Mittwoch, 14.11.2018

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Weitsichtiger Beschluss: "Es hätte ja schiefgehen können"

Warum Herzogenaurach beim aktuellen Breitbandausbau ziemlich gut dasteht - 16.08.2018 11:58 Uhr

Breitgefächertes Angebot, möglich gemacht durch Glasfaser: Jürgen Bauer zeigt die Röhrchen, in denen die Glasfasern stecken. © Foto: Matthias Kronau


Es wird kritisiert, dass Deutschland beim Breitbandausbau im Hintertreffen ist. Ist das so?

Jürgen Bauer: Was den Ausbau des Glasfasernetzes angeht, dann muss man sagen, das ist so. Es gibt eine Statistik, nach der in Deutschland 2017 nur etwa 2,5 Prozent aller Breitbandanschlüsse mit Glasfaser waren. Alle anderen Anschlüsse werden mittels anderer Netztechniken übertragen, also Kupfer oder Koaxial-Kabel.

 

Wie muss man das verstehen, wenn sie von Kupferanschluss reden. Heißt das, die gesamte Strecke vom Ausgangsserver bis zum Empfänger am heimischen PC ist aus diesem Material?

Bauer: Im engeren Sinne sprechen wir von Kupfer- bzw. Glasfaseranschluss, wenn der letzte Abschnitt vom Kabelverzweiger auf der Straße bis zum Haus beziehungsweise der Wohnung aus diesem Material besteht. Man unterscheidet also verschiedene Erschließungstypen. Es gibt beispielsweise Glasfasererschließung nur bis zum Kabelverzweiger auf der Straße, das ist mittlerweile die Regel. Von dort geht es noch einige Meter mit Kupferkabel in das Haus rein. Darüber kann dann DSL oder VDSL verwirklicht werden. Die nächste Variante ist, dass die Glasfasern bis ins Haus reingehen und dann vom Keller aus die bestehende Hausverteilung genutzt wird. Diese Hausverteilung ist bei Altgebäuden in der Regel eine Telekom-Zwei-Draht-Kupferleitung oder das TV-Kabel. Und dann gibt es noch die Variante, dass das Glasfaser bis in die Wohnung geht. Das ist die höchste Ausbaustufe.

 

Von Glasfaseranschluss spricht man aus Sicht des Endkunden also landläufig erst, wenn das Glasfaser mindestens bis in den Keller führt?

Bauer: Genau.

Wieviel Breitband braucht der Mensch eigentlich?

Bauer: Es kommt darauf an, was man damit machen möchte.

 

Nehmen wir den Single, der ein bisschen surft, Urlaubsziele online sucht und youtube ruckelfrei hören will.

Bauer: Na, da würde ich sagen, der kommt sehr gut mit 6 MBit aus. Es wird natürlich anders, wenn der Single eine Familie gründet, und da sind dann zwei Kinder hat, die das Streamen anfangen. Und wenn man dann auch noch ultrahochauflösendes Fernsehen via Internet schauen möchte, und drei Leute schauen drei verschiedenen Programme, dann braucht man schon 50 bis 100 Mbit/s.

 

Wie ist es mit den Handwerksbetrieben oder Firmen?

Bauer: Die Anforderungen sind hier sehr unterschiedlich. Wer etwa hochauflösende Pläne versenden und empfangen möchte, ist sicherlich mit einem Tarif mit 100 Mbit/s Download und 20 Mbit/s Upload gut beraten.

 

Wie sieht es mit den großen Firmen vor Ort aus?

Bauer: Da sind die Anforderungen noch höher, was Datenraten, Ausfallsicherheit und redundante Übertragungswege angeht. Hier stellen wir bereits seit 1999 ausschließlich Glasfaseranbindungen zur Verfügung.

 

Wie ist die Ausgangssituation in Herzogenaurach?

Bauer: Wir haben in den Ortsteilen alle Kabelverzweiger mit Glasfaser erschlossen. Von dort greifen wir auf die Kupferleitungen der Telekom zu, die von den einzelnen Häusern kommen. Damit verkürzen wir für unsere Herzo Media-Kunden die Kupferstrecke, denn die Telekom nutzt in der Regel auch vor dem Kabelverzweiger Kupfer. Dadurch sind für unsere Kunden natürlich höhere Bandbreiten möglich.

 

Und welche sind das?

Bauer: Mit VDSL schaffen wir aktuell bis zu 50 Mbit/s in den Ortsteilen. Mit dem so genannten Vectoring sind dann Anfang 2019 bis zu 100 Mbit/s möglich.

 

Bei Vectoring?

Bauer: Man muss sich das so vorstellen: In einem Hauptkabel verlaufen oft mehrere hundert einzelne Teilnehmerleitungen nebeneinander. Aufgrund der physikalischen Eigenschaften führt dies bei höheren Bandbreiten zu gegenseitigen Störungen. Durch die Vectoring-Technik wird das verhindert, sodass auch 100 Mbit/s bis 250 Mbit/s übertragen werden können.

 

Wie sieht es im Stadtgebiet aus?

Bauer: In allen Neubau- und Gewerbegebieten verlegen wir nur noch Glasfaseranschlüsse. Aktuell stehen dann unseren Kunden mit dem Einzug ins neue Heim bis zu 200 Mbit/s zur Verfügung. Die Bandbreite kann jedoch in Zukunft auf 1 Gbit/s hochskaliert werden.

 

Man sagt immer wieder, dass Herzogenaurach eine gewisse Sondersituation genießt.

