Dienstag, 18.12.2018

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Fertig nach 28 Jahren: IFA-Oldtimer aus der DDR restauriert

In Manfred Ahrendts historischem Fahrzeug steckt gaaaaanz viel Zeit - 07.07.2018 12:52 Uhr

An diesem Auto kennt Manfred Ahrendt jede Schraube: In seiner Garage hat er den Fund aus DDR-Zeiten komplett zerlegt und anschließend akribisch wieder zusammengebaut. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. © Martin Regner


Da haben sich zwei nicht unbedingt gesucht, aber gefunden. Eigentlich, so erzählt es Manfred Ahrendt, hat er früher nur an alten Autos der italienischen Marke Autobianchi herumgeschraubt. Und das auch nicht, um die Autos schön als Oldtimer herzurichten, sondern um einen fahrbaren Untersatz für den Alltag zu haben. Wenn der TÜV wieder den Daumen über eines seiner Autos senkte, schweißte Ahrendt halt bei einem anderen die übelsten Durchrostungen zu und weiter ging‘s.

In Einzelteilen über die Grenze?

Bis, ja bis er im Spätsommer 1989, als es die DDR noch gab und die Mauer noch stand, zu einer Jugendweihe in der Ortschaft Gorenzen im Südharz eingeladen war. Damals gab ihm ein Onkel, der dort wohnte, einen Tipp: In einem Schuppen im Dorf schlummerte ein schon lange abgestelltes Auto vor sich hin. Ein IFA vom Typ F 8, der sich allerdings in einem bedauerlichen Zustand befand.

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Mit 20 PS knatternd unterwegs: Manfred Ahrendt und sein IFA F8

28 Jahre lang hat Manfred Ahrendt aus Hilpoltstein an seinem IFA F8 aus den 1950er-Jahren gebastelt, jetzt kann er seinen Oldtimer endlich fahren. Die 20 PS des kleinen Motors brauchen eine Weile, bis sie auf Touren kommen, doch dann beschleunigen sie den F8 auf eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 85 Stundenkilometern.


Ahrendt schaute in den Schuppen und entschloss sich kurzerhand, den Oldtimer aus den 1950er-Jahren zu kaufen. Um die Neuerrungenschaft in den Westen zu befördern, ersannen die beiden Männer einen raffinierten Plan: Der Onkel, der von Beruf Lastwagenfahrer war, sollte bei jeder Tour nach Westdeutschland ein paar Teile davon im Palettenkasten unter der Ladefläche seines Lkw über die Grenze schmuggeln. Der Versuch, den Oldtimer im Ganzen nach Hilpoltstein zu holen, wäre nach Einschätzung von Ahrendt wohl nämlich ziemlich aussichtslos gewesen: Die Zöllner an der Grenze hätten trotz des schrottreifen Zustands des alten Fahrzeugs sicherlich etwas gegen den Export von "Kulturgut der DDR" gehabt und die Ausfuhrgenehmigung verweigert.

Geschaut, was noch brauchbar ist

Zur Umsetzung des Plans, den IFA zu zerlegen und in Einzelteilen nach Westen zu holen, kam es nicht mehr: Die Mauer fiel, die DDR ging unter und mit ihr verschwand das strenge Regime an der Grenze. 1990 fuhr Ahrendt ganz einfach mit einem Transportanhänger nach Gorenzen und holte seinen Oldtimer in einem Stück zu sich nach Hause. Doch damit fing die Arbeit erst an. Ahrendt baute den IFA komplett auseinander: "Dann habe ich geschaut, was von den Teilen überhaupt noch brauchbar ist." Vieles, was verbraucht, verrostet oder während der Standzeit im Gorenzer Schuppen verrottet war, musste repariert oder nachgebaut werden. Beispielsweise die komplette Polsterung der Sitze, die Ahrendts inzwischen verstorbener Schwiegervater — ein gelernter Polsterer — in Handarbeit komplett neu herstellte.

Sie gehören seit 28 Jahren zusammen: Der Hilpoltsteiner Manfred Ahrendt und sein IFA vom Typ F8. © Martin Regner


Der Kunstlederbezug auf dem Dach wurde an einem heißen Sommertag bei 35 Grad Außentemperatur aufgezogen: "Da ließ sich das Kunstleder viel leichter ziehen." Doch auch die Restaurierungsarbeiten zogen sich in die Länge und so wurde nicht nur der Oldtimer immer älter, sondern auch der Besitzer. Letztes Jahr, sagt der inzwischen 67-jährige Ahrendt, habe er sich gedacht: "Wenn ich‘s jetzt nicht mehr fertig mache, dann mache ich‘s gar nicht mehr."

Ein Auto für entspannte Touren

Er legte ein paar Sonderschichten in der Garage ein und konnte die Instandsetzungsarbeiten tatsächlich erfolgreich abschließen. Doch dann kam gleich die nächste Hürde in Form der Zulassung auf Fahrzeug und Besitzer zu: Der IFA hatte keine Papiere mehr und niemand wusste, wann er zum ersten Mal zugelassen worden war. "Der bayerische TÜV wollte mir deswegen das Baujahr 2017 eintragen", erzählt Ahrendt und schüttelt den Kopf. Denn damit wäre er nicht weit gekommen: Der Wagen erfüllt die Umwelt- und Sicherheitsvorschriften nicht, die inzwischen für Neuzulassungen gelten. Mit einem Baujahr 2017 hätte Ahrendt kein Nummernschild für sein altes Auto bekommen.

Also machte sich der Restaurator noch einmal mit einem Anhänger auf den Weg nach Osten: Die Dekra in Cottbus hatte mehr Verständnis für seine Nöte. Nachdem aufgrund von technischen Details eingegrenzt werden konnte, dass Ahrendts IFA irgendwann zwischen 1953 und 1955 gebaut worden sein musste, wurde der 1. Juli 1954 als Datum der Erstzulassung in den neuen Papieren vermerkt.

Und so kann sich Manfred Ahrendt aus Hilpoltstein endlich nach 28 Jahren Arbeit hinter das weiße Lenkrad schwingen, den Benzinhahn öffnen, den Zweitaktmotor unter der langen Motorhaube knatternd zum Leben erwecken und eine Runde drehen. Und auch das ist wieder ein kleines Abenteuer, zumindest wenn man moderne Autos gewohnt ist.

Ein unerreichtes Ziel bleibt noch

Denn die Türen des IFA öffnen nach hinten, es gibt keine Sicherheitsgurte und am oberen Rand der Windschutzscheibe wölbt sich voluminös das Gehäuse des Scheibenwischer-Motors in den Fahrgastraum. Mitten aus der Armaturentafel aus rot marmoriertem Bakelit ragt ein weißer Gehstock heraus — der Schaltgriff einer Revolverschaltung, so wie es sie später auch beim legendären Renault R 4 aus Frankreich gab.

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Die 20 PS des kleinen Motors brauchen eine Weile, bis sie auf Touren kommen, doch dann beschleunigen sie den F8 lärmend auf eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 85 Stundenkilometern. Kein Auto für die Langstrecke also, mehr für entspannte Touren rund um den Rothsee, wenn die Sonne scheint. Ein unerreichtes Ziel hat Manfred Ahrendt aber doch noch: Mal einen früheren Arbeitskollegen mit dem IFA zu besuchen. Der wohnt in Weiden in der Oberpfalz. Für das Auto ist das eine gewohnte Richtung: Die Stadt Weiden liegt sogar noch ein kleines Stückchen weiter ostwärts als das Dorf Gorenzen. 

Martin Regner E-Mail

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