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Grundschullehrermangel: Wie gut ist Mittelfranken aufgestellt?

Unterschiedliche Einschätzungen zur Lehrpersonalsituation in der Region - 26.02.2018 17:19 Uhr

Grundschullehrermangel in Franken? Die Regierung Mittelfranken gab Entwarnung. © colourbox.com


Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, (BLLV) Simone Fleischmann, bezeichnete jüngst die Zahlen der Stiftungsanalyse als "alarmierend" und führte dazu aus: "An den Grundschulen herrscht schon jetzt ein eklatanter Mangel an Personal bei gleichzeitig steigenden Anforderungen." Laut Berechnungen des Verbandes sind auch in Bayern große Defizite zu erwarten: Bis 2030 gehen etwa 10.600 Grundschullehrer in den Ruhestand, gleichzeitig steigen die Schülerzahlen von derzeit 58.414 auf 65.330 Schüler bis ins Schuljahr 2026/27. Dieser Zuwachs bedeutet, dass 414 neue Stellen mehr zu besetzen sind — nur um den Status Quo zu halten.

Zum  Freitag verabschiedeten sich bayernweit zudem 450 Lehrer an den Grund- und Mittelschulen. Nur gut die Hälfte der Stellen wird mit Zweitqualifizierten, also Lehrern aus Realschulen und Gymnasien, besetzt werden können, so eine aktuelle Einschätzung der Gewerkschaft. Was mit dem großen anderen Teil geschehen soll, ist ungeklärt, so die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Die Grund-, Mittel- und Förderschulen leiden nach wie vor unter einem massiven Lehrkräftemangel." Zum gleichen Ergebnis kommt Martin Löwe, Landesvorsitzender des Bayerischen Elternverbandes und fordert "endlich langfristige Strategie des Kulturministeriums gegen Lehrermangel."

Deutschland braucht mehr Grundschullehrer

Die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung gelangen zu folgender Einschätzung: "Der aktuell starke Anstieg der Schülerzahlen erfordert aber zusätzliches Personal, vor allem im Zeitraum von 2021 bis 2025. Auch beim Ausbau der Ganztagsschulen und der Weiterentwicklung der individuellen Förderung werden zusätzliche Lehrkräfte gebraucht. Aufgrund der langen Dauer der Lehrerausbildung reicht eine Aufstockung der Ausbildungskapazitäten nicht. Zusätzlich müssen kurzfristigere und flexible Lösungen gegen den Lehrermangel umgesetzt werden." Geeignete zusätzliche Maßnahmen seien ihrer Ansicht nach unter anderem qualifizierte Seiteneinsteiger.

Fleischmann unterstreicht die in der Studie formulierten Forderungen nach qualitativen Maßnahmen: "Wir brauchen Lösungen, die dauerhaft tragen." Diese seien vor allem eine längere Personalplanung, aber auch eine größere Attraktivität des Lehrerberufs. Außerdem sei das derzeitige System zu starr, um auf Veränderungen und Bedarfe sinnvoll ­reagieren zu können.

Auch der Bayerische Elternverband hält die derzeitige Schulpolitik des Kultusministeriums zur Besetzung von Lehrerstellen im Grundschulbereich "für nicht tragfähig" und warnt: "Statistisch mag der Unterricht gesichert sein, es gibt jedoch praktisch keine Reserve, wenn eine Lehrkraft ausfällt."

Außerdem gebe es "zunehmend Ausfälle des regulären Unterrichts in Form von fachfremder Vertretung, Beaufsichtigung durch nichtpädagogisches Personal, unbeaufsichtigte Klassen, bis hin zu temporären Klassenzusammenlegungen oder Verteilungen. Alle diese Formen des Unterrichtsausfalls werden vom Kultusministerium nicht als solche registriert, hier zählt man nur die Fälle, in denen Kinder nach Hause geschickt werden müssen."

Unterschiedliche Einschätzungen zur Lage in Mittelfranken

Ganz in diese Richtung argumentierte im September 2017 noch der Leiter des Schulamtes in Feucht, Joachim Schnabel, in einem Artikel der Hersbrucker Zeitung: "Die Zuweisung reicht zur Versorgung des Unterrichts laut der gültigen Stundentafel aus", aber, so Schnabel weiter, "Zweitqualifikanten und Nachrücker retten uns den Kopf." Die Thematik Lehrermangel werde "mindestens noch fünf Jahre" bestehen, war damals die Warnung des Schulamtsleiters.

Jetzt, im Februar, zu den alarmierenden Zahlen der Bertelsmann-Studie befragt, gab Schnabel keine weiteren Informationen und verwies kommentarlos auf die Pressestelle der Regierung von Mittelfranken. Auch die Rektoren der hiesigen Grundschulen halten sich bedeckt. Wie es konkret vor Ort aussieht, ist schwer einzuschätzen, da die Schulleiter aufgrund einer Dienstanweisung zum Thema nicht Stellung beziehen dürfen.

Trotzdem berichtete eine Rektorin im Landkreis, dass sich die Zuteilung von Zweitqualifizierten anfangs als durchaus schwierig erwies, vor allem aber die viel zu geringe Zahl der Mobilen Reserve äußerst problematisch sei. In Krankheitsfällen müssten Klassen deshalb oft parallel geführt werden und dies ließe einen regulären Unterricht nicht mehr zu.

Laut einer Stellungnahme der Regierung von Mittelfranken sind "alle Klassen im Landkreis Nürnberger-Land versorgt. Durch die Zuweisung der Regierung von Mittelfranken konnten alle Personen, die aufgrund von Elternzeiten und Pensionierungen zum Halbjahr 2018 weggehen werden, ersetzt werden (Stand: 7. Februar 2018)."

Auf die Nachfrage zu den Prognosen für das nächste Schuljahr beziehungsweise die nächsten Jahre und entsprechenden Maßnahmen erfolgte die Antwort: "Kurzfristig werden zum Halbjahr neue Lehrkräfte, vor allem Zweitqualifikanten aus den Lehrämtern für Gymnasien und ­Realschulen, durch die personalführende Behörde, die Regierung von Mittelfranken, eingestellt. Engpässe an Einzelschulen werden durch Überstunden und teilweise durch Teilzeiterhöhungen einzelner Lehrkräfte aufgefangen. Im äußersten Notfall werden auch Klassen für einige Tage auf mehrere Klassen aufgeteilt."

Langfristig seien Mehreinstellungen geplant und aufgrund der Altersstruktur im Landkreis auch in den nächsten Jahren mit einem hohen Bedarf an Lehrkräften im Grund- und Mittelschulbereich zu rechnen, räumte die Behörde auf Anfrage der PZ aber ein. 

Erich W. Spieß

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