und sehr lebendigen Spaziergangs durch die Historie Gunzenhausens machte, fand er seinen Abschluss in der Stadtkirche St. Marien. Dort ist Ritter Paul von Absberg ein Denkmal gesetzt, es zeigt ihn in Zusammenhang mit dem Heiligen Christopherus. Gemeinsam mit seinem Knappen besuchte der Ritter im eiskalten Januar 1502 seinen Vater in Gunzenhausen. Auf dem Rückweg kam ihm der Knappe nicht nach, Paul wollte ihm zu Hilfe eilen und einen zugefrorenen Graben aufhauen. Dabei bekam er das Übergewicht und erstach sich selbst mit seiner Lanze. Hätte er beim Heiligen Christopherus um Reisesegen gebeten, wäre ihm das vielleicht nicht passiert... 

TINA ELLINGER

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