Montag, 19.11.2018

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"Keine Kontakte zu Schleppern"

Seenotretter aus Röttenbach über den aktuellen Umgang mit Flüchtlingen im Mittelmeer - 28.06.2018 07:00 Uhr

Die «Lifeline» im Mittelmeer unweit von Malta. © Hermine Poschmann/Mission Lifeline (dpa)


Herr Stein, was möchten Sie den europäischen Politikern zurufen, die Häfen für Rettungsschiffe sperren, weil sie keine Flüchtlinge mehr aufnehmen möchten?

 

René Stein: Ich möchte Ihnen zurufen: Das ist großer Mist. Dieses Verhalten widerspricht jeder Menschlichkeit und allen Errungenschaften der mitteleuropäischen Kultur der letzten 100 Jahre. Nächstenliebe gehört zum Christentum und wenn sie für Flüchtende nicht gilt, dann werden sie zu Menschen zweiter – ach, sogar dritter – Klasse degradiert.

 

Der Diplom-Mineraloge René Stein (66) aus Röttenbach ist erfahrener Skipper und fuhr bereits zwei Rettungseinsätze für die Organisation Sea-Eye e. V. Mit den umgebauten Fischkuttern „Sea-Watch 2“ und „Seefuchs“ patroullierte er vor der Küste Libyens um Schiffbrüchige vor dem Ertrinken zu retten. Sea-Eye e. V. ist eine private gemeinnützige Organisation mit Sitz in Regensburg. Foto: Sea-Eye.org


Matteo Salvini, Chef der rechten Regierungspartei Lega, will vor allem Hilfsorganisationen die Häfen in Italien versperren. Er hält die Freiwilligen für Handlanger der Schlepper. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf, der ja letztlich auch Sie persönlich trifft?

 

Stein: Ach, das ist doch völliger Quatsch. Ich war an Bord der See-Watch und der Sea-Eye und zumindest für diese beiden kann ich sicher sagen: Es gibt keine Kontakte zu Schleppern. Ich gehe davon aus, dass das bei den anderen Organisationen auch so ist. Das Kriminelle an den Schleppern ist ja auch gar nicht allein die Tatsache, dass sie Menschen über die Grenze bringen, sondern dass es ihnen völlig egal ist, ob die Flüchtenden überleben oder ob sie drauf gehen. Und wer argumentiert, die Menschen hätten sich selbst in eine solche Situation gebracht, der soll sich überlegen, warum er dann Verletzten bei einem Autobahn-Unfall helfen würde. Das wäre sicher keine Frage.

 

Eine Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache wird gerne als Alternative zu Hilfsorganisationen dargestellt . . .

Stein: . . . ja, aber zum Beispiel die libysche Küstenwache ist alles andere als eine Rettungsorganisation. Ich selbst habe gesehen, wie sie 30 Menschen ertrinken ließ. Es ist bekannt, dass diese Organisation Flüchtende auf dem libyschen Festland in Lager steckt. Dort werden Frauen vergewaltigt, Männer gefoltert und Kinder verschleppt. Im Mai haben 17 Flüchtlinge vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage gegen Italien eingereicht, weil das Land der libyschen Küstenwache geholfen haben soll, die Rettung von Flüchtenden zu behindern. Mindestens 20 Menschen sind damals ums Leben gekommen.

 

Was könnte denn eine Lösung sein im Mittelmeer?

 

Stein: Kurzfristig brauchen wir, meiner persönlichen Meinung nach, natürlich eine europäische Lösung in der Asylpolitik. Wir können Italien da auch nicht einfach im Regen stehen lassen, wenn die Flüchtenden dort zuerst ankommen. Schließlich ist die EU eine Solidargemeinschaft. Und es geht eben nicht, nur die Subventionen einzustecken, dann aber nicht mitzuhelfen, wenn es um Zusammenhalt geht.

 

Und langfristig?

 

Stein: Da habe ich natürlich auch keine Universallösung. Aber wir müssen die Verhältnisse vor Ort verbessern. Die Menschen wollen ja nicht weg aus ihrer Heimat, wo sie Freunde und Familie haben. Aber solange Europa Afrika ausbeutet, wird ihnen oft die Grundlage zum Leben genommen.

Deshalb störe ich mich auch daran, dass der Begriff Wirtschaftsflüchtling inzwischen sehr negativ belegt ist. Schon die Siedler, die nach Amerika gegangen sind, waren im Prinzip Wirtschaftsflüchtlinge. Und nach der Wiedervereinigung wurde den Menschen in der DDR gesagt: Dann geh doch dahin, wo Arbeit ist.

Interview: CLAUDIA FREILINGER 

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