Montag, 19.11.2018

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Wenn Sorgen die Beine der Äthiopier schwer machen

33. Hochstraßenlauf in Weisendorf: Flüchtlinge können ihren Doppelsieg vom Vorjahr nicht wiederholen — Gewinnerin aus Neuseeland - 01.07.2018 17:12 Uhr

Kurz nach dem Start sind alle Asse noch beisammen: Sieger Jürgen Wittmann (Nummer 631), links von ihm Siegerin Toni Graham, Kamal Mohammed Umer, dahinter Gezachew Kene Beyene. Rechts von Wittmann der Dritte, Johannes Schwabe von der TS Herzogenaurach, ganz rechts Triathlet Swen Sundberg. © Fotos: Thomas Welker


"Die haben ganz andere Dinge im Kopf", erklärt Eva Eschenbacher von der Erlanger Flüchtlingsinitiative. Und berichtet dann über die schlimmen Nachrichten aus der Heimat, die Kamal Mohammed Umer und Gezachew Kene Beyene fast täglich erhalten. "Äthiopien ist eine Krisenregion, die angesichts der Kriege in Nahost derzeit regelrecht vergessen wird", berichtet sie.

Ihre beiden Schützlinge sind schon lange in Europa (drei beziehungsweise viereinhalb Jahre), anerkannt ist weder der 22-jährige Umer noch der 33-jährige Beyene. Eva Eschenbacher: "Das ist ein zäher Prozess mit ungewissem Ausgang. Das belastet sie sehr." Und betrifft natürlich auch die sportlichen Ambitionen.

Kamal Mohammed Umer hat vergangenes Jahr den Hochstraßenlauf im Regen mit guten 34:28 Minuten über die zehn Kilometer gewonnen. Heuer lief er so langsam los, dass der deutsche Mitfavorit und spätere Sieger Jürgen Wittmann vom LAC Quelle Fürth es kaum glauben konnte. Denn der hatte das äthiopische Duo durchaus als harte Konkurrenten eingestuft. Wittmann: "Ich habe dann nach vier Kilometern mal einen Zahn zugelegt und war sofort weit weg."

Für ihn war es nach eigenen Angaben ein etwas schärferer Trainingslauf, den er nach 35:19 Minuten beendete. Gezachew Kene Beyene wurde immerhin noch Zweiter in 36:07 Minuten, Kamal Mohammed Umer kam als Vierter in 37:33 ins Ziel.

"Warm, warm, Katastrophe" sind die ersten Worte von Beyene, ehe er sich in den Schatten eines geparkten Autos fallen lässt. Und auch Umer wirkt völlig erschöpft. Bei ihm ist das aber leicht erklärbar. Im Fastenmonat Ramadan hat er als gläubiger Moslem überhaupt nicht trainiert, erst am 15. Juni hat er wieder mit dem Laufen begonnen. "Als Vorjahressieger wollte er aber unbedingt starten", übersetzt Eva Eschenbacher.

Beyene hingegen ist Christ, durfte also trainieren, hat aber gelegentlich Motivationsprobleme angesichts seiner misslichen Lage. Seine Betreuerin versucht die Flüchtlinge aber immer wieder aufzumuntern: "Laufen ist für sie das Beste. Das lenkt sie von den Problemen ab." Aber Sorgen machen eben auch Talenten aus der Läufer-Hochburg Äthiopien die Beine schwer. 

Holger Peter E-Mail

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