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Landwirte in ERH diskutieren Antibiotika-Einsatz

Tiergesundheitsdienst wirbt für Abkehr von der routinemäßigen Medikamentengabe - 05.12.2017 13:57 Uhr

Ein Junge besucht Kühe in ihrem Stall. Mensch und Tier sind bedroht durch die Ausbreitung von multiresistenten Keimen. Deshalb wirbt der Tiergesundheitsdienst dafür, dass Milchbauern in Erlangen-Höchstadt nicht mehr routinemäßig Antibiotika geben, sondern sich auf „Problemkühe“ beschränken. © Foto: Berny Meyer


Trocken steht eine Kuh sechs bis acht Wochen lang vor dem Kalben. Es ist die wichtigste Phase und die ansteckungsgefährlichste im Laktationszyklus des Tiers. Die Kuh wird nicht gemolken, sie hat sozusagen Urlaub, um sich fit zu machen für die anstehende Geburt und die Milchproduktion nach dem Kalben.

Leicht könnte sich eine Kuh in dieser Zeit einen Krankheitskeim ins Euter holen, der, ist sie gestresst oder geschwächt, gefährliche Krankheiten wie eine Euterentzündung auslösen kann. Deshalb ist es nicht unüblich, den Tieren quasi zur Vorbeugung Antibiotika zu verabreichen.

Eine Routine mit Nebenwirkungen. Die Antibiotikagaben beschleunigen die Vermehrung solcher Keime, die resistent gegen das Antibiotikum, sogar gegen viele Antibiotika sind. Immer mehr Menschen tragen solche resistenten, gar multiresistenten Keime in sich. Erkranken sie, sind sie in akuter Lebensgefahr. 6,8 Millionen Menschen in Deutschland tragen geschätzt solche multiresistenten Keime in sich. Nach einer Schätzung der Berliner Charité starben in Deutschland im vergangenen Jahr 15 000 Menschen daran, weltweit nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation 700 000.

Diese Zahlen beamt Klaas Strüve auf die Leinwand im Saal des Gasthofs Schäfer in Hüttendorf. Der Fachtierarzt für Rinder steht in Diensten des Tiergesundheitsdienstes Bayern, eines Vereins, und wirbt für den Milchviehhaltern der Kreiszuchtgenossenschaft für selektives Trockenstellen. Selektiv heißt, auf den routinemäßigen Einsatz von Antibiotika zu verzichten und nur solchen Kühen die Keimtöter zu geben, bei denen Krankheitsgefahr droht.

Praxistaugliche Methode

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat dazu eine wissenschaftliche Studie in ausgewählten Milchvieh-Betrieben durchgeführt und eine Entscheidungshilfe für den Landwirt entwickelt, eine praxistaugliche Methode, bei jeder Kuh individuell festzustellen, ob sie überhaupt Medikamente braucht. Das Entscheidungsverfahren ist freilich nicht ganz unkompliziert. Es sind Milchproben vor dem Trockenstellen nötig. Die Zahl der Keime-Zellen pro Milliliter muss ermittelt werden.

Über dem Richtwert von 200 000 Zellen pro Milliliter Milch könnte es gefährlich werden. Ein weiterer Test wäre angebracht, und so selektiert man schrittweise nur noch die "Problemkühe", die ein Medikament wirklich brauchen. Mit ausgewählten Betrieben hat die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft 2015 RAST gemacht. So nennt sich die Studie: "Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes beim Milchvieh durch selektives Trockenstellen.

Es ist, sagt Klaas Strüve, eine rein wissenschaftliche Studie, deren Ergebnisse wohl erst 2019 feststehen werden. Sein Verein, der Tiergesundheitsdienst Bayern, habe aber ein ähnliches Verfahren entwickelt und biete es den Bauern an: Jeweils vier Besuche eines Technikers und eines Tierarzt zur Untersuchung und Einschätzung von Herde und Hof, die speziellen Fläschchen für die Milchproben zum Keimtest für 14 Euro pro Kuh und Jahr.

Die Werbung des Vereinstierarztes stößt im Saal nicht auf einhellige Begeisterung. Bei einer Herde von 60 Kühen sind dies 840 Euro. Nicht jeder kann dies erwirtschaften.

Der "antibiotische Schutz", sprich die ungeprüfte Medikamentengabe, ist billiger und hält die Tiere gesund mit "einfachem Betriebsablauf", wie es der Tierarzt nennt. Das selektive Trockenstellen kostet Zeit, erfordert Vorarbeiten, nebst großer Sorgfalt und peinlicher Sauberkeit bei den Tests.

Aber die Kehrseite des "flächendeckenden" Antibiotika-Einsatzes ist dunkel. Auch für die Bauern. Sie gehören selbst zu den Risikogruppen bei multiresistenten Keimen – zumal mitunter auch schon Reserve-Antibiotika ans Milchvieh verabreicht werden. Das sind die Medikamente, die eigentlich beim Menschen eingesetzt werden sollen und erst dann, wenn "normale" Keimtöter nicht mehr wirken. Das steigert das Risiko der Ausbreitung resistenter Keime. Und weil sich die öffentliche Kenntnis von dieser Bedrohung sich ausbreitet, haben Erzeuger und Molkereien auch ein Image-Problem.

Klaas Strüve wirbt mit dem Tierwohl, dem Vermeiden überflüssiger Medikamente, auch mit dem Hinweis auf die EU für das selektive Trockenstellen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Aufzeichnungspflicht auch für Milchviehhalter komme. Schweine- und Geflügelmäster müssen schon seit Jahren nachweisen, wann, welche und wie viel Antibiotika sie einsetzen.

Von 2011 bis 2015 hat man damit die Menge halbiert: Statt 1700 werden "nur" noch 850 Tonnen jährlich in Deutschland verabreicht. Was Milchkühe bekommen, muss noch nicht dokumentiert werden. 

RAINER GROH rg

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