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Mehr als Kabarett: Egersdörfer und Moll zu Gast in Lauf

Geschichte einer geteilten Stadt - Kritik an Kommunalpolitik - 30.11.2014 09:15 Uhr

Wieso ist Lauf eine geteilte Stadt und was ist mit den alten Gräbern auf dem Friedhof passiert? Das und viele weitere Themen rissen Egersdörfer und Moll am Samstag an. © Hans von Draminski


Die Trennlinien mögen nicht mehr so deutlich sein, die alten Seilschaften mittlerweile weggezogen oder verstorben - aber wenn die in Lauf aufgewachsenen einstigen Schulfreunde Egersdörfer (Jahrgang 1969) und Moll (geboren 1970) über die Befindlichkeiten und sozialen Vorprägungen der Menschen aus Lauf links oder rechts der Pegnitz sinnieren, dann zeigt das schallende Gelächter der Insider im Publikum, dass manche Gräben eher mühsam zugeschüttet wurden.

Hier das Arbeiterviertel, passender Weise auf der linken Pegnitzseite, dort das sich elitär gebende und in seinen Ansichten ziemlich „braune“ Lauf rechts des Flusses: Die Welt, die Matthias Egersdörfer und Philipp Moll in der Duo-Lesung „Dreck am Stecken“ wie ein pastellfarbenes Kaleidoskop aufklappen, zum Leuchten bringen, in Rotation versetzen, ist noch gar nicht so weit entfernt. Nur ein paar Jahrzehnte. Und doch atmet dieses stark autobiografische Programm intensiv Nostalgie.

In „grandioser Selbstüberschätzung“ habe man die Freunde damals zu kulturellen Abenden ins Kellertheater eingeladen. Diese Hybris habe zugenommen, die Angst vor Blamagen habe sich in gleichem Maße verringert, meinen die beiden wortgewaltigen Sarkastiker im rappelvollen JuZ-Saal und kündigen an, „Lauf von allen Seiten“ thematisieren zu wollen.

Das kann sehr witzig sein, wenn etwa Matthias Egersdörfer über Kinobesuche in Kindheits- und Jugendtagen von den Schlümpfen bis Bud Spencer erzählt. Der sepiafarbene Rückblick schlägt allerdings schnell in Melancholie um, denn das Kino Metropol, in dem Egersdörfer so etwas wie einen „großen, seligen Zauber“ erlebte musste inzwischen der Abrissbirne weichen.

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Spaß und bitterer Ernst: Egersdörfer und Moll lesen in Lauf

Zwei der bekanntesten Söhne Laufs hat es am Samstagabend in ihre alte Heimatstadt zurückgezogen. Matthias Egersdörfer und Philipp Moll begaben sich im Nürnberger Land auf Spurensuche. Dem Publikum wurden neben bester humorvoller Unterhaltung auch ernste Themen geboten. So kritisierten die beiden Kabarettisten scharf die aktuelle Kommunalpolitik.


Solchen Reminiszenzen hält Philipp Moll sein „erfolgloses Leben im Schoße von Mutter Rock'n'Roll“ entgegen, das nach dem Blockflötenkreis der Klasse 2b zwischen Punk und Schwermetall keine echten musikalischen Höhepunkte mehr bereit hielt - außer einem Besäufnis mit durchlochten Bierdosen, das in einer konzertanten Katastrophe mündete.

Deutlich weniger werden die Lachmuskeln bei jenem Interview strapaziert, das Matthias Egersdörfer für sein Buch „Die Reise durch Franken“ mit Philipp Molls Mutter Lina führte. Hier wird der alltägliche Wahnsinn des Lebens im Nationalsozialismus deutlich. Und es wird klar, dass das Verhältnis gerade älterer Menschen zu jener dunklen Epoche bis heute ambivalent ist, dass nicht alles als schlecht empfunden wurde, weil die Indoktrination der Jugend perfekt funktionierte. Um ein Haar hätte Lina sogar ihren Vater, der Sozialist war, angezeigt. Solche harten Texte liest Matthias Egersdörfer lakonisch, bewusst unemotional, und erhöht so noch ihre Sprengkraft.

Einig sind sich die Schulfreunde von einst, dass manches in Lauf unter dem Grünen-Bürgermeister Benedikt Bisping nicht besser geworden ist, zum Beispiel die Friedhofsordnung, deren Neufassung die Bepflanzung vieler historischer Grabstätten zum Opfer fiel. Da wird das Zweigespann, das sich die Themen-Bälle mit virtuoser Leichtigkeit zuwirft, böse und bräsig, ätzt und schimpft und bekommt die einhellige Zustimmung der Zuhörer. Das ist nicht mehr Kabarett, sondern konkrete Kritik an der Kommunalpolitik.

Denn auch, wenn „Egers“ und Moll längst der Faszination der Großstadt erlegen und nach Fürth beziehungsweise Nürnberg umgezogen sind: Ihre Heimatstadt liegt den beiden Berufszynikern am Herzen und Missstände brennen ihnen auch dann in der Seele, wenn es sie nur noch mittelbar etwas angeht. Heimatverbundenheit, wie sie fränkischer nicht sein kann. 

Hans von Draminski

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