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Dienstag, 18.09.2018

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Herzogenauracherin hat Zügel sicher in der Hand

Lehrgang zum Kutscher mit Theorie und Praxis im Freilandmuseum - 17.08.2018 06:57 Uhr

Paul Wiegel (links) und Werner Schneider absolvieren eine Übungsfahrt mit der Kutsche. © Foto: Bastian Lauer


Dieser Fahrsimulator, irgendwo im Fränkischen Freilandmuseum, ist ein ganz wichtiger Bestandteil eines besonderen Lehrgangs: Paul Wiegel bildet Kutscher aus. Seine Schüler sind eine illustre Truppe. Hier drei Mädchen im Teenageralter, die noch vom ersten Pferd träumen. Dort zwei gestandene Museumsmitarbeiter, die mehrmals die Woche die Pferde übers Gelände treiben. Sie alle haben viel Spaß bei der Sache. Und sie hören dem Lehrer aufs Wort. Das müssen sie auch. Denn wenn die Schüler mit Leinen – so heißen die Bänder – mal echte Pferde steuern, haben nur noch sie die Kontrolle. Wiegel: "Man kann das Pferd praktisch vor die Wand fahren." Zwölf Tage dauert der Lehrgang, den die Gesellschaft für Pferde- und Fahrkultur mit Sitz im Markt Erlbacher Ortsteil Mosbach anbietet. Etwa 100 Leute im Jahr hat Wiegel unter seinen Fittichen. Einen offiziellen Führerschein für Kutscher gibt es nicht, doch am Ende des Kurses sollen die Teilnehmer befähigt sein, eine Kutsche sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Ohne Lehrgang sei das viel zu gefährlich. Jeder Fehler könne bestraft werden. "Ein Pferd, das durchgeht, ist wie ein Flugzeug, das abstürzt – du hast keine Chance."

Wiegel betont, wie wichtig dabei die Theorie ist. Die Schüler müssen viel über die Anatomie von Pferden lernen, über Haltung und Fütterung. "Das ist am schwersten", sagt Sophie Fischer aus der Nähe von München, die als Nichte von Paul Wiegel mal mitgemacht und gleich noch ihre Bekannte Amélie Honsig aus Herzogenaurach überredet hat. Sarah Eiberger aus Unterntief rundet das Mädelstrio ab, das mit Werner Schneider und Gerhard Enßner zwölf Tage die Schulbank drückt. Die beiden Museumsmitarbeiter haben zwar gewisse Erfahrung mit "Bewegungsfahrten" durchs Museum, sagt Enßner.

Schneider weiß aber: "Es wäre töricht, wenn du als Laie an ein Pferd rangehst." Deshalb machen sie den Lehrgang, um besser zu werden und Unfälle möglichst zu vermeiden. Und die Mädchen? "Weil wir Pferde lieben", sagt Amélie Honsig. Von Nutzen ist ihr neues Wissen aber erstmal nicht, denn kleinlaut sagt sie: "Dazu braucht man erstmal ein Pferd." Trotz allem Spaß, mit dem nötigen Ernst sind alle Beteiligten bei der Sache. Bevor es zur Ausfahrt mit den beiden Süddeutschen Warmblütern des Museums geht, prüft Wiegel noch einmal die Fingerfertigkeit seiner fünf Schüler. In der Grundhaltung werden die Leinen nur mit einer Hand geführt. "Wir fahren immer einhändig, weil man die Handbremse betätigen können muss", erklärt Wiegel. Dadurch lerne man auch, umsichtiger zu fahren.

Fahrsimulator einmal anders (von links): Sophie Fischer, Amélie Honsig, Sarah Eiberger, Werner Schneider und Gerhard Enßner; dahinter Paul Wiegel.


Komplizierter wird die Arbeitshaltung. Die zweite Hand kommt dazu. Wiegel: "Wenn man auf der Straße zwischen Autos fährt, dann verwendet man das." Der Blick gilt da nur noch den Händen und den Gewichten. "Brrrrrrrr!" Lehrer Paul Wiegel ruft dazwischen. Leichtes Gelächter. Des Lehrers Zeichen, dass Sarah Eiberger einen kleinen Fehler gemacht hat. Sie korrigiert. Jetzt passt es. "Die Schritte müssen hier sitzen", sagt Wiegel. "Denn da sind später ja noch zwei Lebenwesen vorne dabei."

Kutscher – Wiegel würde das Wort Fahrer "eleganter" finden – brauchen viel Gefühl in den Fingern. Über Leinen geben sie den Pferden die sogenannte Anlehnung. Die brauchen sie, um zu wissen, wo es lang geht. Und dann folgen sie auch stoisch. Eine lange Leine ist somit beim Kutschefahren nicht angesagt. "Am Anfang fährt man nur Schlangenlinien, aber nach einer Zeit läuft es", sagt Werner Schneider.

Diesen Eindruck hat auch Paul Wiegel nach mehreren Tagen im Simulator. Es ist Zeit, das Geschirr anzulegen. Die Schüler bereiten alles selbst vor. Der Lehrer muss hier und da korrigieren, doch dann ist alles bereit. Werner Schneider darf loslegen. Eine kleine Runde mit der Museumskutsche über das Gelände. Keine Probleme. Dann geht es raus in die Stadt. Und die Leute staunen nicht schlecht, dass Teenager die große Kutsche lockerleicht über das Altstadtpflaster steuern. Die Prüfung kann kommen. 

BASTIAN LAUER

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