Sonntag, 18.11.2018

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Kunst von kreativen Köpfen in Cronheim bei Gunzenhausen

Bewohner des AWO-Therapiezentrums präsentierten ihre Arbeiten - 14.08.2017 06:10 Uhr

Stolz präsentierten Werner Söller, Gerhard Adolf, David Borrowdale und Dieter Gasser (von links) ihre von Hand geschaffenen Werke. © Tabea Jung


Da haben die Bewohner des Therapiezentrums für Alkoholkranke wirklich etwas Besonderes auf die Beine gestellt: Im Innenhof des Schlosses wurde der Blick des Besuchers erst einmal auf die Fassade des Hauses gelenkt: Dort prangte ein prächtiger Baum, dessen bunte Zweige sich elegant über die Wand erstreckten. Vor der Fassade waren zwei Dutzend Gemälde unterschiedlichster Formen und Strukturen aufgereiht, die mit ihren hellen, spritzigen Farben dazu animierten, näherzutreten.

Aber das musste vorerst noch warten, denn zuerst ging es in das Büro von Frank Genahl, dem Leiter des Therapiezentrums und des anliegenden Museums. Dieser präsentierte voller Stolz die Künstler der Ausstellung.

Ein Highlight sind vor allem die Musikinstrumente von David Borrowdale. Lässig betritt der, die Gitarre in der Hand, den Raum. Die Frage, ob auch die ein Eigenbau sei, bejaht er. Der gebürtige Engländer, der in Newcastle aufgewachsen ist, wohnt bereits seit 1972 in Deutschland. "Ich mochte England sehr, aber irgendwie hab ich nie wirklich zu den Leuten dort gepasst", erklärt er seine Auswanderung. Seit zweieinhalb Jahren lebt er nun in einem betreuten Wohnheim in Cronheim, fühlt sich wohl dort. Aber wie kam er auf die Idee, Instrumente zu bauen?

Borrowdale spielt schon seit seinem sechsten Lebensjahr Gitarre, hat die Musik immer geliebt. "Irgendwann hab’ ich mal ein YouTube-Video angeschaut, in dem erklärt wurde, wie man eine Gitarre auseinandernimmt und wieder zusammenbaut; so kam mir der Einfall, selbst mal eine zu bauen." Natürlich stellte sich das Ganze als gar nicht so einfach heraus, "vor allem bei den Details war es schwierig", gibt der gebürtige Engländer zu. Aber nach drei Monaten hielt er endlich seine erste selbst gebaute Gitarre in der Hand. Und das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen!

Nach diesem ersten Erfolgserlebnis war sein Eifer geweckt: Borrowdale probierte sich aus, wollte ganz besondere Instrumente bauen, die zum Teil gar nicht mehr von der Musikindustrie hergestellt werden. So kam es, dass es im Innenhof eine Rebec (ein Vorläufer der heutigen Violine, mit der im Mittelalter musiziert wurde), eine Kalimba (ein traditionelles afrikanisches Musikinstrument) und eine Ukulele in Mandolinenform zu bestaunen gibt.

Ein Youtube-Video brachte ihn auf den Geschmack: David Borrowdale baut im Therapiezentrum Schloss Cronheim Musikinstrumente nach. © Foto: Tabea Jung


Doch David Borrowdale ist längst nicht der einzige kreative Kopf im Therapiezentrum. Auch Dieter Gasser verfolgt eine künstlerische Leidenschaft: das Herstellen von Mosaikkugeln. Diese besitzen in etwa die Größe eines Fußballs, sind geschmackvoll gestaltet und eine ideale Deko-Idee für den eigenen Garten. Der begabte Bewohner formt die Kugeln aus Ton, brennt sie bei 900 Grad und beklebt sie schließlich mit einem schönen Mosaikmuster. Auch da steckt viel Arbeit drin; etwa drei bis vier Tage dauert es, bis eine solche Kugel fertiggestellt ist. Aber die Mühe lohnt sich: Auf der Messe Altmühlfranken in Weißenburg im April diesen Jahres zeigte Gasser am AWO-Stand Interessierten sein Talent, fertigte an Ort und Stelle Mosaikkugeln. "Die Leute waren so begeistert, dass sie mir die Kugeln regelrecht aus der Hand gerissen haben", sagt er mit einem kleinen, stolzen Lächeln auf den Lippen. Im November darf Gasser in Nürnberg die AWO Bayern auf der ConSozial, der Messe für Sozialwirtschaft, repräsentieren. Natürlich auch dort mit den begehrten Mosaikkugeln.

Doch damit ist die künstlerische Kapazität im Therapiezentrum noch längst nicht ausgeschöpft: Auch Werner Söller, ein gelernter Elektriker, findet in der Kunst Erfüllung und Ablenkung von seiner Alkoholkrankheit. Er ist selbst nicht sicher, warum er für sich das Malen gewählt hat, begründet es damit, dass sein Großvater einen Malerbetrieb hatte und in ihm schon früh die Leidenschaft für Farben geweckt hat.

Am liebsten porträtiert er religiöse Szenen; so ist im Schlossinnenhof ein Gemälde ausgestellt, das auf kunstvolle Weise Gottes Hände zeigt, die Moses die Tafeln mit den zehn Geboten überreichen. Oft hat er zu den Bildern einen persönlichen Bezug, unter anderem malte er die früher von allen umhegte Hauskatze von Schloss Cronheim.

Aber wer sich die Bilder im Schlossinnenhof genauer ansieht, erkennt deren unterschiedliche Stilrichtungen. Es muss also noch einen weiteren ausstellenden Künstler geben.

"Das haben wir dem Zufall zu verdanken", sagte Frank Genahl. Gerhard Adolf, der Vater eines Mitarbeiters bei der AWO, war von Beruf Schaufenstergestalter und hatte im Ruhestand mit dem Malen angefangen. Das machte dem Rentner aus Muhr am See solche Freude, dass er innerhalb von sechs Jahren um die 200 Werke fertigstellte und einige sogar auf diversen Ausstellungen präsentierte.

Genahl, der schon seit längerem den Wunsch hegte, die Fassade des Schlosses ein wenig aufzulockern, bekam davon Wind und ließ dem passionierten Hobby-Maler freie Hand bei der Gestaltung der Wand. So entstand unter anderem der prächtige Baum, auf den alle, vor allem der Maler selbst, sichtlich stolz sind.

Vor diesem Baum versammelten sich die Bewohner gegen Ende der Ausstellung mit leuchtenden Augen zwischen ihren selbstgemalten, -gebauten und -gebastelten Werken, und es schien, als würden ihre künstlerischen Tätigkeiten ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben. "Die Kunst gibt ihnen ein kleines Stück Selbstständigkeit zurück", formuliert es der Leiter des Therapiezentrums treffend.

Wer die Künstler unterstützen und eins ihrer Werke erwerben will, kann sich bei Frank Genahl unter 09836/9778612 melden. 

TABEA JUNG E-Mail

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