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Donnerstag, 20.09.2018

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Festabend: 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Rund 400 Gäste nahmen an den Feierlichkeiten teil - 30.06.2018 14:17 Uhr

Die Bankmitarbeiter Gudrun Zeltner, Stefan Reinhardt und Lisa Ertel (v. links) stellten in einem Anspiel den Einfall der genossenschaftlichen Idee von Emilie, Friedrich Wilhelm und Amalia Raiffeisen nach. © A. Pitsch


Bevor die rund 400 Mitglieder und Gäste aus Politik, Wirtschaft, Ärzteschaft und Genossenschaften sowie Partner und Unterstützer näher in die Hinter- und Beweggründe dieser revolutionären Idee eintauchen durften, genossen sie einen stilvollen Empfang in und vor der Geru-Halle: Zwischen weißen Pavillons, Stehtischen, Lampen und Lampions tummelten sich schick gekleidete Damen und Herren, plauschten fröhlich und wurden vom heimatlich angehauchten "Flying Buffet" verwöhnt. Nicht nur Rostbratwürste und "Pulled Schäufele" vermittelten die "enge Verbundenheit der Bank zur Region", wie es Vorstandsvorsitzender Swen Heckel, in seiner Begrüßung beschrieb.

Auch der lustige und zugleich nachdenklich stimmende Sketch über einen sprichwörtlichen Kuh-Handel, über Bauern, die Opfer von Wucherern wurden und zwangsversteigern mussten, tat dies. Denn die drei Schauspieler Stefan Reinhardt, Gudrun Zeltner und Lisa Ertel sind im richtigen Leben 
Bank-Mitarbeiter. Doch für diesen Festabend hatten sie unter der 
Regie von Geschäftsstellenleiter Winfried Bock eine historische und humorvolle Herleitung zu 
Raiffeisens Geburtstag einstudiert. Auf dieser kleinen Zeitreise erklärten sie im fränkischen Dialog die Gründung der Bank sehr anschaulich und gekonnt – und schafften es sogar, sämtliche Slogans der Bank geschickt mit einzubauen.

Friedrich Wilhelm, Emilie und Amalia Raiffeisen wollten etwas gegen Wucherer unternehmen. Bauern sollten sich Geld leihen können zu niedrigen Zinsen und dies nach der Ernte zurückzahlen können. Aus Gedankenspielen am Kaffeetisch entstand die genossenschaftliche Idee: einen Pool aus Leuten zu finden, die Geld haben und investieren wollen, und dass sich die Leute zu niedrigen Zinsen so viel leihen können, wie sie brauchen, und das Darlehen zurückzahlen können, sobald es ihnen möglich ist.

Kindheit prägte

Kein Wunder, dass Heckel Raiffeisen als den "Vater der modernen Genossenschaftsidee" bezeichnete. Sein Leben prägten vor allem in Kindheit und Jugend religiöse Erziehung und Werte – weshalb, so Heckel, auch die beiden Geistlichen Wunnibald Forster und Dekan Werner Thiessen nicht fehlen durften –, Geldnöte, Revolten sowie die deutsche Staatsfindung Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus diesen Erfahrungen leitete er zwei Prinzipien ab, denen er treu blieb, wie Heckel nachzeichnete: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Raiffeisen selbst war zuerst beim Militär, bis er in die Verwaltung wechselte und dann mehrfach Bürgermeister wurde.

Als dieser erlebte er die Armut der Landbevölkerung hautnah und versuchte sie zu bekämpfen – durch Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Heckel fasste diese Prämissen in Beispiele, wie den Bau eines Gemeindebackhauses, die Gründung des ersten Hilfsvereins mit Solidarhaftung sowie der Kreditkasse für Bedürftige 1862: "Diese war nahe am heutigen Geschäftsmodell", betonte Heckel. Bevor Raiffeisen 1888 verstarb, schrieb er ein Fachbuch für Genossenschaftswesen und war laut Heckel jederzeit bescheiden: "Er hatte lediglich die Patenschaft für den Verein übernommen, ihn aber nicht gegründet."

"Doch wohin hat sich der Leitfaden Raiffeisens ,Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele’ entwickelt?", fragte Heckel in die voll besetzte Halle? "Rund eine Milliarde Menschen weltweit sind in Genossenschaften organisiert", warf er eine eindrucksvolle Zahl in den Raum. "Sie stehen für Demokratie und solidarische Marktwirtschaft", ist er überzeugt. Dass die Genossenschaftsidee 2016 zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde, unterstreiche die Wertigkeit. Und auch in der Hersbrucker Schweiz fasste diese "spezielle, besondere Rechtsform", so Heckel, 1881 zuerst in Förrenbach Fuß. Es folgten verschiedene Darlehenskassenvereine, die 1952 alle in der Raiffeisenbank Hersbruck aufgegangen sind.

Heute machen 20.000 Kunden, über 11.000 Mitglieder und 117 Mitarbeiter die Hersbrucker Bank aus, die vom sozialen Miteinander geprägt sei, erläuterte Heckel. Das Kreditinstitut wehre sich gegen die Regulatorik der Politik, die große und kleine Banken über einen Kamm schwere, und sei "nahe am Kunden im Einklang mit Wirtschaftlichkeit". Sprich, persönliche Verantwortung und technische Möglichkeiten werden kombiniert. In diesem Zusammenhang äußerte Heckel seinen Stolz auf die Mannschaft und hob die strategisch richtige Ausrichtung für die Zukunft sowie das Mitgestalten in der Heimat hervor: "Unser Slogan ist keine leere Worthülse, sondern ein Bekenntnis."

"Beeindruckende Bilanz"

Diesen Anspruch würdigte Bürgermeister Robert Ilg, der selbst 24 Jahre bei der Raiffeisenbank war, und sprach von einer "beeindrucken Bilanz" der "erfolgreichen Armada aus kleinen Flotten im Gegensatz zu einem schwerfälligen, großen Tanker". In einer humorvollen Rede machte er deutlich: "Wir gehören zu den Guten."

Ebenfalls großen Respekt zollte Landrat Armin Kroder der Leistung Raiffeisens, schließlich habe es damals viele Gegner – "Wucherer und Leidausnutzer" – gegeben. In einer gewohnt humorigen und lässigen Ansprache, der man gerne zuhörte, blickte er auf Geschäftsmodelle und Zinsniveau und betitelte Raiffeisens Idee als revolutionär: "Das eigene Glück ist bei ihm untrennbar mit dem Glück des anderen verbunden" – es ist ein "gegenseitiges Tragen".

In diesen Tenor fiel auch Markus Graßer, Regionalleiter Franken des Genossenschaftsverbands Bayern, ein. Er unterstrich die Bedeutung der Genossenschaften sowie den Förderauftrag der Mitglieder und startete einen Aufruf für die regionalen Banken: "Hier weht der wahre Geist Raiffeisens." 

Andrea Pitsch

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