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Faber-Castell will vergessenes Schloss wachküssen

Stiftefabrikant wird den Appelhof bei Allersberg restaurieren - 09.02.2015 05:58 Uhr

Noch liegt Schloss Appelhof verschlafen und etwas heruntergekommen da. Doch schon in wenigen Monaten soll es hier lebendig zugehen mit Kunst, Kultur und einem kleinen Café-Betrieb.

Noch liegt Schloss Appelhof verschlafen und etwas heruntergekommen da. Doch schon in wenigen Monaten soll es hier lebendig zugehen mit Kunst, Kultur und einem kleinen Café-Betrieb. © Michael Matejka


Noch steht die Zeit still in Schloss Appelhof. Die Zeiger der Turmuhr hängen da wie festgefroren, kein Ticken ist zu vernehmen. Doch in den nächsten Monaten soll das Uhrwerk wieder anlaufen, sollen die drei Glöckchen lautstark die Zeit verkünden. „Dann hat das Leben wieder begonnen auf Schloss Appelhof“, sagt Simone Clodius. Sie ist beim Stiftefabrikanten Faber-Castell als Restauratorin tätig und soll sich nun neben dem Steiner Schloss auch um den Appelhof im Landkreis Roth kümmern.

Einst verbrachten hier der junge Graf Roland von Faber-Castell und seine Geschwister Irmgard, Elisabeth und Mariella nebst Mutter Ottilie unbeschwerte Sommertage. Doch seit vielen Jahren ist das vormals prachtvolle Rokoko-Schloss ein verlassenes Stiefkind, dem man beim Verfall zusehen kann. Das soll sich ändern.

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Schloss Appelhof der Familie Faber-Castell Schloss Appelhof der Familie Faber-Castell Schloss Appelhof der Familie Faber-Castell
Morbider Charme: Schloss Appelhof erwacht aus dem Schlaf

Noch versprüht das Rokoko-Schloss Appelhof zwischen Allersberg und Rothsee morbiden, verfallenen Charme. Doch schon bald soll das Landgut der Familie Faber-Castell wieder erwachen mit einer Mischung aus Kunst, Kultur und Natur.


„Der Wolfgangshof in Anwanden zeigt, was möglich ist“, sagt Peter Schafhauser, der früher Sprecher von Faber-Castell war und dem Appelhof bei der Wiedergeburt hilft. Auch das Gut Wolfgangshof gehört der Familie Faber-Castell und erlebte jüngst eine Renaissance als Kulturpalast
und romantische Weihnachtsmarkt-Kulisse.

Frevlerische Einbauschränke

Betritt man in diesen Tagen den Appelhof, kann man sich eine solche Renaissance kaum vorstellen. Der große Gartensaal im Erdgeschoss war bis vor kurzem noch in kleine Kämmerchen unterteilt. Jetzt hat man immerhin schon die frevlerischen Mauern herausgerissen. Andere Frevel müssen erst noch angegangen werden: Die schlichten Einbauschränke etwa oder die alte Badewanne mitsamt 50er-Jahre-Fliesen. Eine Heizung gibt es nicht, für Licht sorgen Baustrahler.

Bis zu ihrem Tod 1985 hat Gräfin Mariella in Appelhof gewohnt. Bis 2011 lebte dann noch eine entfernte Familienangehörige in dem Schlösschen, um dessen Bausubstanz sich seit Jahrzehnten niemand gekümmert hat.

In diesem Jahr soll eine Musterachse angelegt werden, die aufzeigt, wie aufwendig welche Form der Restaurierung wäre und wie viel Geld und Zeit man hineinstecken müsste. „Die Zukunft ist völlig offen“, betont Clodius. Ob hier einmal Gewerbe einzieht, Wohnungen entstehen oder ein Kultur-Ort für die Öffentlichkeit - das wird sich erst in einigen Jahren entscheiden.

In den kommenden Sommern soll das Schloss aber zunächst jedermann zum Genuss von Kunst, Kultur und Natur offen stehen. Kunstausstellungen sind geplant, Lesungen, Musik und Film-Vorführungen. Ein kleiner Café-Betrieb verwandelt den Garten schon bald wieder in ein lauschiges Örtchen.

Irmgard Prommersberger (links) von der Landkreisbücherei Hilpoltstein und Restauratorin Simone Clodius mit einem Rokoko-Ziffernblatt.

Irmgard Prommersberger (links) von der Landkreisbücherei Hilpoltstein und Restauratorin Simone Clodius mit einem Rokoko-Ziffernblatt. © Michael Matejka


Von einem hochherrschaftlichen Erscheinungsbild ist das Haus noch weit entfernt, doch das Kleinod, das darin steckt, ist zu erkennen: Fast alle Türblätter sind mit Originalmalereien mit Fantasie-Landschaften aus dem 18. Jahrhundert geschmückt. Die Holztreppe zieren kunstvolle, muschelförmige Ornamente. Das prachtvolle Rokoko-Ziffernblatt aus Lindenholz soll künftig wieder im ersten Stock hängen.

Die Fassadenbemalung mit Ölfarbe stammt aus dem Jahr 1904 und ist einzigartig in ganz Bayern. Wunderbar haben sich die pastellfarbenen Pinselstriche von Georg Hartner erhalten, kleine Putten mit Orangenbäumchen etwa. Sie erinnern daran, dass sich hier einst eine große barocke Gartenanlage anschloss, ähnlich den Nürnberger Hesperidengärten.

Gilardis "Fressgütlein"

Das heutige Rokoko-Schloss entstand um das Jahr 1760. Etwa 40 Jahre zuvor hatte der Allersberger Drahtbaron Jacob Gilardi das Gelände erworben, das seit dem 15. Jahrhundert als Landgut bekannt war und zunächst Herzog Ludwig von Bayern und dann der Nürnberger Patrizierfamilie Holzschuher gehörte.

Gilardi nannte das Schlösschen, das vermutlich vom bekannten Rokoko-Baumeister Gabriel di Gabrieli geplant wurde, sein „Fressgütlein“ und verband es durch eine Lindenallee mit seinem Anwesen in Allersberg. Den Anfang der Allee kann man noch heute bewundern, bevor sie dann jäh von der nahen ICE-Strecke und der Bahnstrecke unterbrochen wird.

Das Lust- und Jagdschlösschen diente den Gilardis als Sommerresidenz, bevor es 1889 an den Freiherrn Lothar von Faber verkauft wurde. Er wollte zum „Erblichen Reichsrat der Krone Bayerns“ ernannt werden und sammelte dafür reichlich Ländereien.

„Ich träume davon, hier im Sommer ein Glas Wein im Garten zu trinken“, sagt Restauratorin Simone Clodius. Zum Wein möchte sie im Park am liebsten einem Konzert lauschen - und natürlich den Glöckchen der Turmuhr. 

MARTIN MÜLLER (Nürnberger Nachrichten)

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