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Donnerstag, 20.09.2018

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Kritik vom BN: Gift gegen Schwammspinner in Franken

Naturschützer sprechen von "staatlich organisiertem Insektensterben" - 27.08.2018 05:54 Uhr

So sieht sie aus, die Raupe des Schwammspinners. © Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft/dpa


Der Schwammspinner ist eine echte Raupe Nimmersatt. Vor allem bei Eichen knabbert er die Blätter nicht nur an, sondern frisst sie ratzeputz auf. In diesem Jahr hat er ganze Arbeit geleistet: Insgesamt 120 Hektar Eichenwald, die sich auf Flächen bei Bamberg, Uffenheim, Ansbach und Weißenburg verteilen, wurden kahlgefressen. 350 Hektar in den Regionen Bad Neustadt, Coburg, Schweinfurt, Bamberg, Fürth, Uffenheim, Anbach und Weißenburg wurden stark geschädigt.

Um noch größeren Schaden zu vermeiden, hat die Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) im Frühjahr 1057 Hektar Wald in Mittel- und Unterfranken vom Hubschrauber aus mit dem Häutungsbeschleuniger "Mimic" besprüht. Schwerpunkte waren die Landkreise Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und Schweinfurt, größere Flächen gab es auch bei Kitzingen, Würzburg und in den Haßbergen. Auf all diesen Flächen blieben dann auch größere Schäden aus.

"Von Kahlfraß weit entfernt"

"Die blieben aber auch dort aus, wo nicht gespritzt wurde", betont Ralf Straußberger, Wald-Experte des Bund Naturschutz (BN). Ursprünglich wollte die LWF nämlich 1400 Hektar behandeln. Doch der BN verhinderte den Einsatz auf einigen Flächen aus Naturschutzgründen, überdies verweigerten einige Waldbesitzer ihre Zustimmung - obwohl die LWF dort eigentlich einen Schwammspinner-Befall in behandlungswürdigem Ausmaß ausgemacht hatte.

Dieser Wald in Rüdisbronn bei Bad Windsheim wurde trotz Befalls nicht mit Gift behandelt. Die Fraßschäden hielten sich trotzdem in Grenzen. © Foto: BN


"Diese Flächen sehen jetzt natürlich anders aus als die behandelten. Natürlich sind sie etwas lichter. Aber von Kahlfraß ist das weit entfernt. Die Forstverwaltung hat da das Absterben ganzer Waldsysteme an die Wand gemalt und den Waldbesitzern Angst gemacht. Das war eine völlig ungerechtfertigte Hysterie", meint Straußberger. Selbst kahlgefressene Bäume würden danach nicht absterben, sondern mit dem Johannistrieb neue Blätter bilden.

Ein Waldbesitzer bei Bad Windsheim etwa habe schon im Schwammspinner-Jahr 1993 den Gifteinsatz abgelehnt - und jetzt wieder: "Er hat trotzdem einen wunderbar grünen Eichenwald", betont Straußberger.

Die Eiche sei zudem hierzulande die Baumart mit der größten Insektenvielfalt. Viele der 400 Schmetterlingsarten, die um den Baum schwirren, würden durch den Einsatz des Häutungsbeschleunigers ebenfalls vernichtet. "Das ist staatlich organisiertes Insektensterben", sagt Straußberger.

Selbes Mittel wie bei Äpfeln

Ludwig Straßer von der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft sieht das natürlich völlig anders. "Bis es tatsächlich zur Bekämpfung kommt, passiert sehr viel im Vorfeld. Wir erheben die Gelegedichte und die Vitalität der Wälder. Natürlich sterben dann blattfressende Raupen. Aber der Eingriff erfolgt in einem sehr kleinen Zeitfenster. Wir wollen minimal eingreifen", betont Straßer.

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Das müssen Sie über den Eichenprozessionsspinner wissen

Der Eichenprozessionsspinner ist ein Schmetterling, dessen Raupe kurze, für den Menschen gefährliche Brennhaare besitzt. Diese verursachen heftigen Juckreiz bis hin zu Bronchitis oder Asthma. Das bayerische Gesundheitsministerium empfiehlt daher diese Vorsichtsmaßnahmen.


Lediglich einmal wende man "Mimic" an, in Obst- und Gartenbauvereinen würden die Äpfel bis zu achtmal damit einsprüht werden. "Und so einen Apfel hat jeder von uns schon einmal gegessen", erklärt Straßer.

Die Eichen treiben nach der Schwammspinner-Attacke zwar wieder aus, aber dann könne etwa der Mehltau die Blätter befallen. "Dann bekommen die Bäume große Probleme", meint Straßer.

"Wir haben das sehr transparent gestaltet"

In diesem Jahr seien auch einzelne befallene Bestände übersehen worden. Das Ergebnis: kahl gefressene Wälder und zu großen Teilen abgestorbene Eichen.

BN-Vertreter Straußberger hingegen weist darauf, dass es in Bayern gar keine Versuchsflächen gebe, auf denen man dauerhaft untersucht, wie gut die Eichen sich regenerieren können, gesicherte Erkenntnisse über die Sinnhaftigkeit des Gift-Einsatzes würden also fehlen.

"Unsere Mitarbeiter haben einen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz – auch ohne wissenschaftliche Veröffentlichungen", sagt dagegen Straßer. Er ist enttäuscht vom BN, dem man detaillierte Karten der Einsatzgebiete vorgelegt habe. "Wir haben das sehr transparent gestaltet und auch Flächen aus Naturschutzgründen wieder herausgenommen", erläutert Straßer.

 

Martin Müller Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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