Dienstag, 16.10.2018

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Karate in Zeckern: Wissen gilt mehr als Gewalt

Seit einem Jahr wird die Kampfkunst in einem besonderen Stil trainiert - 24.05.2018 17:43 Uhr

Der schwarze Anzug, den Janine Böhme trägt, ist erfahrenen Karateka vorbehalten. Die Kinder – zumindest die, die schon länger dabei sind – tragen weiß. © Horst Linke


Wenn Janine Böhme „Eis“ sagt, bleiben alle Kinder stehen und bewegen sich nicht. Und wenn sie „Erde“ sagt, legen sie sich auf den Boden. Hätten nicht manche einen weißen Anzug an, würde man auf den ersten Blick vielleicht nicht auf die Idee kommen, dass in der Hemhofener Turnhalle Karate trainiert wird.

Aber genau das tut Böhme seit einem Jahr, nicht nur mit Kindern, auch mit Jugendlichen und Erwachsenen. Die dafür im Herbst gegründete Karate-Abteilung der SpVgg Zeckern hat schon 32 Mitglieder, darunter sind auch Späteinsteiger. Nach dem Aus der einstigen Karate-Schule Salah, zu der die neue Abteilung keine Verbindung hat, gab es in Zeckern eine Lücke, die das Angebot schließt.

Wenn die Kinder zwischen sechs und sieben Jahren beim Karate bleiben, werden sie ihren weißen Kampfanzug vielleicht später einmal gegen einen ungewöhnlichen schwarzen eintauschen, wie ihn Böhme schon trägt. Er soll Reife ausdrücken und die Zugehörigkeit zum Stil, dem Bushin-Ryu Kempo Karate.

Das unterscheidet sich von anderen Stilen nicht nur durch die Farbe des Anzugs, sondern auch dadurch, dass es ein offenes System ist. Kurz gesagt bedeutet das: Der Stil kann sich – zum Beispiel mit neuen Techniken – den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. „Sonst steht das System über dem Einzelnen, bei uns ist es anders“, erklärt Böhme.
Dadurch soll das Kempo Karate leichter auf den Alltag übertragbar sein. In Zeckern geht es nicht nur um Selbstverteidigung, sondern auch darum, die Persönlichkeit zu entwickeln. Ein Beispiel: Nicht nur die Lehrerin, sondern auch die schon etwas erfahreneren Kinder sollen den Neueinsteigern bei den Übungen helfen – und so lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Schlagen und Treten verboten

Außerdem sei der Hintergedanke, erklärt Böhme, dass die Fortgeschrittenen die Techniken noch einmal gründlicher verinnerlichen, wenn sie sie selbst zeigen müssen. Das Prinzip gibt es nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen. „Es ist nicht wichtig, welchen Gürtel jemand hat, so lange er das Wissen nicht weitergeben kann“, sagt Abteilungsleiter Michael Denk. Für Kinder ist Schlagen und Treten in Zeckern nicht erlaubt – und wird für sie auch nicht gelehrt.
Selbst angreifen, darum geht es nicht. Sich zu wehren, lernen die jungen Karateka über Schubsen, Hebel, Ausweichen und über die Körperhaltung. „Es gibt schon genügend Gewalt“, sagt Denk: „Wenn du ein gutes Körpergefühl entwickelst, hast du trotzdem schon eine gute Grundlage für später.“

Denn dann, ab der Pubertät, werden den Karate-Schülern auch Schläge und Tritte, streng im Rahmen der Selbstverteidigung, beigebracht. Vorher ist das Training spielerisch angelegt. Die Aufwärmübung mit Eis und Erde etwa bereitet auf die vier Elemente vor, die als Bewegungsprinzipien – Feuer, Wasser, Erde, Luft – eine wichtige Rolle spielen. Was für jemanden am besten geeignet ist, das Bodenständige der Erde, das sich lösen lassen der Luft, entscheidet nicht zuletzt die Persönlichkeit des Kämpfers.

Böhme legt viel Welt darauf, dass ihr Karate auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten ist. Der Fokus bei den Schülern muss nicht auf dem Sportlichen liegen – es kann zum Beispiel auch darum gehen, dass sich ein Kind besser traut zu sprechen.

Schließlich hat ihr die Kampfkunst selbst geholfen. „Ich war früher nicht so selbstbewusst, das Karate hat mir über die Jahre viel gegeben“, erzählt sie. Inzwischen arbeitet Böhme, die 2017 aus Sachsen nach Mittelfranken gekommen ist, sogar schon im Hauptberuf als Karatetrainerin, neben der SpVgg unterrichtet sie auch beim FSV Erlangen-Bruck und an diversen Schulen. Und so hat sie ein Prinzip des Kempo Karate verinnerlicht: Auf eigene Art weiterzugeben, was man weiß. 

Alexander Pfaehler E-Mail

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