Mittwoch, 17.10.2018

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"Im Schulsystem werden alle über einen Kamm geschoren"

Schüler mit einer Rechenstörung landen oft auf der Förderschule — Erlanger Eltern kämpfen für die Anerkennung durch das Ministerium - 16.05.2018 18:58 Uhr

Wer an einer Rechenstörung leidet, sieht Zahlen nur als Symbole und kann sie keinen Mengen zuordnen. a © Foto: Pleul/dp


Susanne Schindler und Elke Dünninger aus Erlangen haben jeweils mit ihren Töchtern eine leidvolle Odyssee hinter sich gebracht. Beide Mädchen – 13 und 12 Jahre alt – leiden an einer Rechenstörung. Auffällig wurden die Probleme der Mädchen in der ersten Klasse der Grundschule. In der staatlichen Regelschule, erzählt Dünninger, habe sie aber keine Unterstützung erhalten. Die Lehrkräfte hätten die Rechenstörung nicht erkennen, geschweige denn mit ihr umgehen können. "Man müsste die Lehrer entsprechend fortbilden, denn mittlerweile weiß man, dass sieben Prozent aller bayerischen Schüler davon betroffen sind", sagt Dünninger.

Wöchentliches Training

Laut WHO gehört Dyskalkulie zur Klassifikation psychischer Störungen und wird als Rechenstörung beschrieben. Das bedeutet, dass die grundlegenden Rechenfähigkeiten beeinträchtigt sind. Es heißt auch, dass wichtige Voraussetzungen für die Automatisierung von Rechenoperationen fehlen. - wie optische Differenzierung, Raum-Lage-Verständnis und Links-Rechts-Orientierung.

Jeden Monat investieren Dünninger und ihr Mann viel Geld, um ihre zwölfjähriger Tochter zu unterstützen. Das Mädchen besucht die sechste Klasse einer Montessori-Mittelschule und erhält ein wöchentliches Lerntraining von einer speziell geschulten Lerntherapeutin. Die Förderung hilft dem Mädchen, sie kann in Mathe mit ihrer Klasse mithalten.

Theoretisch könnte sich Dünninger ans Jugendamt wenden. In gravierenden Fällen, wenn neben dem Förderbedarf noch eine emotionale Belastung vom kinderpsychiatrischen Facharzt diagnostiziert wurde, übernimmt die Behörde die Kosten. Susanne Schindler, Mutter von vier Kindern, ist diesen Weg gegangen. Ihre Tochter erzählt: "Als der Kinderpsychiater dann sagte, ich habe eine Rechenstörung, ging es mir noch schlechter, ich wollte einfach normal sein."

Auch Schindlers Tochter, die nicht erkannt werden möchte, wechselte nach zwei Grundschuljahren, die für sie sehr schwierig waren, auf eine Montessori-Schule. Dort war sie kein Einzelfall mehr und erfuhr schulische Unterstützung durch spezielle Fachdidaktik im Fach Mathematik, darüber hinaus absolvierte sie ein externes Lerntraining.

Auch Dünningers Tochter war durch den ständigen Druck in der Grundschule und die fehlende Unterstützung der Lehrer so angeschlagen, dass sie sogar in einer Klinik behandelt werden musste. Ihre Mutter, Elke Dünninger, entschied sich daraufhin, politisch aktiv zu werden. Dünniger gehört im Bayerischen Elternverband zu den Initiatoren der Petition "Nachteilsausgleich und Notenschutz für Schülerinnen und Schüler mit Dyskalkulie", die bis 5. Mai unterzeichnet werden konnte. Darin geht es darum, dass die bayerische Schulordnung, die bislang nur Lese- und Rechtschreibstörungen berücksichtigt, auch Dyskalkulie einbeziehen soll, weil es sich um eine neurologisch nachweisbare Störung handelt. Damit Kinder mit dieser Lernbehinderung ebenfalls einen Nachteilsausgleich bekommen können, wie etwa mehr Zeit für Prüfungen, eine Notenaussetzung oder spezielle Prüfungsmaterialien. Die Petition brachte die Landtags-CSU dazu, einen Antrag im Bildungsausschuss einzubringen. Doch den Erlangerinnen und der Opposition im Landtag, allen voran der SPD, ist dieser Antrag zu kurz gesprungen. Landtagsabgeordnete Alexandra Hiersemann (SPD) berichtet, dass SPD-Vorstöße, einen Nachteilsausgleich bei Diskalkulie einzuführen, aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Landtag seit Jahren immer wieder gescheitert seien.

Henrike Paede, Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands, kennt die Problematik nur zu gut. Sie hat schon viele Eltern beraten: "Das Problem ist, dass das Schulsystem alle über einen Kamm schert." Wer nicht mitkomme, fliege zwangsläufig raus. In der Regel landen Kinder mit Dyskalkulie oft auf der Förderschule, erzählt Paede. Dort könne man zwar individueller auf die Kinder eingehen, doch die Berufsaussichten später seien natürlich viel schlechter als nach Abschluss einer Mittelschule.

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) sagt: "Die Erlebnisse von Eltern mit Kindern, die unter Dyskalkulie oder einer Lese-Rechtschreib-Störung leiden, belegen, dass das alte Schulsystem überholt ist." Auch um mit der Inklusion und den vielen verhaltensauffälligen Kindern umzugehen, brauche es an den Schulen multiprofessionelle Teams oder zumindest Tandem-Klassen mit zwei Lehrkräften. Doch Fleischmann ist optimistisch, dass der neue Kultusminister Bernd Sibler auf die Individualität der Kinder stärker eingehen wird als sein Vorgänger.

23 Förderstellen

Und es hat sich ja schon in diesem Jahr etwas getan. Bayernweit wurden 23 Förderstellen für Dyskalkulie an den Schulämtern eingerichtet, vier davon in Mittelfranken und zwar in Erlangen, Lauf, Gunzenhausen und Schwabach. Ein Sprecher des Kultusministeriums erklärt: "Förder- und Beratungsstellen ergänzen die unterrichtliche Förderung durch Lehrkräfte und beraten Eltern und Lehrkräfte, wenn bei Kindern besondere Probleme beim Rechnenlernen festgestellt worden sind." Im Zentrum der Arbeit stehe die Einzel-Förderung betroffener Kinder. Einen Nachteilsausgleich wie er etwa bei der Lese- und Rechtschreibstörung möglich sei, gebe es nicht und werde es auch nicht geben, so der Ministeriumssprecher.

Ohnehin wurde mit der neuen bayerischen Schulordnung im Jahr 2016 der Rechtsanspruch auf einen Nachteilsausgleich den es bei einer Lese- und Rechtschreibstörung gab, abgeschafft. Ob dieser künftig gewährt wird, liegt inzwischen im Ermessen der Schulleitungen, die Diagnose können Schulpsychologen vornehmen. 

MICHAELA ZIMMERMANN UND EVA KETTLER

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