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Viele Vögel und Insekten sind einfach verschwunden

Kilian Wächtler beobachtet seit Jahrzehnten Fauna und Flora - 23.09.2017 16:00 Uhr

„Hier ist alles weggemäht“, weiß Kilian Wächtler. Keine Blume und kein Unkraut wächst auf dem Seitenstreifen zwischen Acker und Weg.


"Ich sehe keinen Stieglitz, keinen Dompfaff, keinen Wiedehopf, keinen Neuntöter mehr. Die sind alle verschwunden", sagt Kilian Wächtler und setzt nach: "Und zwar nicht nach Afrika, sondern sie sind fort, vielleicht für immer." Auch die Schmetterlinge haben sich rar gemacht: "Ich vermisse Frauenauge, Zitronenfalter, Schwalbenschwanz", zählt der Artenschutzbeauftragte für Mittel- und Oberfranken auf. Der Rentner kann zwar auf keine wissenschaftlichen Studien verweisen, dennoch weiß er aus jahrzehntelanger Erfahrung: "In der Natur hängt alles voneinander ab." Gibt es kaum mehr Insekten, werden auch die Vögel weniger.

Was sind die Ursachen für diese rasante Entwicklung? "Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen", sagt Wächtler. Erst vor kurzem habe er sich darüber mit einer Agraringenieurin unterhalten, die ebenso besorgt über die aktuelle Entwicklung ist. Der 78-Jährige holt ein Notizbuch, in dem er sich einiges aufgeschrieben hat, und liest vor: "Erstens die Monokulturen auf den Feldern. Zweitens werden die Wiesen zu früh gemäht, drittens: Es wird zu viel gespritzt."

Früher habe es zum Beispiel im Raum Schlüsselfeld kleine Felder und kleine Maschinen und Traktoren in der Landwirtschaft gegeben, inzwischen werden die Äcker und Maschinen immer größer. "Alles muss immer schneller gehen und immer mehr Ertrag abwerfen", zählt Kilian Wächtler auf. Da bleibe der Naturschutz auf der Strecke. Hecken — und damit wichtiger Lebensraum für Insekten und Kleintiere — werden abrasiert, Pestizide und Insektizide gespritzt und immer mehr mit Pestiziden gebeiztes Saatgut ausgebracht.

"Alles weggezüchtet"

"Mais, Sonnenblumen und Raps, die geben keinen Nektar und keine Pollen mehr ab. Das ist alles weggezüchtet." Dass solches Saatgut schlecht für Fauna und Flora ist, kann Wächtler nicht beweisen, aber er hat so manches auf den Feldern beobachtet. "Die Bienen waren abends auf einem Sonnenblumenfeld unterwegs und früh waren sie tot. Das haben wir mehrfach fotografiert." Die Pflanzen, so sagt er, gäben einen berauschenden Stoff an die Bienen ab, den sie offenkundig nicht überleben. Auch an blühenden Rapsfeldern habe er schon oft gesehen: "Die Bienen sind angeflogen und sofort wieder weggeflogen. Die haben da nichts gesammelt."

"Ich muss ihnen mal was zeigen", sagt Kilian Wächtler und holt einen Plastiksack, in dem einst Saatgut für "Hybrid-Winterraps" war. Ausführlichst wird auf dem Sack auf die Gefahren hingewiesen, die von dem mit insektiziden und fungiziden Wirkstoffen behandeltem Saatgut ausgeht. "Es ist giftig für Vögel" steht beispielsweise dort, deshalb dürfe keine Saatgut offen liegen bleiben. "Zum Ausbringen müssen die Landwirte Staubmaske, Brille und Handschuhe tragen", weiß Wächtler und schüttelt traurig seinen Kopf. "Früher hat man so was nicht gebraucht."

Wenn es trotz blühender Kulturpflanzen aber keinen Nektar und keine Pollen gibt, hat das zur Folge: "Alle Nektarsammler wie Bienen, Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge leiden im Sommer höchste Not. Sie verhungern regelrecht." Bei Honigbienen könnten Imker gegensteuern, indem sie zufüttern sowie im heimischen Garten oder auf anderen Flächen Blütenwiesen anlegen.

Wächtler, der auch seit 37 Jahren Fachwart beim Landesverband Bayerischer Imker ist, hat dazu beim Flurbereinigungsverfahren 1980 in seiner Heimatregion Ausweichflächen erhalten. Im Wald zwischen Schlüsselfeld und Niederndorf hat er auf einer solchen Fläche vor Jahren schon ein ideales Bienenparadies angelegt. Auf der mit einigem Arbeitsaufwand vorbereiteten Grünfläche hat er die "Veitshöchheimer Blumenwiese" ausgesät und mit Pferdemist ein bisschen nachgeholfen.

Jetzt blühen auf der wilden Wiese zwischen alten Obstbäumen, Hecken und Sträuchern selbst Ende September noch Steinklee, Honigdistel, Tobinambur, Goldregen, Malven und Ringelblumen. Gemäht wird nur einmal pro Jahr und zwar im Herbst, damit sich die Blumen in Ruhe aussäen können. "Der Anblick freut mich selbst immer wieder", sagt Wächtler selig strahlend inmitten der Blumenpracht. Und weil dieser Anblick inzwischen so ungewöhnlich ist, pilgern immer wieder Delegationen aus der ganzen Welt — von Amerika bis China — zu dieser Blumenwiese und staunen: Hier finden Bienen und Insekten von Frühjahr bis zum ersten Frost reichlich Nahrung.

Einfach herrlich

"Das ist doch herrlich, das müssten die Bauern halt auch machen", sagt der 78-Jährige. Zumindest auf den Seitenstreifen entlang von Äckern sollte solche Pflanzenvielfalt gedeihen dürfen. Doch schaut man nur 100 Meter weiter aufs nächste Feld, auf dem gerade ein großer Traktor seine Runden dreht, dann sieht man dort am Seitenstreifen, dass die Realität ganz anders aussieht.

Man müsste mehr mit den Landwirten sprechen und zusammen mit den Bauern nach Lösungen für ein Mehr an ökologischer Vielfalt suchen, findet Kilian Wächtler. Doch sein Tonfall verrät, dass er wenig Hoffnung hat, den rasanten Artenrückgang noch zu stoppen. 

MARIA DÄUMLER

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