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Die „Schmidtgruppe“ aus Münsterland betreibt in Herzogenaurach An der Bieg sowie im Gewerbepark in Heßdorf je ein Spielecenter. In einer Pressemitteilung an die Nordbayerischen Nachrichten schlägt das Unternehmen — „Hier bin ich König“ — überraschende Töne an.
Die meisten Kunden nutzen das Geldspiel an den Automaten als „angenehme Freizeitbeschäftigung“, teilt die Schmidtgruppe mit. Das Thema Spielsucht nehme man aber ernst. Daher sei nun das Personal in den Spielcentern geschult: Sobald ihnen ein „Spieler mit einem problematischen Spielverhalten“ auffällt, sollen sie weitere speziell geschulte Mitarbeiter informieren. Diese werden dann mit dem Spieler sprechen und ihn dazu motivieren, eine der Beratungsstellen aufzusuchen.
Etwa die in Erlangen, in der Dieter Merz sitzt. Seit über einem Jahr ist diese Suchtberatungsstelle auch in Erlangen-Höchstadt vertreten. Merz ist nicht nur ein Ansprechpartner für Spielsuchtkranke – er weiß, was gespielt wird. Immer wieder betritt er Spielhöllen (Merz: „Ich spiele aber nicht selbst!“), spricht mit Personal und Zockern, schaut sich die Trends des rotierenden Glückspiels an.
Die neue Vernunft einiger Spielcenter-Betreiber ist ihm bekannt. Der Gedanke, die Prävention gleich in den Läden zu starten, sei prinzipiell nicht schlecht, räumt Merz ein — und setzt zum „aber“ an. Denn in der Regel sei dies kaum umsetzbar.
Häufig arbeiten in den Spielcentern 400-Euro-Kräfte in regem Wechsel. „Da schafft es ein einzelner nicht zu überblicken, wie oft jemand am Automaten sitzt.“ Und wenn, dann braucht er den Mut, den Kunden zu fragen: ,Hast Du vielleicht ein Problem?’“ Merz glaubt, die häufigste Antwort zu kennen: „Ja ja, is’ recht — bringst mir noch ’n Kaffee?!’“
Die Tatsache, dass einige Spielcenter mittlerweile die Kooperation mit Beratungsstellen suchen, macht sie für den Sucht-Experten längst nicht zu karitativen Einrichtungen. Etwa 60 Männer und Frauen haben 2011 bei Merz Hilfe in Anspruch genommen. „Wenn die hier sitzen, dann sind sie schon verzweifelt — und wir erreichen nur die Spitze des Eisbergs.“
Merz berichtet von sozialen Abstiegen, Schulden, Diebstählen, immer wieder kurzen Glücksmomenten und einer langen, tiefen Abwärtsspirale. „Die neurobiologischen Zusammenhänge sind ganz ähnlich denen bei einer Alkohol- oder Heroin-Sucht.“
Es ist überall das gleiche: Die Spielcenter verbreiten sich in den Städten und Gemeinden seit einigen Jahren mit rasanter Geschwindigkeit. Kaum gibt es einen Leerstand, siedelt sich auch schon eine der berühmt-berüchtigten Hallen an. Meist zum Unmut der Bürger. In Heßdorf etwa wollte im Juli 2010 ein Entertainment-Center mit Glücksspielautomaten in den Gewerbepark. 297 Bürger stimmten mit ihrer Unterschrift dagegen.
So lange sich die Spielhalle nicht in einem reinen Wohngebiet einnisten will, haben es Stadt und Gemeinde in der Regel oft schwer, eine ablehnende Haltung durchzusetzen.
Mit massiven Auflagen hat die Stadt Berlin den Spielcentern den Kampf angesagt. Im härtesten „Spielhallen-Gesetz Deutschlands“, wie die Berliner selbst sagen, wird die Nähe zu anderen Spielcentern, sowie zu Schulen penibel geregelt, Öffnungszeiten eingeschränkt. Ziehen andere nach?
Die Spielhallenbetreiber freilich fühlen sich gegängelt, ihre ganze Branche werde in Verruf gebracht. Zeigt man mit den Fingern auf sie, deuten sie sofort auf die staatlichen Casinos und fragen nach dem Unterschied.
Immer mehr Bürger stören sich jedoch am Erscheinungsbild, der meist von außen völlig uneinsichtigen Zocker-Stuben. Ganze Straßenzüge sind davon geprägt. Das führt auch Merz an, aber das viel wichtigere Argument für ihn ist: „Pro Automat rechnet man mit einem Abhängigen — eine Reglementierung ist die beste Prävention.“
Die Suchtberatung für Erlangen-Höchstadt ist Montag bis Freitag, von 8 bis 17 Uhr zu erreichen. Telefonnummer (09131) 862295
