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Gemeinsames Lernen für Jung und Alt

Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Hausgemeinschaft für Senioren - 08.03.2012 19:17 Uhr

Spielen und Bewegung, das ist nicht nur für die Kinder ein ganz wichtiger Bereich ihres Alltags, auch die Bewohner der beschützenden Abteilung in der Zufuhrstraße lassen sich von den Kleinen motivieren.

Spielen und Bewegung, das ist nicht nur für die Kinder ein ganz wichtiger Bereich ihres Alltags, auch die Bewohner der beschützenden Abteilung in der Zufuhrstraße lassen sich von den Kleinen motivieren. © Natalis


Spiele und Bewegung stehen dabei im Mittelpunkt dieser Stunde, die von Kindern und Senioren gleichermaßen hoch geschätzt wird. Den Anstoß zu diesem Experiment, das mittlerweile zum festen Bestandteil des Kindergartenalltags und des Seniorenwohnheims geworden ist, gab die Erzieherin Ann-Christin Vetter.

Sie hat in München eine Zusatzausbildung in Psychomotorik absolviert und wendet diese Methode in der Arbeit mit ihrer Kleinkindergruppe an. Ein wichtiger Bereich ist hier die soziale Vernetzung. Und da kam die Einrichtung der evangelischen Kranken- und Altenhilfe (ehemals Krankenverein) ins Spiel. Die Entwicklung der Kinder nicht zielgerichtet lenken, sondern durch Bewegung und Spiel begleiten und fördern, das ist der Grundgedanke der Psychomotorik.

Bewegung und Spiel sind aber auch wichtige Momente in der Seniorenarbeit und deshalb lag diese Verbindung für Ann-Christin Vetter auf der Hand. Bei Pflegedienstleiter Roland Gimpel stieß sie mit ihrem Anliegen auf offene Ohren, und auch die Eltern der Zweijährigen hatten nichts gegen den Versuch einzuwenden, zumal nach einem ersten Fremdeln der Besuch bei den „Omas und Opas“ für die Kleinen sehr schnell zu einem ganz wichtigen Punkt im Wochenablauf wurde.

Die Kinder werden in der Regel von klein auf in bestimmte Formen gepresst, müssen schon früh nach dem Leistungsprinzip funktionieren, weiß Ann-Christin Vetter. Die Psychomotorik setzt hier an einem ganz anderen Punkt an. Sie will das Individuum dort abholen, wo es in seiner Entwicklung gerade steht, und ihm Raum zum Entfalten geben. Dabei kann das Kind das Tempo selbst bestimmen. Vom Ich zum Du und Wir, das sind ganz wichtige Schritte in der kindlichen Entwicklung. Eine entsprechend große Rolle spielen daher auch Begegnungen mit dem sozialen Umfeld.

Verschüttete Erinnerungen

Materialien kreativ und fantasievoll erkunden und so die Umwelt mit allen Sinnen entdecken und verstehen, das ist ein Prinzip der Psychomotorik. Auf diese Weise werden Ressourcen freigelegt, erläutert die Erzieherin. Und zwar nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Senioren. Sie entdecken im Zusammenspiel mit den Kleinen verschüttete Erinnerungen aus ihrer eigenen Kinder- oder Elternzeit.

Eine wichtige Rolle spielen, sowohl in der Arbeit mit Kindern als auch mit Senioren, Rituale. Deshalb begleitet die Kindergruppe bei ihren Ausflügen ins Seniorenheim auch jedes Mal der Stoffhund „Leopold“, der ein wichtiges Kommunikationsmedium für die Gruppe geworden ist. „Leopold“ hat auch immer seinen Koffer dabei, schafft es aber eigentlich nie, ihn alleine zu öffnen. Dabei helfen Senioren und Kinder gleichermaßen und entdecken darin Papier oder Tücher, Luftballons, Bänder oder Bälle. Mit diesen Alltagsmaterialien gestaltet sich dann die Stunde.

