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Hitler ließ sein Monster-Stadion in der Oberpfalz testen

Grundstein wurde vor 80 Jahren gelegt - Probetribüne im Hirschbachtal - 06.09.2017 10:21 Uhr

Im Dokumentationszentrum Nürnberg steht ein Modell des gigantischen Stadions für 400 000 Besucher. © Foto: Edgar Pfrogner


"Streng geheim", so stand es auf den Plänen, die Hitlers Baumeister Albert Speer in Sachen "Deutsches Stadion" verantwortete. Über 90 Meter hoch sollten die Tribünen des Halbrunds in Nürnberg werden und mehr als 400 000 Zuschauern Platz bieten. Speer hatte sich angeblich vom antiken Stadion in Olympia inspirieren lassen. Allerdings hatte sein geheimer Entwurf nichts mit den damals schon üblichen Leichathletikstadien rund um die 400-Meter-Bahn zu tun. Das "Deutsche Stadion" wäre etwa 800 Meter lang und 450 Meter breit geworden. Was dort gezeigt werden sollte, hätte wenig mit olympischen Disziplinen zu tun gehabt. Eher dachten die Verantwortlichen wohl an Handgranatenweitwurf oder Panzer-Geschicklichkeitsfahrten, wird spekuliert.

Auf einen steilen Südhang im Hirschbachtal in der Oberpfalz war die Wahl für den Probebau gefallen, weil dort eine Tribüne im selben Winkel wie später in Nürnberg im natürlichen Gelände errichtet werden konnte. 400 Arbeiter wurden im Jahr 1937 dorthin abkommandiert, um die Versuchstribüne zu errichten. Sie schufteten Tag und Nacht. Fundamente für fünf Ränge mussten gegossen, dazu eine hölzerne Tribüne mit einem Neigungswinkel von 27 bis 30 Grad errichtet werden. Lange Baumstämme für die Konstruktion kamen mit Lastwagen aus dem Bayerwald. Wachposten der SS verwehrten Fremden den Zugang zum Hirschbachtal.

Und am 21. März 1938 verstärkten die Wachposten den Sicherungsring: Adolf Hitler, Albert Speer und weitere Nazi-Bonzen kamen zur Besichtigung. Auf eigens gezimmerten Treppen erklommen die Ehrengäste die Treppe. Und hatte schon sich der Reicharbeitsdienst aus Hersbruck und Schnaittach unten im Tal auf einer improvisierten Bühne in Reih und Glied aufgestellt. Der Sicht- und Akustiktest fiel offenbar positiv aus. In Oberklausen und in Nürnberg wurde weiter gebaut.

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Deutsches Stadion: Nazi-Gigantomanie in Nürnberg und der Oberpfalz

Vor 80 Jahren wurde am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg der Grundstein für das "größte Stadion der Welt" gelegt. Gebaut wurde das Monster-Projekt nie. Im Hirschbachtal in der Oberpfalz lässt sich aber an den Resten eines Testbaus die Gigantomanie des Vorhabens nachvollziehen.


Andernorts quälte das Nazi-Regime Menschen, um die Baumaterialien für das Bauvorhaben zu bekommen. In den Steinbrüchen der Konzentrationslager in Flossenbürg oder Mauthausen sollte der Stein für die Fassade gewonnen werden: Der Unterbau war in rotem Granit vorgesehen, die Außenfassade in rosa Granit.

Ein Jahr nach den Olympischen Spielen in Berlin, am 9. September 1937, lud die NSdAP zur Grundsteinlegung für das "Deutsche Stadion" nach Nürnberg. Neben Speers Modell des Stadions stand ein gewaltiger Granitblock. Hitler verhieß in seiner Ansprache vor 7000 Gästen "Kampfspiele bis in fernste Jahrhunderte hinein", faselte unkonzentriert von "Kraft und Schönheit", wie es in einem wissenschaftlichen Aufsatz nach Auswertung des historischen UfA-Wochenschau-Materials heißt.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs zwei Jahre später entstanden noch Lagerhallen für den Granit, dazu Gleisanlagen. Riesige Bagger kündeten von einem Baufortschritt, den es gar nicht gab, denn erst 1940 sollte es richtig losgehen. Einzig die lauten Pumpen für das Grundwasser liefen Tag und Nacht. Sie wurden erst 1945 abgestellt.

Derweil waren die Arbeiter schon 1940 abgezogen worden, um Bunker für die "Westbefestigungen" zu bauen. Auch im Hirschbachtal ging nichts mehr voran. Einzig die SS-Wachen waren geblieben, um den Tribünen-Torso im Wald zu bewachen.

Betonfundamente im Steilhang erinnern an den Test für das „Deutsche Stadion“ in Nürnberg. © Foto: Lorenz Bomhard


Beim Einmarsch der US-Armee gab es im benachbarten Ort Achtel im Frühjahr 1945 erbitterte Gegenwehr von versprengten SS-Kommandos aus Grafenwöhr. Das Resultat: Zerstörte Häuser. Weil sich die GIs ohnehin nicht mit dem Zeugnis des Nazi-Größenwahns anfreunden konnten, ließen sie die Tribüne abtragen. Balken und Mauersteine durften für den Wiederaufbau in Achtel genutzt werden.

Über Jahrzehnte standen die Betonbrocken vergessen im Wald. Nur der Namen "Stadionberg" im Volksmund erinnerte noch an die Probetribüne. Erst mit der Erforschung der Architektur für die Reichsparteitage fand der längst von Bäumen und Sträuchern überwucherte Steilhang wieder Interesse.

Zwei Tafeln erklären heute vor Ort die Besonderheiten. Eine widmet sich der Nazi-Vergangenheit, die andere verweist auf die zahlreichen Orchideen im Jura. 

Lorenz Bomhard Ressortleiter Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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