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Otto Brixner war «kein Schiedsrichter, sondern Richter»

Nach fast 40 Jahren als Staatsanwalt und Richter verlässt der markante Herzogenauracher das Landgericht in Nürnberg - 24.05.2008

Verlässt seinen Arbeitsplatz: Otto Brixner.

Verlässt seinen Arbeitsplatz: Otto Brixner. © Weigert


«Ein Mann wie ein Monolith», sagt ein Staatsanwalt, ein anderer nennt ihn einen «harten Hund». Fast 40 Jahre stand Otto Brixner im Dienst der Justiz, ermittelte als Staatsanwalt, urteilte als Richter. Am Ende seiner Dienstzeit bleibt nur eines: Brixner bewundert man oder ging wegen ihm auf die Barrikaden.

«Wissen’S, wenn ich Bedenken habe, gibt’s eben keine Bewährung - von solchen Formulierungen habe ich nie etwas gehalten.» Auch kurz bevor er seinen Ruhestand antritt, hat der Vorsitzende Richter am Landgericht keine Zeit für Gesten, für Hektik - oder für überflüssige Phrasen. Und die Haftstrafe eines Angeklagten mit Bedenken zur Bewährung auszusetzen, hielt er sein ganzes Berufsleben für eine überflüssige Phrase. Wenn er zweifelt, gibt es eben keine Bewährung - so einfach ist das: «Die Gerechtigkeit bleibt sonst auf der Strecke.»

Otto Brixner sitzt hinter seinem Tisch, ein bestickter Läufer des TV 1862 Münchberg liegt auf der Holzplatte. Souvenir aus Oberfranken, mitgebracht von einem Handballturnier. Dem Sport verdankt er seine große, athletische Statur.

Der Sportsgeist scheint ihn auch in seinen Verhandlungen anzutreiben, in jedem seiner Prozesse bot er auch den schlimmsten Räubern und brutalsten Zuhältern bis zum allerletzten Verhandlungstag die Stirn. Ein Deal mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung kam nie in Frage. Dabei können Prozesse durch Absprachen schnell abgeschlossen werden, eigentlich ein zeitsparender Umgang mit Arbeitszeit. Doch Sportler Brixner hat die Kondition für lange Prozesse, er schüttelt den Kopf.

«Eine Strafe zu vereinbaren halte ich nicht für zulässig - ich bin kein Schiedsrichter, sondern Richter.» Er kommt aus Baden-Württemberg und das darf man hören. Er liebt Sport, erzählt gern Anekdoten und poltert auch mal los.

Als er in einem Vergewaltigungsprozess Koran-Suren zitierte («der Mann darf zur Frauen gehen, wann immer er will») und anfügte, dass sich hier nicht integrieren könne, wer nach dem Koran lebe, schlugen die Wogen hoch. Der Nürnberger CSU-Stadtrat klatschte Beifall, die türkisch-islamische-Union erstattete Dienstaufsichtsbeschwerde.

Brixner ist ein Einfacher, ein Gerader. Er hat keinen familiären Juristenstammbaum vorzuweisen, sondern wuchs in der Bahnhofswirtschaft von Herrenberg auf. Auf den Gewinn, bereits nach einem Verhandlungstag den Prozess abzuschließen, verzichtete er. Das trug ihm den Ruf ein, aufrecht zu sein - aber eben auch ordentlich hinzulangen, hohe Haftstrafen zu verhängen.

«Zu hohe Haftstrafen?» Das Lächeln gleitet aus seinem Gesicht. Ginge es nach Brixner, würde ganz anders geurteilt. Er hält es für «einigermaßen schizophren», dass junge Leute zwar mit 18 Jahren wählen dürfen, aber wegen «Entwicklungsverzögerungen» mit Jugendrecht rechnen dürfen. Schulschwänzer würde er «wesentlich engmaschiger beaufsichtigen» und den Jugendknast hält er «auch für eine Chance». «Meine Lieblingsstrafe für Jugendliche etwa drei Jahre, da können die wenigstens einen Beruf im Knast erlernen.»

1973 fing er am 1. April als Staatsanwalt an, in seiner ersten Beurteilung wurde ihm bescheinigt, für den Beruf «geboren zu sein». Nicht ohne Ironie schildert er, wie er damals mit den verdeckten Ermittlern der Polizei im Gebüsch kauerte.

Drei Jahre später wechselte er als Richter zum Amtsgericht Erlangen. Er arbeitete sich weiter nach oben, wurde im Oktober 1987 zum Richter am Landgericht ernannt und wechselte zum Landgericht Nürnberg-Fürth. Als er für Betreuungssachen zuständig war, kürzte er den Betreuern rigoros ihre Rechnungen zusammen. «Sie kann man hinstecken wo man will, Sie fallen überall auf», wurde er justizintern kritisiert; später wurde Gesetz, was er schon lange so entschied.

Nach seiner Ernennung zum Vorsitzenden Richter am Landgericht übernahm Otto Brixner im Juli 1998 zunächst den Vorsitz der 6. kleinen Strafkammer, die vornehmlich mit Berufungen in Betäubungsmittelsachen befasst war. Zuletzt wurde er mit dem Vorsitz der 7., der großen, Strafkammer, betraut. Ende Juni 2008 tritt er in den Ruhestand. Einige werden ihn dann sicherlich vermissen - den Mann, der an das Luther-Wort erinnert: «Hier stehe ich und kann nicht anders.» 

Ulrike Löw

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