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Marktredwitz will Industriedenkmal "Glasschleif" retten

Ehemalige Produktionshalle der Glasindustrie soll Veranstaltungsort werden - 11.03.2013 08:37 Uhr

Die Glasschleif in Marktredwitz - eine Fabrikhalle, in der bis Mitte der 1980er Jahre Tafel- und Spiegelglas hergestellt wurde. Die Stadt plant für das mehr als 100 Jahre alte Industriegebäude eine Nutzung als Veranstaltungshalle. © David Ebener, dpa


Die großzügig konstruierte Halle steht leer. Schon lange. Es ist still und kalt. Doch bald soll hier wieder Leben einziehen. Aus dem Industriedenkmal „Glasschleif“ im oberfränkischen Marktredwitz soll eine Veranstaltungshalle werden.

Die Halle, vor genau einem Jahrhundert in den Jahren 1912 und 1913 gebaut, ist mit den meist schmucklosen gewerblichen Zweckbauten unserer Tage nicht zu vergleichen. Die Fassade ist mit repräsentativen Ziergiebeln ausgestattet. Man könnte dahinter eine große Bibliothek vermuten, eine Universität vielleicht oder ein Jugendstil-Bad, sogar ein sakraler Raum wäre denkbar. Doch das Gebäude war schlicht eine Produktionsstätte: Spiegel und Spiegelglas wurden früher hier hergestellt – unter einer beeindruckenden Stahlkonstruktion.

„Frei überspannt und stützenfrei“, wie Alexander Rieß von der Stadtentwicklungs- und Wohnungsbau GmbH Marktredwitz sagt. 69 auf 31 Meter groß ist die Halle. „Diese Bauart und diese Qualität findet man bayernweit in keiner anderen Halle“, betont Rieß. Statiker sagen, selbst wenn man das Dach mit modernem Dämmmaterial versieht, halte die Konstruktion. Bis zu 14 Meter hoch ist das Dach.

„In Bayern gibt es nichts Vergleichbares. Höchstens im Ruhrgebiet sind solche Hallen noch zu finden“, sagt der Architekt Gerald Braun vom Bauamt Marktredwitz. „Das Gebäude erzählt Industriegeschichte.“ Denn die „Glasschleif“ ist Zeugnis der industriellen Vergangenheit der Stadt und damit des gesamten Nordosten Frankens.

Die Glasindustrie spielte hier einst eine wichtige Rolle. Heute freilich ist sie längst verschwunden. Doch die „Glasschleif“ ist immer noch da. Die Fürther Firma Bendit ließ die „Glasschleif“ einst errichten. In Fürth war die Spiegelglas- und Spiegelindustrie im 19. Jahrhundert enorm gewachsen. Glashütten hatten die Unternehmen allerdings in Oberfranken, der Oberpfalz und Böhmen – denn hier gab es die benötigten Rohstoffe sowie Wasser und Brennholz, um die Glashütten sowie die Polier- und Schleifwerke zu betreiben.

Für die „Glasschleif“ engagierte das Unternehmen den Nürnberger Architekten Jean Voigt, die kühne Stahlkonstruktion für das Dach kam von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN). „Der Sinn für Baukultur war damals anders“, sagt Braun. „In dieser Zeit hatte auch Industriearchitektur einen künstlerischen Anspruch“, ergänzt Rieß. Große Schleifteller mit bis zu 17 Metern Durchmesser waren hier aufgestellt, produziert wurde Spiegelglas beispielsweise für Eisenbahnwaggon-Fenster oder Schaufenster.

Doch Anfang der 1930er Jahre liefen die Geschäfte wegen der Weltwirtschaftskrise immer schlechter, die Produktion in Marktredwitz wurde eingestellt. Dann kamen die Nazis an die Macht. Und die Bendits waren Juden. Die Unternehmersfamilie floh aus Deutschland. Kurzzeitig wurden im Zweiten Weltkrieg auch Rüstungsgüter in der „Glasschleif“ produziert, nach 1945 übernahm ein Unternehmen aus Schwandorf die Produktionsstätte bis in die 1980er Jahre. Danach brachte die Stadt ihren Bauhof darin unter. Doch die städtischen Arbeiter sind mittlerweile auch wieder ausgezogen.

Nun soll eine Veranstaltungshalle aus der „Glasschleif“ werden – für kulturelle Ereignisse, aber auch für Konferenzen und Kongresse mit Platz für bis zu 3000 Menschen. Erste Kostenschätzungen gehen von bis zu 30 Millionen Euro aus, die Stadt hofft auf eine Förderquote von 90 Prozent. Braun und Rieß betonen, dass man trotz der anstehenden Umbauarbeiten möglichst viel von der ursprünglichen Architektur erhalten wolle.

Auch wenn man natürlich rechtliche Rahmenbedingungen wie etwa zum Brandschutz und zur Dämmung einhalten müsse. „Das ist alles lösbar“, sagt Bau-Experte Rieß. „Wir wollen nur da eingreifen, wo es nötig ist“, betont Braun. 

Von Kathrin Zeilmann, dpa

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