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Nahwärmenetz in Ostheim rechnet sich

Reicht die Energiemenge einmal nicht, kann das Hackschnitzelheizwerk aushelfen - 26.08. 16:41 Uhr

OSTHEIM  - Buchstäblich Feuer und Flamme sind die Ostheimer, wenn sie von ihrer Nahwärmeversorgung schwärmen. Ihre Euphorie hat gute Gründe, denn sie sparen durchschnittlich an die 1000 Euro im Jahr im Vergleich zum derzeitigen Heizölpreis. Noch dazu müssen sie künftig keinen Cent mehr aufwenden für die Heiztechnik im Haus.

Die Ostheimer sparen rund 1000 Euro im Jahr durch das Nahwärmenetz ein.
Die Ostheimer sparen rund 1000 Euro im Jahr durch das Nahwärmenetz ein.
Foto: Falk
Die Ostheimer sparen rund 1000 Euro im Jahr durch das Nahwärmenetz ein.
Die Ostheimer sparen rund 1000 Euro im Jahr durch das Nahwärmenetz ein.
Foto: Falk

Ermöglicht hat das die von ihnen gegründete Gesellschaft „Bioenergiedorf Ostheim eG“, die im zweiten Jahr ihres Bestehens schon „schwarze Zahlen“ schreibt. Der Mann, der hinter dem Ost heimer Projekt steckt, ist ein ehemaliger Banker, der seinen Ruhestand im Lehnstuhl genießen könnte. Aber Hermann Huber (65) ist aus anderem Holz geschnitzt. Er kennt keinen Müßiggang. Der frühere Chef der VR-Bank Feuchtwangen-Limes eG ging 2006 in den Ruhestand. Er hätte allen Grund zur Selbstzufriedenheit, denn er hat die Genossenschaftsbank von den kleinsten Anfängen in Weiltingen (vier Millionen D-Mark) bis zur respektablen Bank mit über 300 Millionen Bilanzsumme geformt. Huber war frühzeitig von dem Gedanken einer konzernunabhängigen und deshalb lokalen Energieversorgung begeistert. Weil er von seiner „Botschaft“ restlos überzeugt war, konnte Hermann Huber auch die anderen Ostheimer überzeugen – und musste sie nicht überreden. Bei seinem privaten Umbau 2007 machte er sich die ersten Gedanken über ein Nahwärmenetz.


Der Landwirt Stefan Funk nahm 2005 seine erste Biogasanlage mit 290 Kilowatt in Betrieb. In der ersten von Stefan Funk einberufenen Versammlung 2007 machte dieser den Ostheimern den Vorschlag, mit seiner Abwärme Wohnungen zu beheizen. Das Interesse für ein Bürgerwärmenetz war damals eher gering, wohl auch deswegen hat die Sache nicht gezündet, weil noch keine Kosten bekannt waren.

Zweifel ausgeräumt

Der findige Banker aus Ostheim unternahm 2008 mit sechs Gleichgesinnten einen weiteren Vorstoß. Dabei half ihm seine berufliche Vorbildung: Als Leiter einer Bank mit 14 Zweigstellen war er oftmals mit dem Umbau von Gebäuden befasst, daneben hat er für seine Kinder schon gebaut. „Die Bauleitung war mein Steckenpferd“, sagt er über sein früheres Engagement. Dennoch schlug ihm Unverständnis entgegen, beispielsweise von einem örtlichen Heizungsbauer, der nicht glauben wollte, dass „dieser Scheiß“ funktioniert, und deshalb erst gar kein Angebot für den Bau des Nahwärmenetzes abgab. Auch andere zweifelten: „Wird das letzte Haus auch tatsächlich noch warm?“ Wesentlich mehr Unterstützung konnte er von dem Auracher Spezialisten Manfred Vogel von der Firma Krieger erfahren, der zu dieser Zeit schon an die 20 Netze gebaut hatte. Dessen größtes Projekt erschloss aber lediglich etwa 20 Häuser, 95 und noch mehr sollten es hingegen in Ostheim sein.

