Dienstag, 25.09.2018

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Ursheimer haben Angst vor Flut aus Hahnenkammsee

Stausee kann bei Starkregen überschwappen — Große Schäden im August 2005 - 16.02.2018 17:25 Uhr

So hoch stieg das Wasser am 23. August 2005, als der Hahnenkammsee überschwappte. Manfred Rock, der Sprecher der Interessengemeinschaft Hochwasser, zeigt es auf einer großen Skala, die im Ort angebracht ist. © Foto: Patrick Shaw


600.000 Euro war damals der Schaden, den die Ursheimer zu verkraften hatten, als im August 2005 das beschauliche Bächlein Rohrach, das mitten durch den Ort fließt, plötzlich über die Ufer trat. Kuhställe liefen voll, die Feuerwehr musste einige Jungrinder vor dem Ertrinken retten, und auch in den Wohnhäusern war die Zerstörung groß. Ein Schock, der den Anwohnern auch heute noch in den Knochen sitzt, haben sie doch Sorge, dass das jederzeit wieder passieren kann. Denn über die Rohrach läuft der Hahnenkammsee ab.

An diesem 23. August 2005 war die mögliche Ablaufmenge aber bei weitem nicht genug, und er schwappte am Notüberlauf, dem Entenschnabel, wie die Ursheimer das nennen, über. Sein Pegel war von 468 Metern über Meeresniveau auf 469,2 Meter gestiegen. Eine anderthalb Meter hohe Flutwelle sei auf das Dorf zugerollt und überflutete Wohnzimmer, Ställe, Scheunen, erinnert sich Anwohner Rainer Niemeyer, damals selbst betroffen. Aus Sicht der Anwohner liegt das auch daran, dass die Regelungstechnik des Sees so alt wie der See selbst ist, also rund 40 Jahre, und dringend modernisiert werden müsste.

Reiner Landschaftssee

Der Hahnenkammsee wurde Ende 1977 eingeweiht und war damit der erste fertige See des Fränkischen Seenlandes. Anders als der Brombachsee hat er über den Freizeitnutzen hinaus keine wasserwirtschaftliche Funktion.

Immer wieder versuchten die Anwohner, mit dem Wasserwirtschaftsamt ins Gespräch zu kommen, sodass sie ihre Ideen und Vorschläge einbringen können. Die Resonanz bei den Behörden war eher verhalten, und so wandten sie sich 2014 an den damaligen Bundestagsabgeordneten Josef Göppel, der eine Mediationsveranstaltung initiierte, wo neben Polsingens Bürgermeister Heinz Meyer auch Vertreter des Regierungspräsidiums, des Landratsamtes und des Wasserwirtschaftsamtes teilnahmen. Wie Manfred Rock, der Sprecher der Interessengemeinschaft Hochwasser, sagt, wurde ihnen dabei zugesichert, dass sie ihre Vorschläge einbringen dürfen, diese berücksichtigt würden und die Anwohner über den Stand der Dinge informiert werden.

Davon, dass kurz darauf ein Ingenieurbüro ein Gutachten erstellte und dazu eine Ortsbesichtigung machte, erfuhren die Bürger aber wieder nur durch Zufall, berichtet Rock.

Maßnahmen nicht zukunftsweisend

Auf Grundlage des Gutachtens und eigener Berechnungen hatte das Wasserwirtschaftsamt einen Bauentwurf erstellt und Anfang August 2016 beim Landratsamt eingereicht, der schließlich öffentlich in der Gemeinde ausgelegt wurde. Die Bürger waren erstaunt, dass dieser doch sehr von dem ihnen bekannten Gutachten abwich und nur ein kleiner Teil des "Gesamtprojektes Hochwasserschutz", wie es Rock formuliert, realisiert werden sollte. Sie kamen sich wiederum über den Tisch gezogen vor. Die Idee des Wasserwirtschaftsamtes sei es damals lediglich gewesen, die im Ablauf installierten Schieber mit einem Elektromotor nachzurüsten, um den Ablauf besser regeln zu könne. In den Augen Rocks und der Bürgerinitiative zwar die einfachste und billigste Variante, aber keine zukunftsweisende und effektive. Aus Telefonaten mit Spezialisten des Sylvenstein-Speichers hat Rock erfahren, dass es problematisch sei, derart alte Technik noch aufzurüsten. Am besten sei der Einbau moderner Technik, was sich die Bürger nun wünschen.

Ihre Idee ist zudem, dass der See entweder dauerhaft abgesenkt werden sollte, sodass bei Hochwasser von vornherein mehr Puffer vorhanden ist, oder wenn eine bestimmte Pegelmarke überschritten ist, ein automatischer Ablauf aktiviert wird, so dass der See nicht überlauft. Außerdem könnten sie sich vorstellen, dass vor einem angekündigten Unwetter vorbeugend der Pegel gesenkt wird. Das Wasserwirtschaftsamt sei hier, nach Aussage Rocks, von rund drei Kubikmetern pro Sekunde Abfluss ausgegangen, die Bürger haben aber ihrerseits das Bachbett vermessen, berechnet und beobachtet und bei der jüngsten Schneeschmelze festgestellt, dass der Bach bis zu 6,3 Kubikmeter pro Sekunde abtransportieren könne, ohne im Ort überzulaufen. Unter normalen Bedingungen fließt rund ein Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem See.

