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Vor Holger muss man keine Angst haben

Beim „Tag des Anderssein“ las Professor Holm Schneider aus seinen Kinderbüchern - 18.11.2014 16:26 Uhr

Die Kinder haben Holm Schneider aufmerksam zugehört, und jetzt wollen sie auch noch so einiges loswerden. © Foto: Kronau


Es ist die Geschichte von Johanna und Holger, die der Autor Holm Schneider an diesem Dienstagvormittag den Kindern in der Weisendorfer Grundschule vorliest. Johanna fürchtet sich vor Holger, weil der so seltsam ist. Holger ist manchmal stumm, oft laut, brabbelt Unverständliches. Und zeigt Johanna einmal ein Nest mit toten Schwalben. Holger ist geistig behindert.

Viele Facetten

Die Geschichte passt gut zum „Tag des Andersseins“, den die Schule veranstaltet. In den Klassen werden viele Facetten beleuchtet. In der Klasse 2 b etwa berichten ausländische Schüler aus ihrer Heimat, die 3a fragt „Was ist ein Flüchtling?“, die 4a hat sich die Teilung Deutschlands vorgeknöpft.

Für alle Klassen gemeinsam gibt es eine Lesung mit Holm Schneider. Die ersten und zweiten Klassen hören „Warum Vampire nicht gern rennen“ und „Wie der Pleitegeier verschwand“. Die dritten und vierten Klassen hören „Neue Nester für die Schwalben“. Das ist die Geschichte von Johanna und von Holger.

Nochmal neu anfangen

Das Mädchen, das so Angst vor Holger hat, erfährt langsam mehr von der Behinderung. Von dem Unfall, der Operation am Gehirn, von den Schäden, die geblieben sind. Johanna erfährt: „Vier Wochen lang lag er im Koma, einem Dauerschlaf irgendwo zwischen Leben und Tod. Als er wieder aufwachte, war er wie ein Baby: Er musste gefüttert und gewindelt werden und brauchte ein Schutzgitter am Bett.“

Dass sich Holm Schneider aus Erlangen solch einem schwierigen Thema in einem Kinderbuch widmet, hat zwei Gründe.

Zum einen: Schneider ist Professor für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Erlangen. „Als Kinderarzt sehe und erlebe ich viel.“ Zum anderen: Holm Schneider ist Vater von sechs Kindern. „Da muss man einfach viel vorlesen“, schmunzelt er. Also warum dann nicht gleich selbst niederschreiben, was man im Beruf erlebt hat und für wichtig hält? „Ich mache das so nebenher, wenn ich beispielsweise mit dem Zug fahre“, erzählt Schneider. Wenn die Idee schon im Kopf entwickelt ist, wird der Laptop ausgeklappt und losgetippt. Das Schreiben ist Hobby. Aber eines, das bei den Kindern ankommt. Es bleibt erstaunlich ruhig, bis Schneider alle 45 Seiten des Buches vorgelesen hat.

Aus dem Leben

Holger braucht nicht nur Freunde, sondern auch eine Aufgabe. Die findet er in der Pflege der Schwalben auf dem Bauernhof. Für den Naturschutzbund macht er das, und er ist jetzt ein echter Teil des Teams. „Ich schreibe nur über Personen, die ich selbst kenne“, betont Holm Schneider. Für das Buch wird natürlich etwas abgeändert, aber im Prinzip sind es Geschichten aus dem wahren Leben.

Am Ende dürfen die Weisendorfer Kinder noch fragen und erzählen: Wen sie kennen, der auch etwas anders ist, oder wer schon mal einen Unfall gehabt hat.

Die kleine Johanna im Buch hat auf der letzten Seite des Buches überhaupt keine Angst mehr. Sie sagt: „Jemand, der keine Aufgabe hat, der muss sich nutzlos fühlen, und das macht einen bestimmt sehr traurig. Gerade jemanden wie Holger, der eigentlich längst erwachsen ist, aber alles noch einmal lernen musste, als wäre er ein Kind. Wie gut, dass er Freunde hat, die das verstehen.“

Schulleiterin Petra Pausch freut sich am Ende, dass die Kinder beim Projekttag so gut mitgemacht haben. Vieles wurde besprochen, vor allem eines soll hängenbleiben: „Es ist völlig in Ordnung, wenn jemand anders ist. Wir müssen nur ganz normal auf ihn zugehen.“ 

MATTHIAS KRONAU

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