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Mission: Leben retten

Wie ein Röttenbacher hilft - 15.12.2017 15:48 Uhr

Die Besatzung der „Seefuchs“ hält Ausschau nach seeuntüchtigen, überfüllten Booten, die zu kentern drohen. © Sea-Eye


Es ist einfach zu viel. Ein Libyer hält es nach zwei Tagen nicht mehr aus. Nachts schreit er laut, macht auf dem Schiff "Seefuchs" seinem Unmut Luft. Er will endlich an Land, endlich nach Italien. Skipper René Stein versucht ihn zu beruhigen. Als er dem Flüchtling auf der Seekarte zeigt, wie weit sie noch von Europa entfernt sind, weicht alle Farbe aus dessen Gesicht. Es ist der Moment, als er versteht, dass die Schlepper keine Skrupel hatten, ihn in den Tod zu schicken.

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Retter im Mittelmeer

Ein Röttenbacher auf Mission: René Stein hat als Kapitän für die Hilfsorganisation Sea-Eye im Mittelmeer viele Menschenleben gerettet.


Mit 29 anderen saß der Überlebende Stunden zuvor in einem kleinen Holzboot. Die Flüchtlinge aus Libyen, Bangladesh, Ägypten und Nigeria hatten in der Nacht bei Zuwara im Westen Libyens abgelegt — mit viel zu wenig Sprit an Bord, um es überhaupt bis Italien schaffen zu können. Das hat der Blick auf die Seekarte bestätigt.

Mit einem Abstand von mindestens 70 Seemeilen patrouilliert der frühere DDR-Kutter "Seefuchs" der Hilfsorganisation Sea-Eye vor der Küste Libyens. Die Missionen, die in Malta starten, dauern zwei Wochen. Dann wechselt die Crew. René Stein stand im Oktober und November bei zwei Missionen als Kapitän auf der Brücke. Drei Flüchtlingsboote hat die zehnköpfige Crew, bestehend aus Medizinern, Maschinisten und Nautikern, bei der ersten Ausfahrt geborgen. Es folgt eine einwöchige Pause im Hafen von Valletta, weil das Wetter zu schlecht ist, um auszulaufen. Bei der zweiten Mission retten die Helfer Menschen aus zwei weiteren Booten.

"Wenn wir die Leute aufgreifen, sind sie oft schon seit acht bis zwölf Stunden unterwegs." Die meisten sind Nichtschwimmer, haben keine Schutzwesten und keinen Kompass an Bord. Auch der Sprit würde niemals reichen bis nach Europa. "Natürlich spekulieren die Schlepper darauf, dass auf dem Meer die Helfer warten", sagt René Stein. Als Handlanger will er sich trotzdem nicht beschimpfen lassen. "Wenn dort niemand wartet, ertrinken die Menschen." Deshalb nimmt der Rentner stundenlange Einsätze auf sich, opfert seine Freizeit, zahlt den Flug nach Malta.

"Diesmal ging es den meisten, die wir aufgegriffen haben, relativ gut", sagt der Skipper — mit der Betonung auf relativ. Es gab Knochenbrüche, die Flüchtlinge waren dehydriert und teilweise verbrannt. Im Inneren der Flüchtlingsboote sammelt sich eine Mischung aus Seewasser, Exkrementen, Erbrochenem und Benzin, die Verbrennungen verursacht. "Wenn die Menschen an Bord kommen, brechen sie zusammen." Aber diesmal musste kein Todeskandidat in das Sanitätszimmer auf dem Schiff gebracht werden, brauchte keiner eine Infusion.

Dafür waren viele Frauen und panische Kinder dabei. "Natürlich begegnen uns die Flüchtlinge mit Angst und Skepsis", sagt René Stein. Sobald die Crew des Schiffs "Seefuchs" in der Weite des Meeres ein Flüchtlingsboot sichtet, fahren mindestens drei Helfer raus, bringen Schwimmwesten und Wasser. "Italy, not Lybia!" schreien die Verzweifelten dann. Sie haben Angst, doch noch der libyischen Küstenwache ins Netz gegangen zu sein.

Was das bedeuten kann, das hat der Röttenbacher im vergangenen Jahr erlebt. Die Libyer prügelten auf die Flüchtlinge ein, die teils ins Wasser sprangen. Als sie versuchten, sich am Schiff der Küstenwache festzuhalten, gaben die Sicherheitskräfte Gas. Knapp 30 Menschen starben vor den Augen der Sea-Eye-Crew.

Zukunft ungewiss

"Wenn wir Leute holen, ist mein Platz auf der Brücke", sagt René Stein. Der 65-Jährige muss Funkkontakt halten mit der vom Maritime Rescue Coordination Center in Rom, beobachten, koordinieren. Diese Rettungsleitstelle entscheidet, an wen die Crew der "Seefuchs" die Geretteten übergeben kann, welches größere Schiff sie nach Italien bringt. "Wir wissen oft nicht genau, wo sie hinkommen", sagt der Kapitän. "Aber sie landen in Camps, zum Beispiel in Lampedusa oder auf Sizilien. Dass dieses Jahr 36 Flüchtlinge auf der "Seefuchs" übernachtet haben, war eine Ausnahme.

Trotz aller Strapazen: René Stein möchte seine Mission Menschlichkeit fortsetzen. Aller Voraussicht nach treibt es ihn im nächsten Jahr wieder als Retter aufs Meer.

Der Verein Sea-Eye e.V. ist auf Spenden angewiesen. Die Bankverbindung: Volksbank Regensburg, IBAN: DE60 7509 0000 0000
0798 98, BIC: GENODEF1R01
 

CLAUDIA FREILINGER

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