Donnerstag, 15.11.2018

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"Fake News" im Pegnitztal: Rupprechtstegen wehrt sich

Polin behauptete, der Ort verkomme wegen Flüchtlingen zur Müllkippe - 29.03.2017 10:08 Uhr

Der ehemalige Gasthof Baumann wurde von einer Polin verkauft und beherbergt mittlerweile Flüchtlinge. © Armin Tauber


"Vom Paradies zur Müllkippe. Wie das von Flüchtlingen überrannte Deutschland wirklich aussieht", war der Artikel überschrieben, der am 7. Juli 2016 in der Warschauer Tageszeitung Gazeta Prawna und auch im Internet erschien. Als abschreckendes Beispiel präsentiert wurde den polnischen Lesern dabei Rupprechtstegen, Ortsteil von Hartenstein und malerisch im Pegnitztal gelegen.

Eigentlich. Denn dieses Paradies war durch Flüchtlinge vor die Hunde gekommen, behauptete Maya Paczesny, die von der Zeitung interviewt wurde. Fische aus Privatteichen und Fahrräder würden in Rupprechtstegen gestohlen werden, der Ort verkomme zur Müllkippe, kein Tourist würde mehr dort hinfahren. Schließlich sei sie gezwungen worden, ihr geplantes Traumhotel dort zu verkaufen.

Gasthof Baumann gekauft

Das Interview fand regen Anklang in Polen, wurde massenhaft in sozialen Netzwerken geteilt und einschlägig kommentiert. Viele hörten gerne, dass die Flüchtlinge Deutschland von einem Paradies in eine Müllkippe verwandelten.

Rupprechtstegens Bürgermeister Werner Wolter. © privat


Allein: Im Fall von Rupprechtstegen sind die Behauptungen nicht wahr. Paczesny hatte den alten Gasthof Baumann im Ort gekauft und wollte ihn eigentlich zu einem Gasthaus mit Hotelbetrieb umbauen. Doch plötzlich inserierte sie das Gebäude im Internet, nach zwei Jahren fand sich schließlich ein Käufer. Vielleicht hatte sie festgestellt, dass ihr Vorhaben doch nicht so einfach war, dass das Haus an der viel befahrenen Hauptstraße womöglich doch kein ideales Urlaubsziel war.

Gezwungen habe sie jedenfalls niemand zum Verkauf, betont Hartensteins Bürgermeister Werner Wolter. "Wir von der Gemeinde hatten ihre Pläne ja sehr begrüßt, im Pegnitztal haben wir ohnehin viel zu wenig Übernachtungsmöglichkeiten."

Die Behauptungen verweist er alle ins Reich der Fantasie: "Rupprechtstegen hat sich in keinster Weise negativ verändert." Der Tourismus habe sogar noch zugelegt, speziell Kanufahrer würden immer mehr vorbeikommen. Fische habe niemand gestohlen.

Anfängliche Probleme

Nur die ersten Wochen, nachdem die ersten Flüchtlinge angekommen waren, habe es kleinere Schwierigkeiten mit der Mülltrennung gegeben, seien auch mal Essensreste im gelben Sack gelandet. "Aber das ist ja auch mehr als verständlich. Die Flüchtlinge kannten unser System ja noch nicht", meint Wolter. Das Müll-Problem sei aber seit langem gelöst.

Ironischerweise hat die Regierung von Mittelfranken mittlerweile den Gasthof Baumann angemietet, um dort Flüchtlinge unterzubringen. In dem Ort mit seinen 250 Einwohnern gibt es nun 100 Übernachtungsmöglichkeiten für Asylbewerber, 70 davon sind derzeit belegt.

"Das sind zu viele, darüber müssen wir nicht reden. Die Infrastruktur ist darauf nicht ausgelegt. Wir haben viele Flüchtlingsfamilien hier. Aber der Spielplatz ist für die 40 zusätzlichen Kinder zu klein", sagt Bürgermeister Wolter. Sonst hätten die Flüchtlinge aber keinerlei negative Auswirkungen auf das Dorfleben gehabt.

"Als Bürgermeister ärgert man sich natürlich schon über so viel Blödsinn. Das ist wohl der Fluch unserer Zeit: Jeder kann in irgendwelchen Netzwerken irgendwelche Behauptungen aufstellen. Aber damit müssen wir leben, dieser Herausforderung müssen wir uns stellen", betont Wolter.

Eine positive Erfahrung durfte er immerhin machen: Mittlerweile war noch eine zweite, skeptisch gewordene Journalistin aus Polen in Rupprechtstegen. Sie hat nun berichtet, wie es dort wirklich aussieht. 

Martin Müller Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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