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Donnerstag, 20.09.2018

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Juden aus New York auf Spurensuche in Schnaittach

Großvater wurde als einziger seit 1938 auf jüdischen Friedhof bestattet - 30.05.2018 14:15 Uhr

Die Gäste aus New York besuchten das Grab ihres Großvaters. Heinrich Freimann kam 1950 zurück nach Schnaittach und ist der einzige, der nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem jüdischen Friedhof bestattet wurde. © Gumann


Bis Ende 1938 waren fast alle Juden aus Schnaittach vor den Nationalsozialisten geflohen oder deportiert worden, Heinrich und Norie Freimann blieben bis Mai 1939. Ihre Kinder hatten auf Drängen der Eltern ihre Heimat schon vorher verlassen. Paula und Paul gingen 1933 beziehungsweise 1935 nach Lyon, Herta kam über Rotterdam am 20. Juli 1938 nach New York, mit 25 Dollar in der Tasche. Sie arbeitete als Dienstmädchen, heiratete und bekam zwei Töchter. Diese, Norma Chacona und Carol Kalen, sind nun von New York in den Markt gereist.

Den damals erst achtjährigen Max Kurt, der in Schnaittach von Mitschülern als Handelsjudenkind gemobbt worden war, hatten seine Eltern 1937 in einem Internat in Straßburg untergebracht. Bei ihrer Emigration im Mai 1939 gelang es ihnen, den Jungen mit nach Lyon zu holen. Die Familie überlebte versteckt, teils in einem Kloster. Sie hatten mehr Glück als einige andere Schnaittacher Juden, die von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden.

Enkelinnen lernten Deutsch

Nach dem Ende des Krieges übersiedelten Heinrich und Norie zu ihrer Tochter Herta und deren Familie in die Staaten. Norma Chacona erzählte lachend in deutscher Sprache von ihrem Opa, der sich mit seiner kleinen Enkelin stets in seiner Muttersprache unterhalten hatte.

Nach dem Tod seiner Frau kehrte Heinrich Freimann im Jahr 1950 nach Schnaittach zurück. Mit seinem Sohn Paul betrieb er seit 1951 wieder das alteingesessene Geschäft Lichtenstädter-Freimann. Heinrich starb im Januar 1952 und wurde – als einziger Jude seit 1938 – auf dem dritten jüdischen Friedhof bestattet. Norma und Carol besuchten die Ruhestätte ihres Großvaters. Sie weilten auch lange auf dem christlichen Friedhof bei dem Grab ihres Onkels Paul und dessen Frau Elly. Beide waren zum katholischen Glauben konvertiert, nachdem Paul während der Besatzung in Frankreich entdeckt und deportiert worden war. Es gelang ihm zu fliehen, er gelangte zurück in das Jesuitenkloster in Lyon und ließ sich taufen, blieb jedoch im Untergrund versteckt. Die Besucherinnen legten auf den Grabstätten, wie es im jüdischen Glauben üblich ist, Steinchen ab.

Ehemänner kamen mit

Begleitet wurden sie von ihren Ehemännern Chris und Don sowie von Monika Berthold-Hilpert vom Jüdischen Museum, die im vergangenen September einen Vortrag über die Familie Freimann gehalten hatte und in der "Fundgrube" der Pegnitz-Zeitung (50. Jhrg. Heft 2) darüber berichtet hatte. Sie führte die Gäste bei ihrer Spurensuche zunächst in die Synagoge, in der die Vorfahren den Gottesdienst besuchten, und anschließend auf die Friedhöfe.

Unterwegs beugten sich Norma und Carol bewegt über die Stolpersteine, die für Heinrichs Geschwister Simon und Dina und für die im Haushalt der Freimanns lebende Marianne Künstler vor den Wohn- und Geschäftshäusern in der Nürnberger Straße 7 und 9 eingelegt sind. Sie interessierten sich sehr für die Geschichten, die noch über ihre Familie erzählt werden. Insbesondere Paul und Elly sind noch einigen Einwohnern gut in Erinnerung, und Monika Berthold-Hilpert konnte viel von dem berichten, was von Freunden der Freimanns und von Kunden und Zeitzeugen erzählt wurde. Bei den lebhaften Gesprächen wurden Bilder und Erinnerungen ausgetauscht. Norma und Carol werden nach ihrer Rückkehr ihrer und den anderen "Schnaittacher Familien" viel zu berichten haben. 

Birgit Kroder-Gumann

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