Montag, 24.09.2018

|

Im Gunzenhäuser Goldmacher-Gewölbe

Kleine Expedition in die Felsenkeller - 23.07.2016 14:01 Uhr

Der Keller des Alchemisten: An der Wand sind Johannes Reichardts geheimnisvolle Zeichen zu erkennen. Das Bild entstand bei einer zweiten Exkursion. © Harald Braun


Ein kalter Hauch weht aus der Aussparung der fest verschweißten Eisentür. Ich leuchte mit der Taschenlampe in die Öffnung hinein, es geht hinunter, hinein in den Fels, mehr ist nicht zu erkennen. In dem kleinen Wäldchen beim Röschelskeller gibt es drei Eingänge zu Felsenkellern, alle sind wegen Unfall- oder Einsturzgefahr fest verschlossen.

Durch die Gunzenhausener Goldmacher-Legende bin ich auf die Keller gestoßen und bin jetzt furchtbar neugierig: Ich will da rein! Hier sollen in den 1920er-Jahren die alchemistischen Experimente des Johann Reichardt stattgefunden haben. Wenn ein Fünkchen Wahrheit an der ganzen Goldmacher-Geschichte dran ist, dann muss es hier einen großen, unterirdischen Raum geben. Hier hat Johann Reichardt vor den Augen honoriger Gunzenhäuser seine Experimente durchgeführt. Er soll dabei unter großer Hitze und unter Zugabe eines geheimnisvollen schwarzen Pulvers aus Blei Gold gemacht haben. – Oder er hat die naturwissenschaftlich bewanderte Elite des kleinen Städtchens, darunter den Bezirksarzt Doktor Heinrich Eidam und den Apotheker Ferdinand Hoeß, gründlich an der Nase herumgeführt.

Spektakuläre Experimente

Bei meinen Recherchen im Stadtmuseum und im Stadtarchiv bin ich mit Hilfe von Stadtarchivar Werner Mühlhäußer im Nachlass des Johann Reichardt auf die Reportage eines Journalisten mit dem Pseudonym „Flix“ gestoßen. Im Jahr 1930 hat er Johann Reichardt besucht und sich die Geschichte von den spektakulären Experimenten erzählen lassen. Besonders glaubwürdig wurde für Flix die Goldmacher-Mär dadurch, dass er gemeinsam mit Reichardts Gehilfen Wilhelm Stern die Stätte der Experimente besichtigen durfte.

Hier der Originalton des Reporters aus dem Jahr 1930: „Johannes Reichardt hatte noch eine besondere Überraschung für mich aufgespart. Sein Famulus – jawohl, er hat einen Famulus – soll mich vor die Stadt hinausführen, zu dem Felsenkeller, in dem er die Versuche vornimmt. Es ist eine große Auszeichnung. Niemand außer den an den Versuchen Beteiligten hat dieses unterirdische Laboratorium noch betreten dürfen.

So gehen wir also über die grüne Wiese selbander vor die Stadt, der Famulus und ich. Es ist ein junger Mensch mit langem, glattem schwarzem Haar und schwarzen Augen, die aufleuchten, wenn er von seinem ‚Meister‘ spricht. Unter hohen, alten Buchen kommt endlich der Eingang zum Felsenkeller in Sicht. Der Famulus stößt das schwere Doppeltor auf. Kalt weht’s hervor, es geht ins Dunkel. Ich muss meinem Führer die Hand reichen. Schritt für Schritt tasten wir uns in den Schacht hinein. Ich weiß nicht, wie lange. Ich habe das Zeitmaß verloren in der Finsternis.

Ausflug in Kälte und Dunkelheit: Jan Kretzer vom Stadtbauamt und Stadtarchivar Werner Mühlhäußer am Eingang des Alchemistenkellers. © Babett Guthmann


Endlich gebietet er Halt. Ich stehe still. Und sehe allmählich, wie das Auge sich gewöhnt, ein rötliches Licht aufdämmern. Wir sind in einer höhlenartigen Erweiterung des Schachtes. In einer Nische liegt ein Totenschädel. In den Fels gemeißelt schimmern magische Kreise und alchemistische Zeichen. Doch als modernes Gräzinlicht aufflammt, bemerke ich auch die neuzeitliche Apparatur – Schmelzofen, Amboss, Filtrierapparate – die verrät, dass ich doch im zwanzigsten Jahrhundert bin, wenn auch zur Zeit eine stattliche Anzahl von Metern unter der Erde…“

Zuerst mal bin ich beeindruckt von der Schreibkunst des Herrn Flix, der es hervorragend versteht, ein Drama zu schmieden! Dann schlage ich das Wort „selbander“ im Duden nach, es bedeutet „zu zweit“. Weiter finde ich heraus, dass es sich beim „modernen“ Gräzinlicht um den Lichtschein einer 1909 entwickelten Gasglühlampe handelt. Jetzt ist nur noch die Frage, ob die Beschreibung von dem langen Felsengang und dem Alchemisten-Gewölbe am Röschelskeller zutrifft.

Abenteuerliche Expedition

Nach einigen Telefonaten ist ein Termin mit Jan Kretzer vom Stadtbauamt und dem Stadtarchivar Werner Mühlhäußer gefunden. Drei Felsenkeller gibt es in dem kleinen Wäldchen am Röschelskeller, zwei davon sind wegen Unfallgefahr unzugänglich gemacht worden, der dritte ist mit einer schweren Eisentür versperrt. Jan Kretzer hat einen Schlüssel, und so machen wir uns auf zu einer abenteuerlichen Expedition. Unsere Ausrüstung: ein langer Eisenhaken Marke Bauhof-Eigenbau zum Öffnen der seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten Tür, ein Handbesen zum Entfernen möglicher Spinnweben, zwei LED-Taschenlampen und ein Fahrradlicht.

