Dienstag, 13.11.2018

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Kleiner Greifvogel sorgt für Aufregung

Vom Aussterben bedrohte Wiesenweihe brütet im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen - 17.07.2016 18:01 Uhr

Spannender Moment: Gebannt blicken die Vogelschützer, darunter die LBV-Mitarbeiterinnen Verena Auernhammer (links) und Claudia Pürckheimer auf den Bildschirm, auf den Stefan Dehners Drohne die Bilder vom Wiesenweihe-Nest überträgt. © Jürgen Eisenbrand


Freitagabend, 19 Uhr, am Rande eines Getreidefeldes im Zentrum des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen: Im weichen Licht der Abendsonne stehen auf einem Feldweg ein halbes Dutzend Personen; drei Männer und drei Frauen, ihre Blicke richten sich auf das Feld, ein paar von ihnen suchen mit Ferngläsern die Umgebung und den Himmel ab. Das Objekt ihrer Begierde: Circus pygargus, die Wiesenweihe, ein Bodenbrüter aus der Familie der Habichtartigen.

Zunächst ist außer einem Mäusebussard und einem Hasen, der auf dem abgemähten Teil des Felder herumhoppelt, nichts zu sehen. Doch es dauert nicht lange, ehe sich einer der eleganten Flieger blicken lässt: ein Weibchen, das, offenbar etwas gestört von dem Besuch, aus der Mitte des Feldes aufsteigt und davonfliegt. Doch das Feld, auf dem Bauer Ulrich Sauer Triticale, eine als Viehfutter verwendete Kreuzung von Weizen und Roggen anbaut, hat noch mehr zu bieten.

Werner Keim, seit 35 Jahren Mitglied des LBV, hat es gleichsam als das „Zentrum des Wiesenweihe-Vorkommens“ in Altmühlfranken ausgemacht: Gleich vier Nester hat der Ruheständler hier entdeckt. Er beobachtete dazu das Verhalten der Altvögel, studierte deren Flugbahnen und die Futterübergabe des Männchens an das brütende Weibchen, kontrollierte immer mal wieder aus der Distanz, ob alles in Ordnung ist. „So 70 bis 80 Stunden werden das schon gewesen sein“, schätzt der 60-Jährige seinen Zeitaufwand. Allzu viel Aufhebens darum will er aber nicht machen, das Thema scheint ihm eher unangenehm zu sein: „Man hat ja auch seine Freude daran.“

70 bis 80 Stunden ehrenamtlich auf der Spur der Wiesenweihe: Werner Keim hat die Brutplätze der Greifvögel aufgespürt. © Jürgen Eisenbrand


„Ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre das gute bayerische Artenhilfsprogramm (AHP) überhaupt nicht umsetzbar“, loben die „LBV-Profis“ Verena Auernhammer und Claudia Pürckhauer den Einsatz der freiwilligen Helfer. Die halten nach bedrohten Arten Ausschau, melden sie gegebenenfalls an den LBV oder an einschlägige Websites (siehe unten), und sie kümmern sich meist auch noch um die Gelege, indem sie regelmäßig nach dem Rechten sehen – aus gewisser Distanz natürlich, um die brütenden Tiere nicht zu stören.

Der Quadrokopter hilft

Das Problem: Auernhammer, die in Muhr am See arbeitende Gebietsbetreuerin für (unter anderem) die Wiesenweihe, und Pürckhauer, die AHP-Koordinatorin des LBV in Würzburg, möchten natürlich dennoch allzu gerne wissen, was in den Nestern im Getreidefeld vorgeht; wie viele Eier darin liegen, wie viel Jungvögel geschlüpft sind. Und da kommen nun Stefan Dehner und sein Quadrokopter ins Spiel.

Hightech im Einsatz: Der Kopter hilft dem LBV bei der Vogel-Inventur.