„Die Grobfinanzierung habe ich ganz ohne Ausschreibung gewagt“, gesteht Hermann Huber, der nach dem Abschluss des Projekts sagen kann: „Es ist etwas übrig geblieben.“ Der Bazillus hatte die Ostheimer längst erfasst. „Brechend voll war der Saal“, erinnert er sich, als er am 31. Januar 2009 seine konkreten Zahlen vorlegte. Vier Wochen hatten die Ostheimer Zeit, sich zu entscheiden. „Das war richtig“, verteidigt Huber sein rigides Verhalten von damals, „denn sonst hätte es viele Ausreden gegeben.“ Freilich: den Vorwurf, die Leute zu „erpressen“, musste er hinnehmen. Am Ende sagten die Eigentümer von 95 Häusern Ja zum Projekt, auch die neun Bauplätze der Gemeinde wurden in die Planung mit einbezogen. Huber hatte mit allem gerechnet, aber mit so viel Zustimmung nicht.

Ganz offiziell wurde die Genossenschaft dann im Juni 2009 gegründet. „Nach eineinhalb Stunden“, so Huber in Erinnerung an die Gründungsversammlung, „hatten alle unterschrieben“. Die Grundeigner unterschrieben 34 Grunddienstbarkeiten für die Verlegung von Hauptleitungen auf Privatgrundstücken. Am 26. Oktober kam der Zuschussbescheid, bereits am 3. November wurde mit dem Bau der Wärmeleitung begonnen.

Schnell erschlossen

Schon sechs Wochen später waren 59 Häuser angeschlossen, dann kam der Wintereinbruch. Mit dem Bau der Heizzentrale am Ortseingang und dem Weiterbau des Leitungsnetzes wurde Ende März 2010 begonnen (zusammen mit dem Biogasbauern Stefan Funk, dessen erweiterte Anlage mit einer Leistung von 380 Kilowattstunden die Wärme für das ganze Dorf liefert). Verlegt wurden 7818 Meter Leitungen aus Polyethylen. Die größten mit einem Durchmesser von 150 Millimetern waren allerdings Stahlrohre. Die Hauptleitung besteht größtenteils aus Kunststoffrohren mit 125 Millimetern, wobei sich der Durchmesser von der Heizzentrale bis zum entlegensten Anschlussnehmer bis auf 30 und 25 Millimeter verringert. Die Leitungsgräben wurden von der Firma Karl Schmidt aus Dittenheim bzw. in Eigenregie ausgebaggert. Dank eines inzwischen vielfach im Tiefbau angewandten Bohr-Spülverfahrens wurden die Leitungen unter Garagen, Ställen, Scheunen und Straßen von der Obernzenner Firma Scheuenstuhl auf 1500 Meter durchs Erdreich gepresst.

Jedes Mitglied hat sich zu vier Tagen Eigenleistung verpflichtet. So wurden die Rohre verlegt, die Kernbohrungen in die Häuser vorgenommen, die Übergabestationen mitmontiert, die Halle gebaut und gepflastert. Das trug zur Stärkung der Dorfgemeinschaft bei.

Der Betriebswirtschafter Huber strahlt: „Die Bohrung mit Rohreinzug und Verfüllung hat uns gerade einmal 35 Euro komplett pro laufenden Meter gekostet.“ Wie finanziert sich die Ostheimer Genossenschaft? Die Investitionssumme für das Netz (mit Bau der Heizzentrale und Photovoltaikanlage) belief sich auf 1,4 Millionen Euro.

Die Nahwärme Ostheim rechnet sich – und zwar nicht nur für die Abnehmer, sondern auch für die Genossenschaft. Und schließlich ist sie auch für den Ostheimer Biogasproduzenten Stefan Funk ein gutes Geschäft, das juristisch auf 20 Jahre vertraglich abgemacht ist, tatsächlich aber unbefristet ist. Huber kennt alle Daten der Abnehmer, weshalb er nachweislich zutreffende Angaben über die Verbrauchsmengen machen kann. Er ist nämlich auch Ableser. Akribisch und für jeden einsehbar hält er seine Datenmenge in seiner EDV fest. Transparenz im Geschäft ist ihm wichtig, Geheimnistuerei gibt es nicht. Sein Zahlenspiel: Wer früher 3000 Liter Heizöl verbraucht hat, der musste bei einem Heizölpreis von 80 Cent dafür rund 2400 Euro zahlen. Heute sind es bei umgerechnet 23.000 kW/h Wärme genau 690 Euro. Oder die Zahlen eines anderen Haushalts: bisher hat er 3000 Euro jährlich für das Öl bezahlt, heute sind es nur mehr 984 Euro. So ähnlich sehen viele Jahresabrechnungen und Vergleiche von Ostheimer Haushalten aus.

