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Herr Gebhardt und sein Gespür für Vögel

Ein Kriegenbrunner feiert mit seinen Brieftauben einen Erfolg nach dem anderen — sogar in Südafrika - 31.03.2017 16:24 Uhr

Reinhard Gebhardt mit einer seiner Tauben, die gerade ein frisch geschlüpftes Küken wärmt. © Fotos: André De Geare


HERZOGENAURACH – Schweinsteigers Kampfgeist. Seine ganz besondere Karriere. Sein Kunststück, sich wieder hochzuarbeiten als er fast schon am Boden war. Und dann auch noch Weltmeister zu werden . . . Wer Gebhardt davon schwärmen hört; wer beobachtet, wie viel Liebe und Begeisterung ihm dabei im Gesicht steht, der wird unsicher: Ist der Brieftaubensport nun das Hobby des 53-Jährigen oder doch eher der Fußball?

Blick ins Sportlerheim: So wohnen die Brieftauben von Reinhard Gebhardt.


Tatsächlich ist es irgendwie beides. Mal ist der Maschinenbautechniker aus Kriegenbrunn, der für Gut Flug Herzogenaurach startet, im Taubenschlag anzutreffen, mal als Club-Fan auf der Zuschauertribüne im Fußballstadion. Und Taube Schweinsteiger hat ihren Namen bekommen, weil sie charakterlich dem Kicker so ähnelt.

Auf den Charakter seiner Vögel kommt es Reinhard Gebhardt nämlich ganz besonders an. Er spürt, welche eine Kämpfernatur ist oder welche eher leicht aufgibt. Welche schüchtern und ängstlich ist und welche dominant. Welche stur ist, welche nervös und welche ausgeglichen. Und welche Pärchen er zusammenbringen muss, damit deren Nachwuchs in Wettkämpfen bestehen kann. "Schweinsteiger" etwa hat er "Lovely heart" an die Seite gestellt. Und schuf damit ein Traumpaar. Das Ahnenpaar für die Linie in seiner Zucht, die die größten Erfolge einfliegt.

Das besondere Gespür für Tauben zeigte sich schon, als Reinhard Gebhardt noch ein Junge war. Mit 13 Jahren übergab ihm sein Vater — ebenfalls Züchter — Verantwortung für ein paar eigene Brieftauben. 1977 bestritt der Sohn den ersten Wettflug – und hatte gleich Erfolg. "Das hat mich absolut motiviert", erzählt er. Eine Motivation, die mit jedem Sieg, jeder Urkunde wuchs. Und die ihm nie mehr verloren gegangen ist. Auch nicht, als sein Vater sehr früh starb und er mit den vielen Vögeln — und der vielen Arbeit, die sie machen — alleine da stand.

Seine Frau Margit hat das akzeptiert, auch wenn sie sein aufwändiges Hobby lange nicht geteilt hat. Sie war sogar einverstanden, dass er sich zu seinem 50. Geburtstag einen ganz besonderen, sehr teuren Wunsch erfüllte: Die Teilnahme am "Million Dollar Pidgeon Race" in Südafrika.

Der Trophäenschrank im Taubenschlag ist Beleg für eine lange Sportlerkarriere. © Foto: André De Geare


Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man ein wenig ausholen. Dieses Rennen gilt als wichtigster Wettbewerb für Brieftauben weltweit. Und es besteht eigentlich aus vielen Rennen. "Man kann es am besten als Brieftauben-Internat bezeichnen", sagt Reinhard Gebhardt.

Der Teilnehmer schickt mindestens drei seiner Jungtauben — und damit eine Mannschaft — nach Südafrika. Dort lernen sie das Fliegen, werden ausgebildet und nehmen über Monate hinweg an mehreren Ausscheidungswettkämpfen teil. Nur die stärksten erreichen das Finale — einen Flug über 500 bis 600 Kilometer. Die Top 100 des Finales werden dann sofort am Tag nach dem Rennen in Südafrika vom Veranstalter versteigert und erzielen als gesuchte Zuchttiere hohe Preise. Die übrigen Finalteilnehmer werden später versteigert.