Der schlanke junge Mann mit dem Vollbart und dem schwarzen Kapuzenpulli hat sein Hightech-Fluggerät inzwischen ausgepackt und startklar gemacht. Bestückt mit einer Kamera, die Videos und Fotos erstellen kann, kann er das kompakte Fluggerät (35 mal 35 Zentimeter ohne die vier Rotorblätter) per Joystick wenige Meter über die Nester navigieren und von dort gestochen scharfe Bilder direkt auf ein kleines Display übertragen.

Interessiert umlagern die Vogelschützer den Bildschirm. „Da, jetzt sieht man’s“, sagt einer. „Es sind zwei Junge“, sagt ein anderer. „Nein, drei, schaut genau hin, da oben ist noch eins“, kommentiert ein dritter. Während Diplom-Biologin Claudia Pürckhauer die Entdeckungen akribisch auf einer vorbereiteten Liste einträgt.

Vier Wiesenweihen-Gelege steuert der Quadrokopter an, weil er nicht mit einem Verbrennungsmotor, sondern mit einem leistungsstarken Lithiom-Ionen-Akku ausgestattet ist, geht das vergleichsweise leise vor sich. Manchmal fliegen die Weibchen noch nicht einmal auf, wenn sich das Fluggerät näher – was zwar gut ist fürs Brüten, aber eben keinen Blick aufs Nest erlaubt; manchmal empfinden die Vögel den Kopter aber offenbar auch als so bedrohlich, dass sie ihn in der Luft attackieren. Woraufhin Stefan Dehner schnell den Rückzug antritt.

„Mindestens neun Jungvögel!“

Erfreulicher Anblick: Zwei Kücken sind auf diesem Bild zu sehen, das der Quadrokopter am Freitagabend in einem Getreidefeld geschossen hat. © LBV


Hier, am Sauerschen Getreidefeld, auf dem der Landwirt einen Großteil des Getreides zur Freude der LBV-Aktivisten nicht abgeerntet, sondern zum Schutz der Vögel stehen gelassen hat – er wird dafür aus Mitteln des AHP entschädigt –, geht alles glatt: Vier Gelege, vier lupenreine Aufnahmen, viermal ist ein Bruterfolg zu vermelden. „Mindestens neun Jungvögel“, freut sich Verena Auernhammer, die in Triesdorf einen Abschluss als Diplom-Ingenieurin mit Fachrichtung Umweltsicherung machte und seit 2010 beim LBV am Altmühlsee arbeitet. „Dazu kommen an einem zweiten Brutplatz noch zwei Nester mit mindestens einem Ei und zwei Küken – das ist eine Sensation für unseren Landkreis!“

Seltener als der Seeadler: Die Wiesenweihe ist vom Aussterben bedroht — umso erfreulicher, dass in Altmühlfranken mehrere Paare brüten. © Tunka/LBV


Vor allem wenn man weiß, dass die Region nicht gerade ein bevorzugtes Brutrevier der Wiesenweihe ist: Im vergangenen Jahr, als ein mit Feldmäusen, der Leibspeise der Vögel, überreich gedeckter Tisch bayernweit einen neuen Rekord von 227 Brutpaaren und 616 Jungen ermöglichte, war in Altmühlfranken nicht ein einziges Nest gesichtet worden. Könnte die Wiesenweihe also im Landkreis heimisch werden?

Dafür, erklärt Claudia Pürckhauer, stünden die Chancen gar nicht schlecht. Denn wenn der Langstreckenzieher aus seinem Winterquartier in Afrika zurückkehrt, „ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sich wieder dort niederlässt, wo er im Vorjahr war“.

Vorausgesetzt, das Angebot an Mäusen ist ausreichend – und die Bauern spielen mit, indem sie Rücksicht auf die Gelege nehmen.

Wer brütende Wiesenweihen sichtet, kann diese unter www.ornitho.de oder www.naturgucker.de melden — oder auch telefonisch beim LBV: 09831/4820 

JÜRGEN EISENBRAND E-Mail

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