Montag, 12.11.2018

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Von wegen Idylle: Schäfer arbeiten 365 Tage im Jahr

Zu Besuch bei der Schäfersfamilie Roß in Lonnerstadt - 01.04.2018 06:00 Uhr

Munteres Treiben im Schafstall: Die Moorschnucken, die Klemens Roß in Feuchtbiotopen einsetzt, haben gerade Junge. © Fotos: Paul Neudörfer


LONNERSTADT — In der Familie von Klemens Roß sind sie seit Ende des 19. Jahrhunderts Schäfer. Wenn man ihn fragt, ob er es bedauert, sich als junger Mann ebenfalls für diesen Beruf entschieden zu haben, schüttelt der 56-Jährige energisch den Kopf: "Schäfer ist man mit Herzblut und aus Überzeugung."

Dabei ist sein "Geschäft" ein immer schwierigeres. Beispiel Wolle: Jetzt, kurz bevor es für die Herde raus auf die Sommerweide geht ("sobald es die Vegetation zulässt"), kommt für zwei Tage eine dreiköpfige Scherkolonne, die allen Schafen der Roß’ die Wolle abnimmt. "Mit dem Ertrag der Wolle zahlt man die Scherer", erzählt der Schäfer. Die Wolle gehe direkt an einen Wollhändler, der sie dann meist nach China verkaufe. "In Europa gibt es keine Möglichkeit mehr, sie für die Kleidungsherstellung aufzubereiten", weiß Roß.

Auch mit dem Lammfleisch ist kein Geld mehr zu verdienen. Zu streng sind die EU-Auflagen in puncto Hygiene und Aufzeichnung für einen kleinen Betrieb geworden, zu mächtig ist die Konkurrenz aus Neuseeland und Australien, wo die Züchter aufgrund der anderen Strukturen günstiger produzieren können. Die Familie Roß hat das Schlachten deshalb schon vor Jahren eingestellt, ihre Tiere werden jetzt zur Schlachtung von Handelsketten abgeholt.

"Die Schäfer sind ein Beispiel dafür, wie die Landwirtschaft vom Staat abhängig ist", sagt Roß. Genauer gesagt von den Subventionen, die dieser zahlt. Denn er verdient sein täglich Brot mittlerweile als Dienstleister, indem er seine Tiere — 600 Muttertiere hat der Lonnerstadter derzeit im Stall, dazu kommen die Lämmer — Biotopflächen abgrasen lässt: "Wir sind ein Dienstleister für die Öffentlichkeit."

Lkw statt Zug über die Felder

Mit dem Lkw geht es deshalb im Frühjahr auf Weideflächen in Mittelgebirgsregionen. Roß fährt mit seinen Tieren in den Spessart, schon seit mehr als 50 Jahren beweidet die Lonnerstadter Familie dort — "ein traditionelles Ziehen zu den Sommerweiden ist schon lange nicht mehr möglich", erzählt er. Die intensive Bewirtschaftung der Äcker lasse das Durchzuziehen von Schafherden dann nicht mehr zu, Bauern dulden kurz vor der ersten Ernte keine Tiere auf ihren Feldern. Im Herbst allerdings, wenn die Äcker abgeerntet sind, zieht die Herde wie früher gemächlich zurück nach Lonnerstadt.

Zwei Rassen hat der 56-Jährige in seiner Herde: Merino-Schafe und seit kurzem auch Moorschnucken. Letztere hat er extra angeschafft, um auch Feuchtbiotope bewirtschaften zu können. Mit seinen anderen Schafen ist das nicht möglich.

Für den Schäfer bedeutet der Sommer draußen mit den Tieren "fünf Monate Camping", wie er selbst scherzhaft sagt. Er selbst übernachtet im Wohncontainer, tagsüber ist er mit der Kontrolle der Herde beschäftigt, die nachts mittels Elektrozaun gesichert wird. Die Arbeit geht dem Schäfer nicht aus: Wer ist krank? Wer hat gerade ein Lämmchen bekommen und muss, damit sich eine gute Mutter-Kind-Bindung entwickelt, erst mal von der Herde getrennt werden? Den Tierarzt braucht ein Schäfer nur für den allergrößten Notfall.

Denn selbstverständlich achtet nicht nur der Hirte auf die Herde und besonders die Lämmer, sondern auch die Mutterschafe: "Die machen richtig Futtererziehung", erzählt Roß. Wer auf der Sommerweide geboren wird, lernt von der Mutter, welche Gräser man fressen kann und welche giftig sind. Ein Wissen, das den Jungen, die im Winter im heimischen Stall geboren werden, fehlt.

Doch die Mutterschafe achten nicht nur auf das Fressverhalten der älteren Lämmer, auch bei den ganz Kleinen sorgen sie für Zucht und Ordnung: Unter 500 Lämmern erkennt ein Mutterschaf ihr Junges an Stimme und Geruch — und wenn sich ein fremdes Kind an die Zitzen schleicht, wird es weggestoßen.

Auch Tochter Susanne hat den Schäferberuf erlernt. Sie kümmert sich mit ihrer Mutter um den Hof in Lonnerstadt, während Vater Klemens mit den Tieren auf der Sommerweide ist.


Während Klemens Roß mit seinen Tieren im Spessart unterwegs ist, kümmert sich daheim seine Ehefrau mit Tochter Susanne, die Schäferin gelernt hat, um den Hof. Um die Problemfälle, die im Stall geblieben sind, um die Böcke. Und vor allem um den Futtervorrat für den Winter, sie bestellen das Grünland, sorgen für Heu und Silage.

Nicht gerade üppig bezahlt

Und wie ist es nun um die Zukunft der Schäferei bestellt? In ganz Deutschland gibt es nicht mal mehr 1000 hauptamtliche Schafzuchtbetriebe, "von den Jungen hat doch keiner mehr Lust auf einen 365-Tage-Job", meint Roß. Einen nicht gerade üppig bezahlten noch dazu.

Früher galten Schafe und Schäfer als Pfennigsammler in der Landwirtschaft — da, wo Mensch und Maschine aufgrund der Bedingungen nicht ernten konnten, da wurden die Schafe tätig. Und heute sind sie diejenigen, die für die viel gerühmte Biodiversität sorgen: "Auf Flächen, wo Schafe grasen, findet man die größte Artenvielfalt." Klemens Roß kann sich deshalb vorstellen, dass Schäfer eines Tages dafür bezahlt werden, dass sie zum Schutz bestimmter Insektenarten beitragen. 

Katrin Bayer Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt E-Mail

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