Mittwoch, 21.11.2018

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Paar aus dem Schnaittachtal bei ungewöhnlicher Rallye

Im eisigen Norden Europas reisten sie im umgebauten SUV bis ans Nordkap - 01.04.2018 19:45 Uhr

Die Kälte machte dem Schnaittacher Paar Franzi Pirner und Mario Grummt dank der richtigen Ausrüstung kaum etwas aus. © privat


Über traumhafte Landschaften, kuriose Tauschgeschäfte und eine tierische Begegnung sprachen die beiden mit der Pegnitz-Zeitung. 

PZ: Frau Pirner, Herr Grummt, war die "Baltic Sea Circle – Winter Edition" für Sie eher ein Wettrennen oder Sightseeing?

Pirner: Im Schnitt sind wir jeden Tag elf, zwölf Stunden gefahren. Meist sind wir gegen acht oder neun Uhr los und haben erst um 21 Uhr den Motor wieder ausgemacht. Das waren 300 bis 800 Kilometer täglich – je nach Streckenverhältnissen. Wenn man etwas Schönes gesehen hat, ist man kurz auf die Bremse gestiegen, raus aus dem Auto, Foto machen und weiter. Mitgemacht haben 46 Teams. Nicht alle sind angekommen…

Grummt: Der Toyota der "Old Farts" fiel schon recht früh mit einem Zylinderkopfschaden aus. Beim Land Rover von "Water In, Oil Out" waren es zwei Radlagerschäden kurz hintereinander. Beide haben abgebrochen.

"Manche kannte man schon von Facebook"

PZ: Wie war denn der Umgang mit den anderen Teilnehmern?

Grummt: Am Tag bevor es losging haben wir die anderen bei einem Treffen in einer typischen Hamburger Hafenkneipe kennengelernt. Da kommt man schnell ins Gespräch. Manche kannte man schon von Instagram oder Facebook, dadurch war schnell das Eis gebrochen.

PZ: Sie beide sind erst etwa ein halbes Jahr zusammen. Wie hat das unterwegs geklappt?

Grummt: Sehr gut. Bei uns gibt es nicht dieses typische Mann-Frau-Gehabe. Wir mussten uns blind aufeinander verlassen. Wenn man sich mal verfährt, dreht man eben um. Wir haben das sportlich gesehen (die Nutzung von Autobahnen und Navigationssystemen war nicht erlaubt, Anmerkung der Redaktion). Für die Beziehung war es ein kleiner Test. Und wir haben uns nicht ein einziges Mal gefetzt.

PZ: Teilweise wurde es richtig kalt im Hohen Norden. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?

Pirner: Im Auto war das problemlos. Wir hatten die richtige Ausrüstung dabei, um auch bei bis zu minus 23 Grad in Nordfinnland im Auto schlafen zu können. Mit Schlafsäcken und zwei Decken pro Nase ging das. Einmal hat bei minus 19 Grad der Campingkocher versagt. Bei dieser Temperatur wird die Gasflamme nicht warm genug. Das heißt, es gab keinen Kaffee. Dann war die Stimmung natürlich mies (lacht).

PZ: Sie mussten unterwegs immer wieder Aufgaben bewältigen.

Pirner: Für jeden Tag hatten sich die Veranstalter eine Schnitzeljagd ausgedacht. Eine Aufgabe war die "Wikinger-Weihe": Damit man in den Norden fahren darf, muss man sich den Wohlgefallen Odins verdienen. Wir mussten Eisen aus Skandinavien, einen grünen Zweig eines schwedischen Baums und einen Stein der dänischen Küste zusammenbinden und im heiligen Steinkreis von "Ales Stenar" in Kaseberga mit Wasser aus der Ostsee übergießen. Das gelang uns dann auch im Stockdunkeln gegen 22 Uhr.

Kuriose Tauschaktion

PZ: Auch eine kuriose Tauschaktion haben Sie hinter sich.

Grummt: Wir haben vom Veranstalter in Deutschland eine blaue Büroklammer bekommen. In Dänemark mussten wir sie für einen anderen Gegenstand eintauschen, und das auch in jedem weiteren Land. Eine Teekanne aus Edelstahl, die wir in Schweden bekommen haben, hätten wir gern behalten. Zurückgekommen sind wir aber mit einem T-Shirt der Marke Gulf von einem finnischen Tankstellenbetreiber. Ab Russland haben wir das Tauschen aus Zeitgründen nicht mehr geschafft.

PZ: Haben alle Teams diese Aufgaben mitgemacht?

Pirner: Das Gewinnerteam hat sich auf die Aufgaben konzentriert und hat wenige Pausen gemacht. Andere haben die Aufgaben gar nicht gemacht und sind abends lieber in Wellnesshotels abgestiegen.

PZ: Wie viel haben Sie von den anderen Teilnehmern mitbekommen?

