Dienstag, 20.11.2018

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Hoffnungsgedanke des Osterfests wird spürbar

Zu Besuch bei Reinhard Zimmermann — Erst im Auge des Betrachters entsteht das eigentliche Kunstwerk - 31.03.2018 18:11 Uhr

Inspiriert von einer Reise zur Grabeskirche in Jerusalem: der „Maler vom Altmühlsee“ vor einem Werk zur Grabeslegung Christi. © Bernadette Rauscher


Ein hochformatiger Hartkarton mit leuchtenden Gelb- und Weißtönen. Die Sonne ein dunkler Feuerball, der zu bluten oder zu weinen scheint. Darunter in wenigen Strichen ein Christuskorpus. Der Kopf ist geneigt, die Haltung und die Bewegung des Körpers sind von Schmerz gezeichnet. Es ist ein eindringliches und berührendes Bild voller Kraft und doch umgeben von einer ernsthaften, demütigen Stille.

"Es gibt gar kein Kreuz", Reinhard Zimmermann betrachtet sein Werk nachdenklich. "Aber man vermisst es auch gar nicht. Mir ist das auch beim Malen nicht bewusst gewesen."

Eigentlich ist das Bild, das da steht und wirkt und so viel mit dem Betrachter macht, nur nebenbei entstanden, fast wie aus Versehen. "Beifang" nennt Reinhard Zimmermann Werke wie diese lapidar. Sie sind das, was ungeplant eben auch noch ausgedrückt werden musste.

Eigentlich lautete der Auftrag, die Grablegung Christi künstlerisch umzusetzen. Für den Künstler aus Mörsach ist das nichts Ungewöhnliches — und auch bei weitem nicht sein erstes Bild, das sich mit der Ostergeschichte beschäftigt. Aber um wirklich Kunst zu schaffen, in der noch ein bisschen mehr steckt als das bloße Handwerk, braucht es für Zimmermann die ganze Passionsgeschichte; es muss mehr erzählt werden als nur ein Teil davon. Kein Osterfest ohne Leidensweg und umgekehrt. Es sind zwei Seiten derselben Medaille.

Christliche Themen und sakrale Kunst sind zentral in Reinhard Zimmermanns Bildern. "Im Gegensatz zu den profanen Dingen haben die geistlichen noch mal eine ganz andere Dimension. Das reizt mich sehr." Und gerade der Hoffnungsgedanke des Osterfestes ist für den Mörsacher wesentlich. In seiner Kunst, aber auch für ihn selbst ganz persönlich. Jedes Jahr beschäftigt sich Zimmermann aufs Neue intensiv mit der Osterzeit. Und jedes Mal erzählen seine Bilder die Geschichte Jesu anders, gerade die seines Leidens: mal leise und schmerzerfüllt, mal laut und dramatisch.

"Mir ist es wichtig, mich jedes Jahr ganz bewusst auf die Passionszeit einzulassen." Zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Elke Zimmermann, verbringt er deshalb regelmäßig diese besondere Zeit im Frühjahr im Kloster. Und formt das, was ihn um diese Zeit beschäftigt, in Kunst. Das Leiden Jesu ist dabei die Voraussetzung, um Ostern in seiner vollen Wirkungsmacht wahrzunehmen. In Russland, erzählt Zimmermann lächelnd, würden sich die Menschen am Ostermorgen erleichtert in die Arme fallen, weil Christus auferstanden ist. Der Raum sei geflutet mit Hoffnung, Freude und Zuversicht. "An Ostern steht auch etwas in uns auf", so der Künstler.

Großer Fundus an Erfahrungen

Jeden Tag künstlerisch tätig sein, das hat sich Reinhard Zimmermann zur Aufgabe gemacht. Er hat bereits Kirchen ausgestaltet, Kapellen konzipiert, als Musiker gearbeitet, in Projekten Kunst und Musik zusammengeführt. Sein Gesamtwerk ist so vielfältig und weit wie sein Wissens- und Erfahrungsschatz. Eine Reise führte ihn einst nach Jerusalem in die Grabeskirche. Es sind Informationen, Begegnungen, Erfahrungen, Stimmungen, die er sammelt. Und die sich dann in die Tiefe und Vielschichtigkeit seiner Werke einschreiben. "Ich stelle mich unter einen bestimmten Eindruck, wenn ich male. Dann muss ich etwas in mir loslassen." Und dann geschehe es einfach, im Rausch, im Flow, wie auch immer man es nennen möchte. Das, was dann in Linien, Farben, Emotionen auf der Leinwand oder sonstigem Material landet, ist aber erst der Anfang. Das eigentliche Kunstwerk kann erst im Zusammenspiel mit dem Betrachter entstehen. Mit der individuellen Bedeutung, die er für sich in das Werk hineinlegt. Für Zimmermann besteht deshalb die große Disziplin darin, Bilder immer ein Stück weit unfertig zu lassen: "Der Betrachter muss noch atmen können in den Farben."

Fast ist es wie die Sache mit der Bibel, wie Zimmermann erklärt. Das Wort an sich ist erst die Basis, wirklich interessant wird es, wenn dieses Wort für den Menschen lebendig wird, wenn er für sich eine ganz individuelle Bedeutungsdimension dahinter entdeckt. "Da wird es auch für den Künstler spannend."

Aktuell hat der Mörsacher die Kunstschrift wieder neu für sich entdeckt. © Bernadette Rauscher


Er schaffe eigentlich nichts Neues, sagt der Mörsacher zu seinem Schaffen. Vielmehr brauche es feine Antennen, um das zu erspüren, was ausgedrückt und erzählt werden möchte. Vielleicht erklärt sich auch so Zimmermanns vielfältiges Interesse an allen Themen, die Menschen irgendwie beschäftigen können, seine Faszination von der Wissenschaft und seine Begeisterung für die Welt, die uns umgibt. "Man hat zum Beispiel festgestellt, dass das Universum gar nicht so stockdunkel ist, wie wir denken." Die Augen des Künstlers leuchten ehrfürchtig. Ganz im Gegenteil hätten Forschungen ergeben, dass es im Weltall sogar gleißend hell sei. Nur könne das menschliche Auge diese Helligkeit ohne Materie, an der sich das Licht bricht, nicht wahrnehmen. "Ist das nicht ein hoffnungsvoller Gedanke?" So hoffnungsvoll und ermutigend wie die Osterbotschaft selbst. 

BERNADETTE RAUSCHER E-Mail

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