Dienstag, 20.11.2018

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Im Plastikball über den Altmühlsee laufen

Michael Stemp bietet am Walder Seeufer ein besonderes Vergnügen an - 29.08.2018 17:16 Uhr

Von Neuseeland an den Altmühlsee: Michael Stemp (rechts) machte die Zorbs einst in Europa bekannt. AB-Reporter Mario Früh probierte den Spaß mit den mehr als mannshohen Bällen am Walder Seeufer aus. © Foto: Bastian Früh


Aus der kleinen Holzhütte am Ufer des Altmühlsees am Seezentrum Wald klingt mir ein Bob-Marley-Song entgegen. Vor der Hütte wartet schon Michael Stemp. Er ist gerade dabei einen etwa drei Meter hohen "PVC-Ball" aufzupumpen.

Bei dem Plastikball handelt es sich um einen sogenannten Zorb, ein Sportgerät aus einem etwa mannshohen Plastikball im Inneren und einer etwa drei Meter hohen Außenhülle. Die beiden Bälle werden durch etliche Spezialschnüre zusammengehalten, und zwischen den beiden "Plastikkugeln" befindet sich eine Schicht aus Luft.

In die Kugel gelangt man durch einen kleinen Einstieg. Durch die Bauweise des Zorbs eignet er sich perfekt, um auf dem Wasser zu treiben. Doch es gibt noch viele weitere Verwendungszwecke. Im Inneren eines Zorbs einen Berg hinunterrollen, mit sogenannten "Bodyzorbs", die nur den Oberkörper bedecken und die Beine freilassen, Fußball spielen oder eben über Wasser laufen — alles kein Problem. Sogar bei Eis und Schnee kann ein Zorb eingesetzt werden — als Wintersportgerät.

Der ganz besondere Ball spielt im Leben von Michael Stemp, dem Geschäftsführer von Zorb Europe, eine Hauptrolle. Einst war Stemp als Geschäftsführer in der Kunststoff- und Klebeindustrie tätig. Ende der 90er-Jahre kündigte er seinen Job; er wollte diese Arbeit einfach nicht für den Rest seines Lebens machen.

"Etwas riskieren"

Er nahm sich eine Auszeit und reiste um die Welt. Zufällig entdeckte er einen Zorb in einem neuseeländischen Magazin; dort, am anderen Ende der Welt, liegen dessen Wurzeln. Spontan sicherte er sich die Vertriebsrechte für Europa. "Ich wollte einfach mal etwas riskieren, etwas machen, wozu jeder sagt, das wird doch nie etwas", erinnert sich Stemp.

Aus der vermeintlichen "Schnapsidee" entwickelte sich bald ein lohnendes Geschäft. Anfang des Jahrtausends schwappte der Trend nach Europa über, der Zorb war in aller Munde, und Stemp konnte sich vor Anfragen kaum retten. Von Marketing-Events für Automobilhersteller über Werbespots für Getränkekonzerne bis hin zum TV-Einsatz bei "Schlag den Raab". Sogar mit Weltstar Peter Gabriel ("Sledgehammer") arbeitete Stemp schon zusammen. Bei seiner "Growing up World Tour" performte der Ex-Genesis-Frontmann während seiner für ihre Kreativität berühmten Shows im Inneren eines Zorbs — und hüpfte im Takt der Musik.

Mitte der 00er Jahre war der Hype um die Zorbs auf dem Höhepunkt angelangt, Stemps transparente Plastikkugeln waren sogar für die Eröffnungsfeier der Fußball-WM 2006 eingeplant. Diese Idee wurde aber in letzter Sekunde von der FIFA verworfen. Ärgerlich für Stemp: "Einerseits eine große Ehre, für die Eröffnungsfeier einer WM gebucht zu werden, da ich auch selbst seit Jahren Fußball spiele und Fan bin. Andererseits blöd gelaufen, da mir ein großer Auftrag verloren gegangen ist." Immerhin wurden bei einigen Bundesligaspielen in den Halbzeitshows die Zorbs von Michael Stemp integriert.

Mittlerweile hat der Boom allerdings abgenommen. Stemp ist trotzdem zufrieden: "Als der Hype auf dem Höhepunkt war, durfte ich sehr viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen und viele tolle Erfahrungen machen." Später musste er sich neue Ideen einfallen lassen, um seinen Mega-Ball zu vermarkten. So hat er etwa mit Marc Vogel und der Künstlergruppe UnPocoLoco spektakuläre Bühnenshows, die den Zorb integrieren, auf die Beine gestellt.

Mittlerweile berät er hauptsächlich Betreiber von Zorb-Downhill-Bahnen, verkauft die Geräte an Indoor-Soccerhallen und Kommunen und organisiert Events mit dem Zorb, beispielsweise Junggesellenabschiede oder Teambuildung-Maßnahmen. Und nicht zuletzt ermöglicht er den Besuchern des Altmühlsees, den Zorb auszuprobieren.

Mittlerweile ist der PVC-Ball komplett aufgepumpt. Stemp rollt die 70- Kilo-Kugel in Richtung Strand und lässt sie zu Wasser. "Jetzt einfach durch den Einstieg mit dem Kopf voraus hechten, und der Zorbing-Spaß kann beginnen", grinst er. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Als Erstes bemerke ich die Wärme im Inneren des Zorbs. Da nur durch den Eingang, der einen Durchmesser von etwa 40 Zentimetern aufweist, Sauerstoff eindringen kann, ist die Luft sehr abgestanden. Mein Ziel ist es, im Zorb zu laufen und so quasi mit dem Laufball auf dem Wasser voranzukommen. Die erste Hürde ist allerdings, erst einmal aufrecht zu stehen und den Zorb auszubalancieren.

Hitze und schlechte Luft

Da sich der Zorb im Wasser auf der Stelle dreht, muss ich sehr schnell laufen, um voranzukommen. Durch die Hitze und die schlechte Luft gerate ich allerdings schnell an meine Leistungsgrenzen. Zum Glück kann ich durch den Einstieg jederzeit kurz in den See gleiten, um mich abzukühlen.

Nachdem ich den Zorb ausgiebig getestet habe, geht es zurück ans Ufer. Michael Stemp zieht mich mit dem Sicherungsseil, das den Zorb mit einem Steg verbindet, ganz einfach wieder an Land.

Fazit: Zorbing muss man mal gemacht haben. Es ist schon eine Herausforderung, im Ball aufrecht zu stehen und auf dem Wasser zu laufen. Auf jeden Fall ist es ein kurzweiliges Vergnügen für heiße Tage — und eine sehr gute Alternative zu altbekannten Aktivitäten rund um die Badeseen.

Nachdem Stemp den Zorb wieder an Land vor seine Hütte bugsiert hat, muss er nun die Luft ablassen und das Sportgerät für den nächsten "Zorbonauten" säubern. Während die Luft aus dem Sportgerät entweicht, weicht meine Badehose den Alltagsklamotten. Und auf dem Rückweg zum Parkplatz begleitet mich ein Reggae-Song aus der Hütte von Michael Stemp.

 

Die Hütte von Michael Stemp befindet sich am Seezentrum Wald direkt am Ufer neben dem Strandcafé. Für 5 Euro kann man fünf Minuten auf dem See laufen (Anmeldung nötig). Außer Zorbing verleiht er SUP-Boards und Kajaks. Infos unter www.zorbsegs.de oder 0911/444525 

MARIO FRÜH E-Mail

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