Günstiger Wärmeeinkauf

Die Genossenschaft kauft die Wärme beim Biogaserzeuger günstig ein und verkauft sie für 2,5 Cent je Kilowattstunde an die Haushalte. Sollte die Menge einmal nicht reichen, dann kann in einem kalten Winter auch die Hackschnitzelheizung der Genossenschaft Energie liefern. Die befindet sich in dem 42 mal 13 Meter großen Gebäude in direkter Nähe zum Biogasproduzenten Funk & Schmidt. Auf dem Dach der Heizzentrale (die Technik stammt vom Gunzenhäuser „Heizomat“-Werk) ist zudem eine Photovoltaikanlage mit 78,2 kW/h installiert worden. Sie hat im ersten Jahr ihres Betriebs schon einen Ertrag von 32.000 Euro gebracht. Gelagert werden in der mit einer Fußbodenheizung aufgewärmten Halle 1400 Kubikmeter Hackschnitzel. Die Anlage ruht die meiste Zeit, Huber räumt sogar ein, dass sie nach dem heutigen Erfahrungswert in dieser Größe gar nicht nötig gewesen wäre. Aber Sicherheit verleiht sie trotzdem. Außerdem können die Hackschnitzel gewinnbringend verkauft werden.

„Mit den 2,5 Cent kommen wir lange zurecht“, verspricht Hermann Huber, „und wir schreiben damit schwarze Zahlen.“ Die Abrechnung erfolgt nach dem Ostheimer Lean-Management: Huber liest einmal jährlich die Daten per Funk an der Übergangsstation in den Häusern ab. Er hat ein kleines Funkgerät dabei, das die Daten gleich an seine Rechenzentrale weitergibt. Die steht nicht in der Verwaltung eines riesigen Unternehmens, sondern in seinem Zwölf-Quadratmeter-Arbeitszimmer.

Vorteile überwiegen deutlich

Die vertragliche Laufzeit, zu der sich die Genossenschaft und die Kunden verpflichten, beläuft sich auf zehn Jahre. Das ist aber eher ein juristischer Wert, als ein praktischer. Die Haushalte haben eigentlich nur Vorteile: sie können komfortabel heizen, müssen sich praktisch um nichts kümmern, haben keine Ersatzbeschaffung, keine Kaminkehrgebühren und keine Reparaturen vorzunehmen, und in den Kellern gibt es auch keinen unangenehmen Ölgeruch mehr. Zudem haben die Ostheimer den Vorteil eines schnellen Internetanschlusses, denn mit der Wärmeleitung wurden 22 Kilometer Leerrohre für das Glasfaserkabel mit verlegt.

Die Ostheimer sind umweltbewusst, verheizen kein Heizöl mehr und können ihr nicht benötigtes Brennholz verkaufen. Interessenten für Brennholz können sich bei Vorstand Hermann Huber melden. Die bisherigen Heizkessel und Heizöltanks können praktisch entsorgt werden, bei Neubauten wird kein Heizraum mehr benötigt, denn die Übergabestation kann überall angebracht werden.

Ostheim gilt als Vorbild

Das Ostheimer Beispiel färbt ab. „Ich habe mich in den letzten eineinhalb Jahren kaum retten können“, sagt Huber und meint damit die Wünsche aus anderen Orten, dort über das famose Ostheimer Konzept zu berichten. Allein von Januar bis April hat er heuer 32 Gruppen geführt, darunter sogar Abordnungen aus Kanada und den USA. Die Kunden im Dorf haben ihm die besten Noten gegeben: Bei einer Umfrage äußerten sich 96 Prozent der Rückmeldungen mit dem Service zufrieden, 93 Prozent gaben an, die Informationen seien ausreichend und satte 100 Prozent sehen das ganze Konzept als okay an. 



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