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Freitag, 16.11.2018

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Erinnerungen an einen viel zu kurzen Frühling

Ein Herzogenauracher Handballer in der CSSR - 17.08.2018 11:57 Uhr

Volker Schneller (vorne in der Mitte im weißen, langärmigen Trainingsanzug) mit der Handball-Nationalmannschaft der Tschechoslowakei, die er - wie auch die 15 anderen Teilnehmer des ersten olympischen Hallen-Handballturnieres - bei den Spielen in München 1972 betreute. Außen links mit dem Ball unterm Arm steht der damalige Trainer Jiri Vicha. © Foto: Archiv/Schneller


Am 17. August 1968 kam es in der Stadt Karvina in der damaligen Tschechoslowakei (CSSR) aus Anlass des Verbandsjubiläums zu einem Handballspiel des amtierenden Weltmeisters CSSR gegen eine IHF-Weltauswahl. Mein damaliger Arbeitgeber adidas hatte mich beauftragt, den beiden Partnern vor Ort einen Schuhservice anzubieten, und so machte ich mich am Tag davor, in Begleitung meiner Frau und mit 50 Paar Spielschuhen gängiger Größen im Kofferraum, auf den Weg. Wohl wissend, dass dies an der Grenze, wo zwei bis drei Stunden Wartezeit nicht ungewöhnlich waren, Argwohn auslösen könnte.

Ich hatte zudem jenen Stress und vereinzelt auch die Schikane nicht vergessen, welche mir Anfang der 1960er Jahre als Autofahrer bei sportlichen Terminen in Westberlin an den Kontrollpunkten der ehemaligen DDR widerfahren war.

Dennoch blieb uns dieser Einsatz anfangs in bester Erinnerung. Das hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen konnte ich fünf Jahre zuvor als Spieler des deutschen Feldhandball-Meisters TSV Ansbach in einer Freundschaftsbegegnung mit dem mehrfachen Sieger des Europapokals der Landesmeister im Hallenhandball, Dukla Prag (Endstand 15:12 für die Gäste), erste Bande mit deren legendärem Trainer Bedrich König knüpfen. Dieser war auch für das Nationalteam der CSSR zuständig und mitverantwortlich für die Abwicklung der Jubiläumsveranstaltung. Hinzu kam, dass der kurze Zeit zuvor begonnene "Prager Frühling" eine vorsichtige Zuversicht in großen Teilen der Bevölkerung der CSSR einschließlich ihrer Grenzposten ausgelöst hatte.

Einige adidas-Schlüsselanhänger trugen zusätzlich dazu bei, dass wir zügig weiterfahren konnten oder unterwegs von Passanten alle Auskünfte bereitwillig bekamen. Ein Navi gab es damals bekanntlich ebenso wenig wie eine durchgängige Autobahn. Nach einer Nacht Zwischenstopp in Prag erreichten wir bei über 30 Grad auf staubigen Landstraßen rund vier Stunden später die Industriestadt Karvina.

Das Spiel fand in einem Kleinfeldstadion vor rund 5000 Zuschauern statt. Aus der Bundesrepublik Deutschland war Herbert Lübking in der Weltauswahl vertreten, mit dem ich zwei Jahre zuvor die letzte Weltmeisterschaft auf dem Großfeld erringen konnte. Doch auch etliche andere Spieler beider Teams waren mir durch frühere Länderspiele persönlich bekannt und umgekehrt.

Auch dank der Hilfestellung der Organisatoren hatte ich ein leichtes Schaffen, was vor Reiseantritt so nicht unbedingt erwartet werden konnte. Auf der Rückfahrt nach Prag am nächsten Tag hatten wir Bedrich König und den damals weltbesten Handballtorwart Jiri Vicha an Bord, bei unverändert brütender Hitze. Wirklich heiß wurde es mir aber erst so richtig, als König mich unvermittelt fragte, ob ich Lust hätte, am selben Abend in Prag für Dukla ein Pflichtspiel – eine Art Sommermeisterschaft im Freien auf dem Kleinfeld – zu bestreiten. Nun war mir längst sein trockener Humor bekannt, anders konnte ich das Angebot nicht deuten, denn dies war allein schon aus formalen Gründen eigentlich undenkbar. Zudem waren mir die Dukla-Akteure zwar seit der Begegnung in Ansbach nicht fremd, doch ich hatte meine internationale und Bundesliga-Laufbahn einige Monate zuvor beendet.

