Dienstag, 13.11.2018

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Gelungener Auftakt der Gunzenhäuser Theatersaison

Komödie "Willkommen bei den Hartmanns" gefiel Publikum in der Zionshalle - 24.10.2018 05:59 Uhr

Ankunft mitten im Familienzwist: So leicht ist es für Diallo nicht, die Familiengesetze der Hartmanns zu verstehen. © Babett Guthmann


Karl-Heinz Fitz begrüßte das Theaterpublikum, das auch im Ausweichquartier zur Stadthallenbühne, der Zionshalle, dem städtischen Theater die Treue hält. 193 Abonnenten zählt das Kulturamt diesmal, darunter 15 neue Theaterfans.

Für ein Tourneetheater ist es ein gewagtes Projekt, einen erfolgreichen Kinofilm auf die Bühne zu bringen. Erstens haben die Fans des Films meistens auch ihre Darsteller-Favoriten im Kopf – und damit große Namen wie Senta Berger oder Heiner Lauterbach —, zweitens können mittels Filmschnitt und Kameratechnik kleine dramaturgische Durchhänger leicht vermieden werden. Beim Theater tut man sich da schwer, dafür gibt es die Nähe zum Publikum, und eine gute Bühnenszene kann einen ganzen Zuschauerraum zum Knistern bringen.

Das Theater Thespiskarren hat unter der Regie von Michael Bleiziffer hier viel riskiert und nach Ansicht der Zuschauer in der Zionshalle gewonnen: So gab es viel Applaus für die rasant umgesetzte Komödie "Willkommen bei den Hartmanns!"

Die Familie Hartmann ist eigentlich gerade dabei auseinanderzubrechen: Mutter Angelika versucht seit ihrer Pensionierung mit verzweifelter Energie die beiden erwachsenen Kinder und deren Vater regelmäßig am Familientisch zu versammeln. Während Tochter Sophie und Sohn Philipp noch leidlich mitspielen und ihre Bussis ins Smartphone-Mikro schmatzen, ist Ehemann Richard eigentlich schon auf dem Absprung.

Schmieriges Nachtleben

Happy End bei den Hartmanns: Diallos darf laut Gerichtsurteil bleiben. © Babett Guthmann


Sein Stuhl als Chefarzt wackelt gewaltig, doch im OP fährt Richard nochmal die Ellenbogen aus. Im Familienkreis verwahrt er sich gegen jeden Hinweis darauf, eigentlich schon im Rentenalter zu sein. Hilfe sucht er bei seinem Kollegen Sascha, der ihn als Spezialist für Anti-Aging-Therapien mit Hyaluronsäure faltenfrei spritzt und dazu ein schmieriges Nachtleben als weiteres Patentrezept gegen jedwede Altersmürbe empfiehlt. Kurz und gut: In der Ehe der Hartmanns ist der Putz ab, und Angelika versucht, sich die prekäre Lage schönzutrinken.

Doch irgendwann packt sie ein paar gebrauchte Klamotten ein und macht sich mit ihrer Spende auf zur Sinnsuche im Flüchtlingsheim. Die pensionierte Deutschlehrerin möchte helfen und denkt an Deutschunterricht. Doch im Heim für Asylsuchende wird dankend abgewunken: Pensionierte Lehrkräfte, die ab sofort ein "Projekt" suchen, gibt es mehr als genug. Was fehlt, sind Leute, die einen Flüchtling oder eine Familie kurzfristig bei sich aufnehmen.

Nach allerhand Familientrouble kommt es zu einem etwas befremdlichen Flüchtlings-Casting – und der Nigerianer Diallo zieht ein. Das ist wirklich gut gemacht, und auch die Darsteller der Familie überziehen ihre Helferrollen nicht: Antje Lewald als Angelika Hartmann ist allzu oft mit einem Weinglas bewaffnet, um ihre Hilfsbereitschaft als reine Selbstlosigkeit durchgehen zu lassen – zudem kommt die Hilfe beim Deutschlernen ihrem Hang zum Dozieren sehr entgegen. Richard Hartmann als Ehemann, glaubwürdig grimmig gespielt von Steffen Gräbner, ist ohnehin zu sehr mit sich selbst beschäftigt und fühlt sich vom familieninternen "Flüchtlingswahnsinn" überrollt. Caroline Klütsch als Tochter Sophie sonnt sich in den Gedanken an ihre eigene Hilfsbereitschaft, doch eigentlich kriegt sie nicht einmal ihr ewiges Studentinnenleben auf die Reihe. Und Marc Andree Bartelt steckt bis zum Hals in hochwichtig erscheinenden Geschäftsdingen fest, sodass er sich vor lauter berufsbedingter Hysterie kaum um seinen eigenen Sprössling kümmern kann.

Derek Nowak in der Rolle des Diallo gibt sich integrationswillig, doch immer kann er den wirren Vorgaben seiner Gastgeber nicht folgen. Schade, dass er mitunter so arg erstaunt die Augen aufreißt, wenn es um Merkwürdigkeiten des sehr typisierten bundesdeutschen Familienlebens geht.

Im Stück hat Diallo die Rolle des Außenstehenden, seine Sicht der Dinge wird zwar gewollt naiv vorgetragen, hat aber einen wahren Kern. Leider verfällt er nicht selten der Verlockung, allzu sehr die Rolle des weisen Ratgebers mit Herz und putziger Satzbau-Akrobatik einzunehmen. Das hätte man wohl etwas diplomatischer lösen können, so wirkt es ein bisschen nach dem aufgesetzten Motto: "Flüchtlingsmund tut Wahrheit kund!"

Vieles richtig gemacht

Trotzdem hat Regisseur Michael Bleiziffer vieles richtig gemacht und bringt Themen wie Fluchtgründe, den Terror von Boko Haram, Rassismus und Fremdenhass ebenso zur Sprache wie die absurde Sinnsuche blauäugiger Helfer und das große Thema Angst, das in der Flüchtlingsdiskussion viele umtreibt.

Im Gedächtnis bleibt hier die Szene, in der Angelika Hartmann ihrem Diallo von einem Angst machenden Traum erzählt, in dem der IS die Herrschaft in Europa übernommen hatte. Ja, auch sie habe eben Angst vor Gefährdern, bekennt sie. Diallo antwortet gedankenverloren: Ich hatte auch Angst – vor den Terroristen von Boko Haram – deshalb bin ich hier!

Eine gute Idee hatte Bühnenbildner Peter Engel, der den Hartmanns ein kleinbürgerliches Miniaturhaus mit einer Deckenhöhe von grade mal einem guten Meter zur Verfügung stellte. Das Haus als Rückzugsort, in dem es ein geschäftiges Rumkrabbeln der Familienmitglieder zu beobachten gibt, brachte eine Möglichkeit für witzige Szenen, aber auch ein weiteres Bild für die Beklemmung innerhalb der Kleinfamilie.

Für den Auftakt der Theatersaison war die Komödie gut gewählt, und dem Publikum in der Zionshalle hat die Balance zwischen ernsthaftem Thema und Spielwitz viel Spaß gemacht. 

Babett Guthmann E-Mail

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