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Schon wieder geflüchet? Gerüchte um Problemstier

Angeblich wäre er von Gnadenhof bei Fulda getürmt - 17.08.2017 10:12 Uhr

Bulle Jonathan auf dem Gnadenhof in Fulda, wo er seinen Lebensabend verbringen soll. © privat


Berichte von Privatpersonen von der angeblichen erneuten Flucht des 700-Kilo-Bullen sind auf der Facebook-Seite der Tierschützer – Wimp – nicht mehr zu finden. Dafür aber seltsame und unverständliche Aussagen wie "Seine Freunde inzwischen alle gemeuchelt und entpersonifiziert als Steak in der Fleischtheke von morgen. Er steht allein im Hochsicherheitstrakt im Stall. Kann nur über die Absperrungen mit der nächsten Schlachtcharge seiner Leidensgenossen kommunizieren."

Wo soll das sein? Für das neue Bullenzuhause auf dem Gnadenhof ergibt dieses Zitat keinen Sinn. So könnten Gerüchte entstanden sein über eine angebliche Haltung in Ketten bis hin zur zusammenfantasierten erneuten Flucht. Wenn sich dabei Menschen verletzt hätten, dann muss die Polizei davon wissen – aber Fehlanzeige. Die Polizeistation Fulda und auch deren Pressestelle verneinen: Nichts dergleichen sei in der vergangenen Woche passiert im Landkreis, in dem sich der Gnadenhof Lebensfroh befindet.

Besitzer dementiert: "Das stimmt absolut nicht"

Der Betreiber, Landwirt Matthias Jehn, dessen Eltern schon Bauern waren, ist entsetzt über die Behauptungen. "Das stimmt absolut nicht", sagt er. Seit Dienstag voriger Woche sei Jonathan bei ihm, ein Händler habe ihn direkt aus Alfalter zu ihm gebracht. Er hätte ihn zwar gerne selbst abgeholt, aber das war nicht möglich. Auch er nennt den Stier Jonathan, wie die Tierschützer, die es im Gegensatz zum 63-Jährigen in Bezug auf Tiere sehr menscheln lassen, wie auf Wimp nachzulesen ist.

Dazu geht Jehn im Gespräch auf Distanz. Er lese nicht, was auf Facebook steht, er unterstütze nur die Sache an sich. Auf seinem Hof hält er 180 Rinder, die sich aktuell auf zehn Koppeln im Freien bewegen. Es handelt sich um einen der Vorzeige-Gnadenhöfe des Tierschutzvereins, erzählt er. "Rüsselheim e. V." hat mehrere dieser Orte im Bundesgebiet, wo die von Paten finanzierten Tiere leben können ohne Aussicht auf die Schlachtbank.

Der Stier ist hochgefährlich

Jonathan ist für Jehn ein spezieller, aber kein Ausnahmefall. Seit seiner Ankunft befindet sich der Koloss in einem 80 Quadratmeter großen "Hochsicherheitstrakt", mit einem schweren Gitter vorne und ansonsten Betonwänden. Der Landwirt erklärt: "Er würde sicher ausbrechen und dann auf den Mann gehen", ist also hochgefährlich. "Ich habe keine Angst vor ihm, aber Respekt", sagt der Landwirt, der seit über 30 Jahren auch für das Veterinäramt arbeitet. Er habe es bei anderen völlig verstörten, panischen Tieren schon geschafft, dass sie ihm irgendwann aus der Hand fraßen. Dafür brauche es vor allem viel Geduld. Das mit Jonathan sei ein Versuch. "Wie lange das dauert, kann ich nicht sagen."

Fest steht, dass das Tier kastriert wird. Dann bekomme es Zeit, Vertrauen zu Jehn, zu anderen Menschen und vor allem Artgenossen zu fassen. Der Landwirt geht von mindestens einem Jahr aus. Ein Scheitern ist möglich, aber Schlachten sei ausgeschlossen, weil das der Wille der Paten ist, die den Kauf ermöglichten und jetzt die Haltung bezahlen. Es könne nur sein, dass er auf einen anderen Hof kommt. Das große Ziel für Jonathan aber ist die Wiese mit den anderen Tieren.

Ein Tierarzt aus dem Nürnberger Land, der namentlich nicht genannt werden will, hält Jonathan für gefährlich, aber nicht für bösartig. Das Hauptproblem neben der beachtlichen Masse sei: Er weiß seit seiner gelungenen Flucht, dass er springen und ausbrechen kann. Das ist auch Matthias Jehn bewusst. Er habe genug Erfahrung, versichert er, und lege viel Wert auf eine artgerechte Haltung. Der Arzt sagt, ein Rind müsse in einer Herde leben, das sei das wichtigste Kriterium. Etwas anderes erlaube das Veterinäramt auch nicht.

Welten treffen aufeinander

Ein weiterer Aspekt für den Tiermediziner: Ein Nutztier ist den Kontakt mit Menschen nicht gewohnt. Wenn ein Tierschützer also glaubt, einen Bullen wie Jonathan streicheln zu können, sei das naiv. Dieser Wunsch zeige nur, dass sich die Menschen heute meilenweit von der Landwirtschaft und ihrem wesentlichen Sinn entfernt hätten: "Tiere sind nicht dazu da, dass sie auf der Weide gestreichelt werden, Landwirte leben von ihnen. Die Alternative ist, keine Tiere mehr zu halten." Hier träfen zwei unvereinbare Welten aufeinander.

Bei Jehn findet demnächst ein Fest statt, zu dem viele Paten aus ganz Deutschland kommen werden. Jonathans Rettung schlug Wellen, manche Tierschützer nennen ihn einen "Helden". Der Landwirt erzählt, dass manche sich das Geld für diese Tiere hart erarbeiten. Es gebe aber auch finanzstarke Großsponsoren. Ohne sie würden die Rinder geschlachtet. Dass dem nicht so ist, "ist das Verdienst der Paten", sagt der 63-Jährige und setzt eine Grenze: An dem Festtag dürfen die Paten ihre Kühe oder Ochsen streicheln, "aber irgendwann ist dann Schluss". Für Jonathan kommt das aber ohnehin längst noch nicht in Frage. 

Michael Scholz

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