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Mitteleschenbacher pflegen ihren Stammtisch

Zweimal in der Woche ist in Mitteleschenbach Zeit, um zu reden - 18.06.2017 06:00 Uhr

Ein Prosit auf die Gemütlichkeit und für einige gemeinsam gesungene Lieder reicht die Zeit auch noch: der Mitteleschenbacher Stammtisch in der „Krone“: © Foto: Dressler


Es ist ein wenig wie in der Kirche: Niemand hat offiziell einen Stammplatz, aber es hat sich halt eingebürgert und wird beachtet, dass der eine Besucher immer drüben an der Wand sitzt und der andere an seinem Lieblingsplatz genau gegenüber. Auch ansonsten ist zweimal in der Woche Tradition angesagt, wenn sich der Stammtisch trifft. Die Männer – wir reden hier ausschließlich von Männern – wollen es so haben, wie sie es kennen und schätzen. Auf dieser Grundlage lässt sich bestens reden und palavern.

Ein Stammtisch ohne eigenen Namen, ohne bestimmtes Motto, ohne jedes Getue — ein Klassiker also. Bis zu 20 Mitteleschenbacher kommen freitags in der "Krone" zusammen, und sonntags gibt es einen zweiten Termin, zu dem aber weniger erscheinen. Der Gastwirt Max Lederer kennt seine Pappenheimer, serviert kleine Speisen, ohne dass diese eigens bestellt werden müssen. Und das gute Spalter Bier trägt zu einem beständigen Redefluss bei.

Die Senioren sind treue Teilnehmer, das "Mittelalter" ist stark vertreten, auch ein Musiker ist dabei. Es könnten gerne noch einige Jüngere dazustoßen. Das weiß niemand besser als Hans Lederer, der so etwas wie der Cheforganisator ist, ohne dass er groß auf diese Rolle pochen müsste. Man kennt sich bestens, weiß, wie der andere so tickt, was seine Lieblingsthemen sind und worüber er sich am meisten (und am liebsten) aufregt. Es ist halt ein Stammtisch, da darf auch gerne mal wiederholt werden, was letzte Woche bereits gesagt wurde, und nicht jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Wer sich jetzt gerade in Rage redet, der wird auch wieder ruhig und kehrt zu der meist vorherrschenden Gelassenheit zurück.

Goldene Fußballzeiten

Hans Lederer stammt selbst aus der "Krone", und er betont, den Stammtisch habe es quasi schon immer gegeben, jedenfalls soweit er sich erinnern kann. Eine gewisse Zäsur erfolgte 2004, als das Lokal umgebaut wurde. Früher versammelten sich die Herren an einem runden Tisch, an dem bekanntlich jeder Neuankömmling noch Platz findet, und seit 2004 nehmen sie mit länglichen Tischen vorlieb. Seitdem jedenfalls ist der Stammtisch eine akustische Herausforderung — wer hier alles versteht und alles mitkriegt, der braucht nie im Leben zum Ohrenarzt.

An Stoff mangelt es wahrlich nicht. Vor kurzem haben die Mitteleschenbacher Fußballer nach langer Durststrecke den Aufstieg geschafft. Vielleicht können sie an alte Zeiten anknüpfen. Diese Hoffnung hegt nicht nur Hans Lederer, früher selbst ein begeisterter Fußballspieler. Es gab da mal eine Art "goldene Generation", die für magische Momente im "Stadion" sorgte. Darüber lässt sich immer gerne sinnieren, ebenso über den tiefgreifenden Wandel, den das Fußballgeschäft erlebt.

Doch zurück zum lokalen Geschehen. Die Einschränkungen und Auflagen, die die Gemeinde und die Hausbesitzer wegen des Wasserschutzgebiets hinnehmen müssen, waren schon immer ein Ärgernis. Der Zustand und die Zukunft der Deponie werden gerne erörtert. Die Kindertagesstätte im Ort wird rege frequentiert, da kommt es schon mal vor, dass ein Stammtischler argwöhnt, dass zu viele junge Frauen zu gerne die Erziehungsarbeit an die Kita abzugeben bereit sind. Tja, der Stammtisch ist nicht unbedingt ein Ort der politischen Korrektheit, ganz im Gegenteil: Hier kann man auch mal "unkorrekt" Dampf ablassen. Genau dafür sind die beiden fixen Termine in der Woche auch da.

So geht es hin und her, kreuz und quer, von den immer noch zu spürenden Folgen der Flüchtlingskrise in Deutschland über die Investitionen der Gemeinde in die örtliche Kläranlage bis zu den Aufs und Abs, die die Grundschule erlebt. Momentan gibt es zum Glück genügend Schüler. Und damit zu den Nachbarkommunen Wolframs-Eschenbach und Merkendorf, wo nach wie vor stark auf Wachstum gesetzt wird und weiterhin neue Bauplätze entstehen. Die gibt es auch in Mitteleschenbach, und doch ist die Runde froh, dass es im eigenen Dorf (keine Stadt!) noch etwas ruhiger zugeht. Das Verhältnis von Alteingesessenen und Neubürgern gestaltet sich nicht immer einfach, überhaupt lässt das Engagement für die Allgemeinheit nach, wird berichtet. Der Stammtisch glaubt, dass die Vereine schwierige Zeiten vor sich haben, weil wenige noch ein Führungsamt übernehmen wollen.

Im Seenland zu Hause

Die Runde outet sich als Freund des Altmühl-Boten (in der großen Mehrzahl), kennt sich im Gunzenhäuser Raum und im Seenland gut aus, weiß auch, dass Landrat Gerhard Wägemann einen Termin nach dem anderen absolviert, auch in den Dörfern. Der "richtige" Mitteleschenbacher Landrat, Dr. Jürgen Ludwig, ein Dinkelsbühler, kann da fast schon ein wenig entrückt erscheinen, zumal er als politischen Ballast das Krankenhausdefizit mit sich herumträgt.

Die Runde ist sich eh einig, dass man im Gunzenhäuser Klinikum besser aufgehoben sei als auf dem Berg bei Ansbach. Stichwort Berg: Gerne wird beim Stammtisch in der "Krone" auch über die Vorzüge des E-Bikes debattiert. Nostalgie mag schön sein, doch hilft sie beim nächsten Anstieg durch den schönen Mönchswald nicht weiter.

Der Mitteleschenbacher Stammtisch wird "bereichert", wenn sich Urlauber in der Wirtsstube aufhalten, die Ohren spitzen und sich zu fortgeschrittener Stunde dazugesellen. Das hebt die Stimmung. Der fränkische Dialekt mag für den Fremden eine harte Nuss sein, und doch versteht man sich. Es darf auch kräftig gelacht werden. Wenn wieder einmal alles passt, dann wird zudem kräftig gesungen. Da schimmert dann ein gehöriges Stück Heimatliebe durch. 

WOLFGANG DRESSLER E-Mail

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