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Montag, 19.11.2018

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"Unglaublich, was die Leute ins Altpapier schmeißen"

Autoreifen, tote Tiere, benutzte Windeln: In der Sortieranlage in Markt Berolzheim machen die Arbeiter unappetitliche Entdeckungen - 06.09.2018 06:00 Uhr

Papier-Sortierung mit Hilfe von Hightech: Manfred Ortner, Leiter der Ernst-Niederlassung in Markt Berolzheim, am Fließband, wo Papier und Kartons per Infrarotsensor und Druckluft getrennt werden. © Fotos: Jürgen Eisenbrand


Was er damit meint, hat der Niederlassungsleiter der Wertstoff-Sortieranlage in Markt Berolzheim schon vorab erklärt. "Es ist unglaublich, was die Leute alles in die Altpapiertonne schmeißen", sagt er in einer Mischung aus Verwunderung und handfestem Ärger. Ein eindrucksvolles Beispiel für die "Kreativität" mancher Müllentsorger sollte der Reporter des Altmühl-Boten wenig später quasi live miterleben.

Zunächst aber zählt Ortner, seit 27 Jahren in dem Betrieb tätig, der zum Gunzenhäuser Entsorgungs-Spezialisten Rudolf Ernst gehört, auf: "Staubsaugerbeutel, Kleidung, Kanülen, Blutbeutel, benutzte Windeln, alte Schuhe", es gebe fast nichts, was man nicht schon in den Grünen Tonnen gefunden habe. Ein noch halbvoller Zementsack habe vor einiger Zeit die ganze Sortieranlage eingenebelt, die Arbeiter mussten ihre Tätigkeit für eine ganze Weile unterbrechen.

Ganz ohne Menschen geht’s dann doch nicht: In einer abgetrennten Kammer sitzen Frauen, die letzte Kartonreste aussortieren – und dabei mitunter unappetitliche Dinge entdecken. © Jürgen Eisenbrand


"Ein Batzen Fleisch"

Besonders ekelhaft freilich ist das, was mutmaßlich auch die Ursache für den plötzlichen Gestank am Fließband war: "Ein Batzen Fleisch", vermutet Ortner. Fleisch, das möglicherweise in einer Kartonverpackung zurückgeblieben ist — oder auch absichtlich in die Papiertonne geworfen wurde: "Wir haben schon junge Katzen und tote Hunde in den Tonnen gefunden", sagt er. Und eine der Frauen am Fließband kommentiert trocken: Ja, manchmal sei das nicht besonders appetitlich, was da an ihnen vorbeirausche.

Etwa 25 000 Tonnen Altpapier werden in Markt Berolzheim pro Jahr angeliefert, sortiert, gepresst, verladen und dem Recycling zugeführt; das meiste davon karrt eine firmeneigene Spedition nach Eltmann bei Bamberg, wo der Palm-Konzern (4000 Mitarbeiter) eine Papierfabrik betreibt.

„Unglaublich, was die Leute alles in die Altpapiertonne schmeißen“: Manfred Ortner fischt ein komplettes Autorad, das die Sortieranlage gerade ausgespuckt hat, aus dem Kartonberg. © Jürgen Eisenbrand


Dafür jedoch muss der bunte Altpapier-Mix, den — unter anderem — die rund 95 000 Landkreis-Bewohner sammeln, erst sauber getrennt werden: in Kartonagen, Papier — und sogenannte Fremdstoffe. Deren Anteil liegt, so der gelernte Kfz-Meister Ortner, bei "rund zwei Prozent". Nicht viel, sollte man meinen, aber bei täglich 100 Tonnen, die in "B’heim" über die Anlage laufen, sind das immerhin noch zwei Tonnen, die dann im Restmüll landen — und in der Würzburger Müllverbrennungsanlage "thermisch behandelt" werden, wie es im Fachjargon heißt.

Ein großer Bagger, dessen Löffel eine Kapazität von rund 18 000 Litern hat, schaufelt das angelieferte, unsortierte Papier in einen großen Container, von dem aus es auf das Förderband fällt. Das Band transportiert den Abfall, der hier zum Rohstoff aufbereitet wird, steil nach oben, wo in einem ersten Schritt große Kartonstücke aussortiert werden; sie fallen nach unten auf den Hallenboden, wo sich schnell ein großer Haufen ansammelt.

Der zweite Sortier-Schritt ist technisch anspruchsvoller: An einer Art Lichtschranke erkennt ein Infrarotsensor anhand der Farbe, ob gerade ein Stück Papier vorbeigleitet — oder etwa ein Fetzen Karton. Sekundenbruchteile später "schießen" elektronisch gesteuerte Luftdüsen den unerwünschten Pappdeckel vom Band; er landet wiederum eine Etage tiefer auf einem Kartonhaufen. Unmittelbar danach läuft das Fließband an den drei Sortier-Frauen vorbei, die die letzten verbliebenen Papierreste aussortieren, ehe das dann hochgradig reine Altpapier fünf Meter weiter in einen der großen Sattelschlepper-Auflieger fällt.

"Noch nie langweilig"

Sichtlich stolz präsentiert Manfred Ortner die 200 000 Euro teure Anlage, die man bei Bedarf auch so einstellen könnte, dass sie Kunststoff-Abfälle aus den Gelben Säcken sortiert. Ein Geschäft, das die Markt Berolzheimer auch eine Zeitlang betrieben, inzwischen aber wieder eingestellt haben. Ihm sei "noch nie langweilig" gewesen sagt Ortner, der in seiner Freizeit nicht zuletzt beim Posaunenchor, als Reisebusfahrer und als Ortssprecher von Büchelberg aktiv ist. Jeder Tag sei interessant, jeden Tag passiere irgendetwas anderes.

Und wie zum Beweis dafür fällt plötzlich, direkt neben ihm und dem AB-Reporter, aus jenem Schacht, aus dem normalerweise die großen Kartonstücke ausgespien werden, ein besonders großer, massiver Brocken sechs, sieben Meter in die Tiefe — und landet krachend zwischen den Kartons. Der Brocken entpuppt sich bei genauem Hinsehen als komplettes Autorad, und Ortner schüttelt verärgert den Kopf: "Es ist unglaublich, was die Leute alles in die Altpapiertonne schmeißen." 

JÜRGEN EISENBRAND

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