See kein Hochwasserspeicher

Der Abteilungsleiter für den Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen am Wasserwirtschaftsamt Ansbach, Roland Rösler, stellt aber im Gespräch von vornherein klar: "Der Hahnenkammsee war nie als Hochwasserschutz gedacht. Er war als Landschaftssee geplant und ist höchstens dafür ausgelegt, die durch die Flurbereinigung zusätzlich entstandenen Abflüsse aufzufangen." Man könne an einer kleinen Stellschraube drehen und dafür sorgen, dass die Hochwasserwelle abgemildert wird. Das soll dadurch passieren, dass frühzeitig mehr Wasser aus dem See abgelassen wird und so ein zusätzlicher Puffer geschaffen werde. Im Grunde so, wie es die Ursheimer wollen.

Unter einem Sammeleinspruch gegen den damaligen Bauantrag unterzeichneten 169 Bürger, weil sie "grobe Fehler und Unstimmigkeiten" darin sahen, wie Rock es formuliert. Eine Anhörung zu den Einsprüchen habe es aber nicht gegeben. Weder das Wasserwirtschaftsamt noch das Landratsamt wollten demnach dazu Stellung nehmen. Stattdessen ging das Gutachten an das Landesamt für Umwelt, wo es noch einmal geprüft werden sollte. "Solange uns nicht fachlich widerlegt wird, dass wir bei unseren eigenen Berechnungen Fehler gemacht haben, gehen wir davon aus, dass wir Recht haben", sagt Rock.

Vertrauen in Wasserwirtschaftsamt verloren

Das war im Mai 2017. Immer wieder fragten er und seine Mitstreiter nach, wie der Stand der Dinge sei. Am 9. Januar dieses Jahres endlich bekamen sie die Auskunft, dass das Gutachten vom Landesamt für Umwelt fertig sei. Einsehen dürfen es die Ursheimer aber nicht und fragen sich, warum. Sie fühlen sich außen vor gelassen und nicht ernst genommen, das Vertrauen in das Wasserwirtschaftsamt sei seit langem nicht mehr da, erklärt Rock.

Abteilungsleiter Roland Rösler sagt, dass es sich um ein schwebendes Verfahren handele. Im Gutachten des Landesamtes für Umwelt seien einige Anregungen enthalten, und auch auf die Einsprüche der Anlieger werde dort eingegangen. Demnächst wolle man sich mit den Kollegen vom Landesamt noch einmal zusammensetzen und noch offene Fragen klären, um dann in die Planungsphase für den Umbau zu gehen.

Baubeginn baldmöglichst

Die vom Wasserwirtschaftsamt favorisierte Lösung sei eine Kombination aus einem Umbau des Mönchs und des Notablasses am Seegrund, so dass bei Erreichen eines gewissen Pegelstandes der Ablauf mit einer bestimmten Menge automatisch aktiviert wird.

Noch diesen Sommer soll mit dem Bau begonnen werden. Rösler hofft deshalb, das Projekt in den nächsten Wochen voranzubringen.

Dazu muss aber erst der Bauentwurf an das Landratsamt gegeben werden. Dort liege dieser dann aus, die Bürger könnten ihn einsehen und Einsprüche formulieren, so nötig.

Den Ursheimern dauert das zu lange. Sie wollen schon jetzt beteiligt werden und ihre Ideen einbringen können. In einem offenen Brief an die Regierung von Mittelfranken, Bürgermeister, Landratsamt und Abgeordnete haben sie den Sachverhalt aus ihrer Sicht dargestellt und ihrem Ärger Luft gemacht. Dort fordern sie nun auch eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Wasserwirtschaftsamt, Landratsamt, Zweckverband, Gemeinde und Anwohnern, damit endlich etwas passiert. Denn die Angst, dass so ein Hochwasser wieder kommt und ihre Häuser wieder mit brauner Brühe flutet, die treibt die Ursheimer um.

Hochwasser nicht verhindern, nur abmildern

Rösler aber sagt, solch ein Jahrhunderthochwasser wie 2005 könne man nicht verhindern. Die Maßnahmen am Hahnenkammsee könnten höchstens dazu dienen, mittlere Hochwasser abzupolstern.

"Die Anwohner erwarten sich durch die Maßnahmen eine höhere Sicherheit, die aber nicht gegeben sein wird. Das beste wären echte Hochwasserschutzmaßnahmen." Aus Sicht von Rösler ist effektiver Hochwasserschutz nur durch zwei parallele Wege möglich. Zum einen sei das die Regulierung des Ablaufs an Regentagen, zum anderen sei das aber auch ein Hochwasserschutz im Ort, durch den Bau von Dämmen oder Mauern. Mit Dämmen könnten sich die Anlieger noch anfreunden, auf Beton-Mauern will in Ursheim aber niemand blicken.

Die Ursheimer sind zudem der Meinung, dass der See für die Hochwasser verantwortlich ist und die Lösung deshalb vor allem dort liegen müsse. Wie es weitergeht, wird sich zeigen. 

VIOLA BERNLOCHER

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