Dienstag, 23.10.2018

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Von den Nazis erstickten Klängen neues Leben eingehaucht

Pia Buchert und Maria Saulich präsentieren "entartete Musik" — Für das Programm des Liederabends war monatelange Recherche nötig - 29.05.2017 17:52 Uhr

Mezzosopranistin Pia Buchert (rechts) und Maria Saulich am Klavier präsentierten im Franziskushaus in Röttenbach verloren gegangene Klänge, literarisch umrahmt von Marias Vater Lothar Saulich (M.). © Foto: Christian Enz


Gut 90 Zuhörer hatten sich im evangelischen Gemeindezentrum am Wallweg eingefunden. "Das sie heute hier sitzen, spricht wirklich für sie", betonte dann auch Maria Saulich. Seit knapp zwei Jahren koordiniert die gebürtige Röttenbacherin die Lehrentwicklung am hochschuldidaktischen Zentrum der Musikhochschule Detmold. Beim Kaffeetrinken lernte sie dort Pia Buchert kennen – eine aus Würzburg stammende Musikstudentin. Die gemeinsame fränkische Heimat ließ im fernen Ostwestfalen eine Freundschaft entstehen, aus der sich schließlich ein Musikprojekt entwickelte.

Inspiriert von einem in vier Wochen in Karlsruhe stattfindenden Wettbewerb entschlossen sich die jungen Musikerinnen, einen Konzertabend für verschollene Musik auf die Beine zu stellen. In monatelanger Recherche erarbeiteten die beiden ein facettenreiches Programm mit Werken von Paul Hindemith, Viktor Ullmann und Hermann Reutter. "Das Tolle war, man kam bei der Suche von einem zum anderen. Hier stieß man doch noch auf eine uralte Schallplatte, dort tauchten in der Bibliothek plötzlich ungesichtete Noten auf", erinnert sich Buchert an die detektivische Vorbereitung.

Das Duo Buchert/Saulich musste sich die gesamte Interpretation für den Konzertabend zu entarteter Musik selbst erarbeiten. "Umso gespannter waren wir, wie unsere Ideen beim Publikum ankommen", gibt Buchert am Ende erleichtert zu.

Das Röttenbacher Premieren-Publikum zeigte sich begeistert vom Zusammenspiel der Mezzosopranistin Buchert mit Maria Saulich am Klavier. Auch, weil die beiden mit aufschlussreichen Texten an ihre Musik heranführen. Unterstützt durch den erfahrenen Deutschlehrer Lothar Saulich, der mit literarischen Rezitationen die nebulöse Wucht der schwermütigen Kompositionen in transparente Gefühlswelten transferierte.

Und das ist gut so – denn in den 1930er Jahren als entartete Musik eingestufte Klänge sind kompliziert zu hören. Einerseits liegt dies daran, dass man diese Melodien kaum oder noch nie zuvor gehört hat. Zum anderen waren diese Stücke teils gar nicht für Publikum gedacht. "Als Hindemith in seinem Kämmerchen komponierte, brannten ringsum Bücher und Synagogen", ergänzt Maria Saulich. "Diese Dissonanzen prägen auch die Kompositionen. Das wollte keiner hören und sollte keiner hören".

Aus der Feder Viktor Ullmanns präsentierten Buchert/Saulich "Drei jiddische Lieder". Berjoskele, Margarithelech und A Mejdel in die Johren entstanden im tschechischen Internierungslager Theresienstadt. "Ursprünglich war Musizieren dort verboten", erklärte Buchert. Schließlich erkannten die Nationalsozialisten jedoch die Bedeutung von Kunst und Kultur für das Zusammenleben und förderten Projekte in Theresienstatt. "Auch, weil sich dies optimal für Propagandazwecke nutzen ließ", wie Buchert unterstrich. "Um Kritiker verstummen zu lassen, beauftragte Hitler 1944 einen Werbefilm für das Leben in Theresienstadt. Die drei jiddischen Lieder waren Teil des Soundtracks", erläuterte die Sopranistin.

So gewissenhaft wie die Recherche, so detailverliebt war auch der musikalische Vortrag am Samstagabend. Dabei überzeugte die zierliche Pia Buchert mit einer überraschenden Stimmgewalt – ohne dabei Emotion und Intention der Komponisten auf der Strecke zu lassen. Genial unterstützt wurde sie dabei durch Maria Saulich. Dabei zahlte es sich aus, dass die Musikerinnen auch abseits der Bühne auf einer Wellenlänge liegen. So bleibt die Feststellung, dass die für den Herbst geplante Deutschland-Tour mit "Entartete Musik?!" mit Sicherheit erfolgreich wird.  

ez

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