Pirner: Mit drei Teams sind wir regelmäßig zusammen gefahren. Sonst war es Zufall, dass man jemanden getroffen hat. Ein belgisches Team ist uns zum Beispiel in einem Yachtclub in Estland beim Essen begegnet.

PZ: Einen Zwischenstopp haben sie in der Inselregion Lofoten in Norwegen gemacht.

Grummt: Wir sind mit der Fähre über Nacht dorthin gefahren. Als wir um 6.30 Uhr gelandet sind, ging gerade die Sonne auf. Das ist landschaftlich unfassbar. Das sieht aus wie die Alpen im Wasser. Wir waren so beeindruckt, dass wir uns eine Träne verdrücken mussten. Das wird definitiv unser nächstes Urlaubsziel.

Ein Elch in freier Wildbahn

PZ: Was haben Sie von der Tierwelt mitbekommen?

Grummt: Auf dem Weg zu einem Gletscher in Norwegen hat uns ein offenbar noch junger Elch beobachtet. Es war leider der einzige, den wir in freier Wildbahn gesehen haben.

PZ: Der nördlichste Punkt Ihrer Tour war das Nordkap. Gab es auch brenzlige Situationen?

Grummt: Wir waren auf einer verschneiten Passstraße unterwegs, als uns ein Streckenposten in unserer Fahrspur entgegen kam. Franzi saß am Steuer und stieg auf die Bremse, aber unser Wagen kam auf der vereisten Straße komplett ins Rutschen. Wir sind mit dem Auto leicht quer auf ihn zugerutscht. Als sie rechtzeitig von der Bremse runter ging, griff der Allrad wieder. Das war deutlich unter einem Meter vor dem anderen Auto.

PZ: Welche Eindrücke haben Sie aus Russland mitgenommen?

Pirner: Wir haben bei Ein- und Ausreise jeweils zwei Stunden an der Grenze gebraucht. Die Zollbeamten müssen viele Leute abfertigen, die sind schlecht gelaunt. Bei anderen Teams wurden die Autos komplett durchsucht. Die standen dann vier Stunden und mehr. Im Land selbst sieht man ärmlichste Verhältnisse, die Straßen sind nichts als Feldwege, die Häuser marode oder eingefallen und trotzdem wohnt dort noch jemand.

"Chaos pur" in Russland

PZ: Welchen Eindruck haben Sie von St. Petersburg gewonnen?

Grummt: Was man über den russischen Verkehr sagt, stimmt nicht. Es ist viel schlimmer. Chaos pur (lacht).

PZ: Wie haben Sie die baltischen Staaten erlebt?

Pirner: Estland ist unglaublich europäisch, unglaublich weit entwickelt, ein Zeitsprung im Vergleich zu Russland. In Lettland und Litauen baut es wieder ab.

PZ: Worauf haben Sie sich bei Ihrer Rückkehr am meisten gefreut?

Grummt: Auf die Kombination aus bekanntem Bett und naher Dusche. Vorher hatten wir uns darüber gefreut, dem Alltag zu entkommen. Wenn man wieder da ist, schätzt man wieder Dinge wie Strom und warmes Wasser.

PZ: Was hat ihnen der etwas andere Urlaub gebracht?

Grummt: Es war unglaublich gut, um abzuschalten. Man ist von der Arbeit abgelenkt, das ist sehr erholsam. Außerdem hat es unsere Liebe für Skandinavien vertieft. Da ist es wunderschön und wir waren nicht zum letzten Mal dort. Wir haben allerdings gehofft, mehr Eindrücke von der Kultur mitzunehmen. Dafür hat die Zeit leider nicht gereicht.

"Was machen wir als nächstes?"

PZ: Wollen Sie in Zukunft bei anderen Rallyes dieser Art mitmachen?

Pirner: Es hat Bock auf mehr gemacht. Als wir daheim waren, haben wir uns gesagt: Das Auto haben wir jetzt ja – was machen wir als nächstes?

PZ: Die Teilnehmer der "Baltic Sea Circle" sammeln Geld für einen guten Zweck. Welche Summe haben Sie erreicht?

Grummt: 2760 Euro. Eine Hälfte geht an die Arche, die andere an die Nürnberger Streetbunnycrew (Motorradfahrer im rosa Hasenoutfit, die für wohltätige Zwecke sammeln, Anmerkung der Redaktion). Mit den Streetbunnies auf der Motorhaube sind wir in Hamburg auch über die Ziellinie gefahren. Die Aufgabe für den kreativsten Zieleinlauf haben wir dadurch gewonnen.

PZ: Für diese außergewöhnliche Rund­reise haben sie mit den Umbauten am Auto und den Benzinkosten rund 5500 Euro ausgegeben. War es das wert?

Beide: Absolut! 

Andreas Kirchmayer

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