Der ursprüngliche Züchter sieht also seine Tauben nie wieder; es sei denn, er ersteigert sie selbst. Für jede Taube, die während des Internatsaufenthalts bei den Wettflügen tatsächlich gewertet werden soll, muss der Züchter 1100 Dollar zahlen. Dem gegenüber steht die Chance auf hohe Preisgelder (alles in allem werden mehr als eine Million Dollar ausgeschüttet) und einen guten Versteigerungserlös.

Reinhard Gebhardt hatte Pech. Keine seiner drei Tauben schaffte es in den Finalflug. Das Gute daran: Dadurch bekam er eine kostenlose zweite Chance im Jahr darauf. Und da passierte das, was er bis heute "unfassbar" und "unglaublich" nennt: Seine drei Tauben schafften es alle ins Finale am 6. Februar 2016. Und die, die er Second Chance getauft hatte, erreichte sogar als Zweite das Ziel. Die anderen beiden wurden 57. und 823. — von 2161 Tauben, die ankamen. Das brachte Gebhardts Team den Sieg sowohl in der Zweier- als auch in der Dreierwertung.

Er selbst hatte den Flug zusammen mit Freunden vom heimischen Wohnzimmer aus per Internet-Livestream verfolgt. Er brauchte lange, um seinen Erfolg zu fassen. Und zu begreifen, dass der ihn zu einer Berühmtheit in der Welt der Brieftaubenzüchter machte.

Ein Traum: Bei einem Besuch in den Niederlanden konnte Reinhard Gebhardt seine Taube Second Chance noch einmal in die Hand nehmen. © Foto: Tobias Gebhardt


"Die ersten Tage danach waren wie in Trance", sagt er. "Das kann man niemandem beschreiben, was da vor sich ging." Die Fachzeitschriften überboten sich mit Schlagzeilen über den Überraschungssieger aus Franken. Second Chance wurde von einem bekannten Züchter in den Niederlanden ersteigert. Das Geld für sie und das Preisgeld investierte Gebhardt in die Modernisierung seines Schlages in Kriegenbrunn.

Und in das Schulgeld für sechs junge Tauben, die er Mitte 2016 ins Internat nach Südafrika schickte. Wieder mit einem sehr guten Ergebnis: Fünf schafften es in den Finalflug am 8. Februar 2017. Vier kamen dort durch; Amazing Day, die beste, landete auf Platz fünf; im Durchschnitt aller Flüge während des Internat-Aufenthalts sogar auf Platz drei.

Diesmal saß Margit Gebhardt beim Livestream-Schauen mit im Wohnzimmer. Das Ehepaar hatte sogar eine Südafrika-Reise gebucht, wollte direkt dabei sein. Leider riss sich der Züchter vorher bei der Arbeit im Schlag die Patellasehne. Also blieb wieder nur das Fern-Mitfiebern.

Selbst die Ehefrau ist infiziert

Dreimal mitgemacht, zweimal die internationale Konkurrenz verblüfft — das "Million Dollar Pidgeon Race" hat das Leben von Reinhard Gebhardt ganz schön umgekrempelt. Züchter aus der ganzen Welt wollen Tauben von ihm kaufen; Veranstalter bitten ihn, an ihren Wettkämpfen teilzunehmen; seine Frau findet immer mehr Gefallen daran, sich an seinem Hobby zu beteiligen. Nur seine Söhne — 24 und 22 Jahre alt — zeigen kein Interesse. Immerhin ist Tobias mit ihm in die Niederlande gefahren, um Second Chance bei ihrem neuen Besitzer zu besuchen.

Stundenlang kann der 53-Jährige über all das erzählen. Schwärmen. Mit einer Begeisterung, die ansteckt. Aber dabei geht es ihm vor allem um eines: Laien klarzumachen, was für tolle Tiere Brieftauben sind. Keineswegs "Ratten der Lüfte", eher "Rennpferde der Lüfte". Sportler mit Charakter eben. 

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