Ann-Christin Vetter und Martina Hofmeister, die Betreuungskraft aus der Zufuhrstraße, halten sich dabei in der Regel zurück, geben lediglich hin und wieder ein paar Anregungen, doch auszuprobieren, was man etwa mit den Schaumstoffnudeln noch alles machen kann. Ansonsten beobachtet die Kindergärtnerin vor allem die Interaktion von Groß und Klein und zieht daraus ihre Schlüsse für die nächste Begegnungsstunde.

Ansteckender Bewegungsdrang

Natürlich prallen hier auch zwei Welten aufeinander. Während die Senioren körperlich oft sehr eingeschränkt sind, ihnen manchmal allein schon das Aufstehen schwerfällt, strotzen die Zweijährigen vor Energie und Bewegungsdrang. Doch diese pure Freude am Herumtoben wirkt auf die älteren Menschen auch an­steckend. Das funktioniert auch diesmal wieder hervorragend. Zwar müssen sich die Senioren immer mal wieder eine Pause gönnen, doch wenn sie sich etwas erholt haben, greifen auch sie wieder zur Nudel, klopfen damit den Kleinen oder ihrer Nachbarin übermütig auf die Schulter, hauen gemeinsam auf den Boden oder formen sie zu einem Ring, mit dem sie spielerisch die Kinder fangen.

Ganz schnell haben sich übrigens, berichtet Ann-Christin Vetter, richtiggehende Paare gefunden, und wenn die Kinder bei der Begrüßung auf „ihre Oma“ oder „ihren Opa“ zulaufen, dann geht ein Strahlen über die Gesichter der Senioren. Dass die Spiele nicht zu wild werden, darauf achten Vetter und Hofmeister gleichermaßen, denn der Sicherheitsaspekt ist gerade für die Senioren sehr wichtig. Überhaupt heißt freie Entfaltung nicht, dass man ohne Regeln miteinander umgeht, darauf legt Ann-Christin Vetter großen Wert. Sie sind ein ganz wichtiger Aspekt im sozialen Kontakt.

Dass Senioren gerne etwas mit Kindern machen, das ist keine neue Erkenntnis. Doch die regelmäßige Begegnung, der feste Termin einmal in der Woche, das war durchaus ein spannender Versuch, berichtet Roland Gimpel. Er ist im Nachhinein sehr froh, dass er sich auf das Experiment eingelassen hat, und freut sich auch darüber, dass es mittlerweile ein fester Bestandteil im Terminkalender beider Einrichtungen geworden ist. Immer mittwochs kommt Ann-Christin Vetter mit ihren Kleinen in die Zufuhrstraße. Jeweils fünf bis sechs Kinder und ebenso viele Senioren begegnen sich dabei, weshalb auch zwei Gruppen gebildet wurden.

Soziale Kontakte sind wichtig

Nicht nur die Kleinen fiebern dem Mittwoch regelrecht entgegen, auch für die Senioren ist diese Begegnung etwas ganz Besonderes, das aus ihrem normalen Alltag herausragt und ihnen Kraft und Freude gibt. „Wir sind eine beschützende Einrichtung“, erläutert Gimpel, was für viele Bewohner heißt, dass sie nur selten aus dem Haus kommen. Deshalb wird großer Wert darauf gelegt, soziale Kontakte in der Einrichtung zu ermöglichen. Dieses ungezwungene Zusammensein mit den Kindern sei den Senioren „furchtbar wichtig“. Für Roland Gimpel und Ann-Christin Vetter, die derzeit an ihrem Diplom in Psychomotorik arbeitet, steht deshalb fest, dass der Austausch langfristig angelegt ist. Und auch Gimpel scheint von den positiven Aspekten dieser Zusammenarbeit regelrecht beflügelt, wie seine nächste Zielsetzung zeigt: Nach dessen Fertigstellung will er einmal mit den Senioren ins Familienzentrum kommen. 

man

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