Bauer: Ja, in den 70er Jahren ist hier bereits begonnen worden, ein Coax-Netz aufzubauen.

 

Was ist das?

Bauer: Das ist das klassische Kabelnetz zur Übertragung von Fernseh- und Radioprogrammen über Kupferkabel, und bis 1999 wurde es auch ausschließlich dafür genutzt. Dann erfolgte die Hochrüstung auf ein so genanntes HFC-Netz. Das Netz wurde durch Glasfaserringe verstärkt und höhere Frequenzbereiche konnten genutzt werden. Damit war es auch möglich, nicht nur Daten zu empfangen, sondern auch zu senden, was natürlich die Voraussetzung für Internet und Telefonie war. Zudem konnte die Programmvielfalt deutlich erhöht werden.

 

Hätte man das damals machen müssen?

Bauer: Wohl nicht. Das ist für unsere Stadtgröße natürlich eine gewisse Ausnahmesituation, damals wie heute. Die Entscheider damals waren sehr weitsichtig und haben diese risikobelastete Entscheidung getroffen. Es hätte ja schiefgehen können. Auf dieser Basis konnten wir 1999 die Herzo Media GmbH & Co. KG gründen, die sich ausschließlich um den Ausbau und die Weiterentwicklung der Netze gekümmert hat. 2002 konnten wir als erster Internetprovider Breitbandinternet in Herzogenaurach anbieten.

 

Mit welcher Datenrate ging man 2002 an den Breitband-Start?

Bauer: Es waren maximal 1 Mbit/s, das war damals ja schon sensationell.

 

Was ist mit diesem Netz jetzt?

Bauer: Dieses Netz nutzen wir noch heute und es wird weiter ausgebaut und gepflegt. Diese Übertragungstechnik wird von allen großen Kabelnetzbetreibern genutzt und weiterentwickelt. Noch in diesem Jahr werden wir bis zu 200 Mbit/s anbieten, technisch sind aber bereits 300 bis 400 Mbit/s möglich. Das ist auch gut so, denn wir brauchen diese Übergangstechnologie auf dem Weg zur reinen Glasfaserverbindung, die wir ja anstreben. Im Moment leistet uns das HFC-Netz noch wertvolle Dienste.

 

Mal banal gefragt: Wenn die Herzo Media Glasfaser bis in die Häuser verlegen, dürfte das die Telekom dann auch noch?

Bauer: Sicher, ein Monopol gibt es nicht. Allerdings ist das natürlich für jedes Unternehmen eine Wirtschaftlichkeitsfrage, ob sich diese Investition auch rechnet.

 

Lieber nutzt die Telekom dann das Herzo Media Kabel und zahlt dafür?

Bauer: Das ist natürlich möglich. Wir bauen unser Glasfasernetz so auf, dass andere Provider wie z. B. die Telekom Fasern gegen entsprechendes Entgelt anmieten können. Das gleiche gilt für unser Leerrohrnetz. Auch hier vermieten wir Strecken, damit die Telekom ihre Kabelverzweiger mit Glasfaser verbinden kann.

 

Gibt es da geschäftspolitisch einen Unterschied zwischen Herzo Media und der Telekom?

Bauer: Mit Bezug auf Herzogenaurach schon. Wir denken hier nicht kurzfristig gewinnorientiert. Unser Auftrag ist ein anderer. Wir wollen für unsere Stadt langfristig eine optimale Breitband-Infrastruktur zur Verfügung stellen.

 

Wie geht es weiter?

Bauer: Wir erschließen sukzessive ganze Stadtteile mit Glasfaser. Anfang 2019 kommen die Wohngebiete zwischen Hans-Sachs-Str. und Ringstraße sowie Lessingstr. mit ca. 750 Wohneinheiten ans Netz. Bis jedoch das ganze Stadtgebiet mit Glasfaser erschlossen ist, dauert es sicher noch 15 Jahre. Deshalb halten wir ja auch unser Kabelnetz als Brückentechnologie immer auf dem neuesten Stand, um auch in den nächsten Jahren die notwendigen Geschwindigkeiten für alle Haushalte zur Verfügungen stellen zu können.

 

Wie viele Glasfaseranschlüsse sind denn schon geschaltet?

Bauer: Aktuell sind es 150, überwiegend in den neuen Wohngebieten natürlich. Dabei kann man auch klar sehen, dass der Bedarf an Bandbreite noch nicht so groß ist. Lediglich 3 % unserer Kunden nutzen Bandbreiten von 100 Mbit/s und mehr. Da ist noch viel Luft nach oben, und wir sind mit unserem Kabelnetz und dem parallelen Glasfaserausbau sicherlich gut aufgestellt.

 

Ahnen Sie, für was man künftig solche Datenmengen brauchen könnte?

Bauer: Sicherlich sind hochauflösendes Fernsehen und Streaming, aber auch Video-Telefonie Anwendungen, die zukünftig noch mehr Bandbreite fordern. Hinzu kommt, dass immer mehr Nutzer ihre Daten in sog. Clouds auslagern und damit auch deutlich höhere Upload-Geschwindigkeit benötigen. Ich denke, dass wir mit unserem Angebot hier sehr gut aufgestellt sind. Den Nutzer, der noch mehr braucht, kann man sich im Moment etwas schwer vorstellen. Aber das war vor 15 Jahren auch schwierig, als wir stolz auf 1 Mbit/s waren. 

Matthias Kronau Redaktion Herzogenaurach E-Mail

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