Mehr noch, das Häuschen, das auf dem Marktplatz ein typisches Rand-Dasein nahe dem Durchgang zum Schloss fristet, ist eine der seltenen, in den 80er Jahren speziell entworfenen Telefonzellen für Altstädte. Sie hat Sprossenfenster und ein spitzes Dach.
Dass es sie noch gibt, ist freilich kein Zeichen für große Popularität. Die Deutsche Telekom, heute unternehmerisch die Herrin über alle 80000 öffentlichen Telefonstellen, die es im Bundesgebiet noch gibt, modernisiert diese nach der Frequenz. Wo häufig telefoniert wird und reichlich Münzen klingeln - bzw. Karten abgebucht werden - stehen längst "Telestationen" wie am Polizeikreisel oder gar "Multimedia Stationen" mit Internetzugang, wo man Fahrplanauskünfte, Hotelpreislisten oder den Veranstaltungskalender downloaden, aber auch telefonieren kann.
Diese beiden Versionen, in türloser Standsäulen-Variante mit oder ohne Dächlein für draußen oder drinnen, oder auch in Kurzversion oder Wandversion für drinnen, hat die Telekom heute im Angebot für öffentliche Räume. Gelbe Zellen mit richtigen Türen und damit der völlig altmodischen Möglichkeit, dezent ein Gespräch zu führen, das nicht der halbe Platz mithört, stehen in Deutschland noch etwa 13000. Wie viele davon wiederum zur Randgruppe der Altstadt-Sprossenfensterzellen gehören, vermochte Cordelia Hiller, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Telekom in Bayern und Baden Württemberg, nicht genau zu ermitteln.
Auf NN-Anfrage ließ sie aber durchblicken, dass ihr Unternehmen sein Angebot laufend an den Bedarf der Kundschaft anpasst und dass so eine Zelle ihre monatlichen Kosten für Strom, technische Wartung, Reinigung und Instandhaltung wieder einspielen müsse. Im Handy-Zeitalter sicher immer schwerer, was die sinkende Zahl der öffentlichen Telefone erklären mag. In Herzogenaurach betreibt die Telekom noch sieben davon.
Die stadteigene Telekommunikationsgesellschaft, die HerzoMedia, hat übrigens keine in ihrem Unternehmenskonzept. Die modernste Version, mit "Hot Spot" fürs Einloggen ins Internet per Laptop oder Handy, gibt es nur drei Mal in der Nachbargroßstadt Erlangen. Seit 1899 gibt es erst Münztelefone, sieben Jahre später erste Pläne für Telefonzellen, die aber erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts populär wurden. Das Telefon selbst kann dieses Jahr 150. Geburtstag feiern. Der deutsche Physiker Philipp Reis bastelte 1860 eine Vorrichtung zur elektrischen Tonübertragung. Mit einer Wursthaut baute er dafür das menschliche Trommelfell nach. Das alles, weiß Irene Lederer, war weit vor der Zeit, als die Errungenschaft in Herzogenaurach Einzug hielt.
Deutschlands erste Fernsprech-Vermittlungsanlage ging 1881 in Berlin in Betrieb, aber erst 1906 wurde nach schleppenden Verhandlungen das erste Telefonkabel entlang der Herzogenauracher Hauptstraße verlegt. Die größten Betriebe hatten schon vorher die Geduld verloren und Privatleitungen in die Nachbarstädte verlegen lassen. Als es endlich soweit war, kam auch sofort der erste öffentliche Fernsprecher. Er hing nicht sehr diskret im Schalterraum der Poststation. Nicht weit waltete das Fräulein vom Amt.
Bis 1956 gab es in der Aurachstadt nämlich keine automatische Vermittlung. Erst seitdem hat die Stadt auch ihre Vorwahl-Nummer, die bekannte 09132. Vorher musste jedes Gespräch angemeldet werden. Die Beamtin stellte per Stecker die Verbindung her und rief zurück. Fritz Kurr erinnert sich noch an die Stimme des "Fräulein Beck", das diesen Dienst lange in Herzogenaurach versah. Nicht mehr als 80 Anschlüsse hat es bis in die Nachkriegszeit in Herzogenaurach gegeben, so der einstige Geschäftsmann. Sein Eisenwaren-Geschäft hatte die Nummer 6 und erlebte den Netzausbau auch bis zur vierstelligen Telefonnummer mit. Gute Zeiten waren das für öffentliche Fernsprecher und die aussterbende Art der Telefonzelle.
Die gelbe am Marktplatz möchte aber auch der Smartphone-geübte Bürgermeister German Hacker nicht missen. Er sieht einen wichtigen Vorteil: Bei Regen könne man mit drin trocken auch mit dem Handy telefonieren. Auf einen echten Nostalgiefaktor weist Telekom-Sprecherin Cordelia Hiller hin. Rund zwei von drei Zellen-Telefonen kann man bis heute auch noch mit Mark und Pfennig füttern - Kurs: zwei Mark für einen Euro.