Die Schlösser setzen sich zur Wehr, lassen sich dann aber doch aufsperren. Wegen des vielen Laubes, das sich vor dem Kellereingang angesammelt hat, lässt sich die Tür nur einen Spaltbreit öffnen. Ein kalter Luftzug kommt aus dem Keller, und mit den ersten Schritten die Steinstufen hinunter sinkt die Temperatur. Bestimmt zehn Grad kälter als draußen ist es hier!

Die LED-Funzeln zeichnen kleine Vierecke an die behauenen Sandsteinfelsen, erst das Licht der Fahrradlampe kann die ersten Meter des Felsengangs ausleuchten, an dessen Ende ein rostiges Eisengitter zu erkennen ist. Ich schicke die beiden Männer schon mal vor, denn ich befürchte, dass wir hier auf Horden von Fledermäusen oder Ratten treffen werden.

Am Gitter machen wir Halt: „Wer weiß eigentlich, dass wir heute hier unten sind?“, fragen wir uns, denn uns ist schon klar: Wenn wir diese Gittertür passieren und sie würde irgendwie zufallen und sich verklemmen, wären wir in einem Felsengefängnis eingesperrt. Nicht gerade tröstlich der Gedanke, dass sich seit mindestens 20 Jahren kein Mensch für den Keller interessiert hat!

Doch was ist das klein bisschen Angst gegen die Neugier, die uns packt, als wir sehen, dass der Gang noch lange, lange nicht zu Ende ist. Ab und zu gibt es einen Luftschacht nach oben, das Wurzelwerk der Bäume, bestimmt acht oder mehr Meter über uns, hat sich einen Weg bis hier herunter gebahnt. Wir treffen auf Spuren alter Lagerfeuer aus Zeiten, als der Keller noch nicht verschlossen war. Tiere gibt es nicht, nicht einmal irgendwelche Spinnweben. Ist ja auch saukalt da unten!

In einigen Windungen führt uns der Gang weiter in den Berg hinein. Leider haben wir kein Maßband mitgebracht, aber ich erfinde eine Formel für die Länge des Ganges: Schrittlänge minus Platzangst-Zögern macht ungefähr 13 Meter bis zum zweiten vermaledeiten Eisengitter. Nun – und das ist wirklich wahr – fordern die Männer mich auf, doch endlich mal die Führung zu übernehmen und da durchzugehen, für mich schon eine gewaltige Mutprobe!

Schließlich stehen wir zu dritt in dem Gewölbe: In einer Ecke erkennen wir den Unterbau eines Eisenofens, daneben eine durch eine Mauer abgestützte Arbeitsplatte, Aschereste, herumliegende korrodierte Eisenteile, eine runde Eisenwanne, womöglich auch Teil eines Ofens. Eh wir die Reste der früheren Laboratoriums-Einrichtung genauer untersuchen, leuchten wir an den Wänden des kuppelförmigen Gewölbes entlang: „Hexa Gamma“ ist an einer Wand in den Sandstein geritzt worden, darunter merkwürdige Symbole: ein Pentagramm, ein Schwert vielleicht — und hier, eindeutig, das Wort „Sol“, der alchemistische Begriff für Gold! Wir haben tatsächlich die Goldmacher-Werkstatt gefunden!

Es wurde fast ein bisschen viel Alchemisten-Info in die Felswände eingeritzt, konzentrische Kreise, in denen das Wort „Oriental“ und ein weiteres, nicht vollständig entzifferbares Zauberwort eingeschrieben sind. Daneben ist eine Vier mit Kringeln zu erkennen, das alchemistische Symbol für Zinn oder auch für den Planeten Jupiter. An einer anderen Stelle ist das Sator-Quadrat aufgezeichnet, das aus den nicht wirklich übersetzbaren Worten „SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS“ besteht und sowohl horizontal und vertikal als auch vorwärts und rückwärts gelesen werden kann. Es zählt deshalb zu den verbreitetsten Zaubersprüchen des Mittelalters.

Perfekt in Szene gesetzt

Ob Hans Reichardt, übrigens ein eifriger Kirchgänger, der sowohl evangelische als auch katholische Gottesdienste besucht hat, an den ganzen Klimbim da geglaubt hat? Oder diente das alles nur der Ausschmückung seines Alchemisten-Nimbus? Jedweden Faktencheck wird die ganze Goldmacher-Geschichte sowieso nicht überstehen, interessant ist eigentlich nur die Perfektion, mit der Hans Reichardt das alles in Szene gesetzt hat!

Wir drei Expeditionsteilnehmer machen uns auf den Rückweg, passieren erleichtert die beiden verrosteten Gittertore und finden am Rückweg noch eine Seiten-Höhle. Hier liegen erstmal allerhand alte Glasflaschen, einige tragen die Aufschrift „Mineralwasserfabrik Gunzenhausen“ – was es nicht alles gegeben hat! Auch die Seitenhöhle hat noch eine Gewölbe-Erweiterung am Ende, und dort steht ein alter Metallschlitten, der richtig futuristisch aussieht wie ein Rennbob, wohl aber eher zum Transport von Fässern gedient haben muss.

Draußen möchte ich noch ein Foto von meinen mutigen Begleitern machen, doch die Linse des Fotoapparates beschlägt wegen des Temperaturunterschieds. Die ersten Aufnahmen sind ganz unwirklich und verschwommen und passen eigentlich gut zu unserem Ausflug in die gute alte Zeit der Goldmacher-Märchen. 

BABETT GUTHMANN E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Gunzenhausen