Nun beim Europapokal-Sieger mit aktuellen Weltmeistern ohne Vorbereitung zu spielen, dafür reichte mein Selbstvertrauen doch nicht. Aber er ließ nicht locker, und als auch noch Vicha erklärte, dass ich ihn in Ansbach etwas "geärgert" habe und er mir den Einsatz daher zutrauen würde, machte ich einen letzten Abwehrversuch, indem ich auf den Derby-Gegner Sparta Prag verwies, der ja die Personalie Dukla bestens kenne.

Der Meistertrainer meinte schmunzelnd: "Bin ich Bedrich, bin ich König", zudem wären seine Spieler von dem Auswahlspiel in Karvina noch etwas platt. Auch um nicht undankbar für seine Rundumhilfe bei meinem Jubiläumseinsatz zu sein, blieb mir praktisch keine Wahl mehr. Passende Spielschuhe hatte ich im Auto, Trikot und Hose zauberte König schnell herbei, und so begaben wir uns gegen 16 Uhr zu einem staubigen Aschenplatz bei immer noch über 30 Grad und rund 500 Zuschauern irgendwo in Prag. Ich durfte in der ersten Halbzeit noch zuschauen, dann aber wurde es ernst. Doch mein Team lag da schon mit sechs Treffern vorne und nachdem fast alle Nebenleute wie Vaclav Duda, Rudolf Havlik oder Voitech Mares recht gut deutsch sprachen und mein allgemeines Spielverständnis noch funktionierte, klappte es auch spielerisch ansprechend. Zumal man mich sofort einen Siebenmeter werfen ließ, den ich verwandelte.

Die Hoffnung des Frühlings beendeten die sowjetischen Panzer: Am ersten Tag des Einmarsches wurden sie noch von der Prager Bevölkerung umringt. © Foto: UPI/dpa


Mit weiteren zwei Treffern hatte ich – laut Coach König – den pausierenden Stamm-Rechtsaußen angemessen vertreten. Unser Sieg war recht deutlich und auf seine Frage nach meinen Eindrücken zeigte ich mich natürlich begeistert, allein der unsägliche Staub des schwer zu bespielenden Schlacke -Bodens erschien mir als ein Manko. Prompt antwortete er: "So in etwa ging es uns, als wir 1963 in eurer übel riechenden Ansbacher Viehauktionshalle auf verschmutztem Betonboden antreten mussten." In der Tat war das damals die einzige "Halle" in der Regierungshauptstadt Mittelfrankens. Heute unvorstellbar, dass man dort auch bayerische Verbandsspiele ausgetragen hatte.

Den Abend verbrachten wir mit König und dessen Frau in einem typischen Touristikhotel über den Dächern von Prag. Wie überall war auch hier die Atmosphäre im voll besetzten Restaurant spürbar gelöst, trat man uns als rasch identifizierte "Wessis" gastfreundlich entgegen. Und als wir dann einen jungen Sänger mit seiner Band bestaunten, erklärte uns König, dass dies ein aufkommender Star der heimischen Musikszene sei. Er heiße Karel Gott. Später war der überall auf den Bühnen der Welt zuhause.

Die Heimfahrt am nächsten Morgen war unkompliziert, und wir nahmen nach vielen Begegnungen mit Einheimischen vor allem den Eindruck mit, dass sich hier gerade der Eiserne Vorhang etwas auftun könnte, dass ein ganzes Volk beginnt, zaghaft durchzuatmen, obwohl man uns zwischen den Zeilen zu verstehen gab, dass man den blutigen Niederschlag des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 nicht vergessen habe.

Auch deswegen spekulierten wir, wie wohl unsere Landsleute jenseits des Eisernen Vorhangs reagieren würden. Umso entsetzter waren wir zwei Tage später, als wir in den Nachrichten vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in die CSSR sahen und hörten. Es ging uns sehr nahe. Unsere Freundschaft zur Familie König als auch zu Jiri Vicha hatte dennoch viele Jahre Bestand. Letzterer wurde Königs Nachfolger für die CSSR-Nationalmannschaft und gewann mit seinem Team bei den olympischen Spielen 1972 in München die Silbermedaille. Von 1986 bis 1988 trainierte Vicha auch den damaligen Bundesligisten TV Großwallstadt. 

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